Wenn ein US-Präsident offen daran arbeitet, die Notenbank auf Linie zu bringen, geht es nicht mehr um ein paar Basispunkte rauf oder runter. Dann steht die Grundfrage im Raum, wer in den USA eigentlich den Takt vorgibt: Wirtschaftsdaten oder politischer Wille. Genau an diesem Punkt landet die Debatte, seit Donald Trump immer lauter nach deutlich niedrigeren Zinsen ruft – gern runter auf 1,0 Prozent.
Die Notenbanker sehen das deutlich vorsichtiger. Für die Sitzung am kommenden Mittwoch wird eine Zinssenkung um 25 Basispunkte erwartet, auf einen Korridor zwischen 3,5 und 3,75 Prozent. Mehr ist vorerst nicht drin. Die Inflationsrate liegt ungefähr einen Prozentpunkt über dem Fed-Ziel von zwei Prozent, gleichzeitig zeigen die Arbeitsmarktdaten Risse. Die Notenbank muss beides gleichzeitig im Blick behalten: stabile Preise und möglichst robuste Beschäftigung.
Trump dreht an der Zinsschraube
Trump interessiert vor allem das billige Geld. Aus seiner Sicht ist ein niedriger Leitzins so etwas wie ein Multitool: gut für Wachstum, Jobs, Börsenlaune – und nebenbei für die eigene politische Bilanz. Wer die Notenbankspitze bestimmt, bekommt damit Zugriff auf genau diesen Hebel.
Der aktuelle Fed-Chef Jerome Powell blockt den offenen Druck bislang ab. Er argumentiert öffentlich datengetrieben und nicht entlang der Präsidentenwünsche. Das kommt im Weißen Haus schlecht an. Also läuft bereits das Rennen um den möglichen Nachfolger: Powells Amtszeit endet im Mai 2026, Trump will im Januar verkünden, wen er sich als neuen Chef an der Spitze der Notenbank vorstellt.
Kevin Hassett als Wunschkandidat
Vorne gehandelt wird Kevin Hassett, 63 Jahre alt, Ökonom und Direktor des National Economic Council – damit der wichtigste wirtschaftspolitische Berater im direkten Umfeld des Präsidenten. Kritiker sehen in ihm den politischsten Kandidaten im Feld. Auffällig ist vor allem seine Loyalität. Als Trump die Chefin des Bureau of Labor Statistics, Erica McEntarfer, mit dem Vorwurf manipulierte Jobdaten entließ, verteidigte Hassett diesen Schritt in mehreren Fernsehauftritten und stellte die Statistikpraxis grundsätzlich infrage.
Gleichzeitig bleibt die Skepsis am Markt nicht verborgen. Nach einem Bericht der „Financial Times“ meldeten sich Investoren im Finanzministerium und äußerten Zweifel, ob Hassett fachlich und temperamentmäßig die richtige Besetzung wäre. In einem Treffen mit einem Beratergremium soll er demnach lieber ausführlich über den Kampf gegen mexikanische Drogenkartelle gesprochen haben als über Finanzmärkte. Dazu kommt: Ob er im Offenmarktausschuss überhaupt Mehrheiten für einen aggressiven Zinssenkungskurs organisieren könnte, ist offen. Und wer Trump länger beobachtet, weiß: Am Ende kann jederzeit ein völlig anderer Name aus dem Hut gezogen werden.
Was ein Kurswechsel der Federal Reserve anrichten kann
In der Ideallogik einer unabhängigen Notenbank funktioniert die Federal Reserve wie ein Metronom für die Konjunktur: Läuft die Wirtschaft heiß, geht der Zins rauf, kühlt sie ab, geht er runter. Greift die Politik direkt ins Zifferblatt ein, gerät dieses Muster ins Wanken.
An den Aktienmärkten dürften deutliche Zinssenkungen zunächst für gute Laune sorgen, auch in Europa. Schon die Aussicht auf einen kleinen Schritt nach unten schiebt die Kurse an. Auf dem Anleihemarkt sieht es heikler aus. Wenn die Zinsen politisch gedrückt werden, während die Inflation hartnäckig über dem Ziel liegt, kann das Vertrauen in US-Staatsanleihen bröckeln. Steigen die Inflationserwartungen, ohne dass die Notenbank glaubwürdig dagegenhält, sinken die Kurse der Treasuries und die Renditen ziehen an. Genau das war Anfang April zu sehen, als Trumps Zollpolitik die Märkte erschreckte und die Renditen der Zehnjährigen sprunghaft anzogen – mit der Folge, dass die Finanzierung des hohen Haushaltsdefizits schlagartig teurer wurde.
In der Praxis soll die Federal Reserve aber gerade diese Stabilität liefern: Sie ist dafür da, Konjunkturübertreibungen abzufedern und Vertrauen in die größte Volkswirtschaft der Welt zu sichern. Wenn die Grenze zur politischen Steuerung weiter verwischt, geraten eingespielte Muster im Depot ins Rutschen – etwa die Annahme, dass Staatsanleihen dauerhaft als ruhiger Gegenpol zu Aktien taugen.
Ob die Federal Reserve am Ende zum verlängerten Arm des Weißen Hauses wird oder ihre Rolle als unabhängiger Taktgeber verteidigt, entscheidet weit mehr als die nächsten Quartalszahlen. Es geht darum, wie viel Gewicht künftig noch nüchterne Daten haben – und wie viel Macht ein Präsident sich im Zweifel über den Zinshebel sichert.

