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12. Dezember 2025

Warum Thyssenkrupp ausgerechnet beim Hightech-Stahl die Reißleine zieht

ThyssenKrupp
Foto: depositphotos.com / thyssenkrupp

Keine Nebelkerze, sondern ein harter Schnitt

Wenn ein Konzern ausgerechnet bei einem Hightech-Produkt den Hahn zudreht, ist das kein normales Sparprogramm mehr – das ist Alarmstufe Rot. Genau das passiert gerade bei Thyssenkrupp Steel Europe: Die Stahlsparte stoppt die Produktion von kornorientiertem Elektroband vorerst.

Das Werk in Gelsenkirchen wird bis Jahresende „vollständig“ dichtgemacht, so steht es in der Pressemitteilung vom Donnerstag. Und am zweiten Standort in Isbergues (Frankreich) soll nach dem kompletten Herunterfahren sogar vier Monate lang nur noch mit halber Kapazität gearbeitet werden. Insgesamt geht es an beiden Standorten um 1200 Arbeitsplätze.

Bei Thyssenkrupp wird gern mal Theaternebel geworfen. Diesmal wirkt es eher wie ein echter Schlag auf den Tisch: Es trifft ein Produkt, bei dem Thyssenkrupp technologisch führend ist. Und das macht die Sache so brisant.

Offiziell lautet die Begründung: billige Importe, die stark zugenommen haben – „insbesondere aus Asien“, also China, Japan und Südkorea. Übersetzt: Da kommt Stahl rein, der so günstig ist, dass sich das eigene Geschäft nicht mehr rechnet.

Elektroband ist kein Spielzeugstahl

Kornorientiertes Elektroband klingt nach Fachchinesisch – ist aber ziemlich simpel in der Wirkung: Das Zeug wird vor allem für Transformatoren gebraucht. Und Transformatoren sind das, was Umspannwerke am Laufen hält und was bei Windkraftanlagen eine zentrale Rolle spielt. Kurz: Das Material hängt mitten in der Energiewende.

Thyssenkrupps Elektroband gilt in der Branche als hochwertig, also als Ware, mit der man eigentlich Geld verdienen können müsste. Im gerade veröffentlichten Geschäftsbericht 2024/2025 steht, dass die Rohstahl-Versandmenge bei Thyssenkrupp Steel gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent gefallen ist. Elektroband und Verpackungsstahl hätten mit höheren Versandvolumina schlimmere Zahlen immerhin gebremst.

Und trotzdem jetzt der Stopp – weil sich laut Unternehmenskreisen seit dem Sommer vor allem chinesische Produkte wie eine „Feuerwalze“ über den europäischen Markt schieben. Als besonders aggressiver Konkurrent gilt in der Branche Bao Steel aus Shanghai.

Druck auf Brüssel – kurz vor Weihnachten nicht zufällig

Thyssenkrupp drängt als Ausweg auf stärkere Schutzmaßnahmen der EU-Kommission. Der Zeitpunkt ist dabei kein Zufall: Kurz vor Weihnachten lässt sich öffentlicher Druck in der deutschen Deindustrialisierungs-Debatte besonders gut hochziehen.

Aus der Branche heißt es: Der gesamte europäische Markt für diese Elektroband-Art liege bei etwas mehr als 400.000 Tonnen pro Jahr und werde in den nächsten Jahrzehnten stark wachsen. Thyssenkrupp habe eine Kapazität von etwas mehr als 150.000 Tonnen und sei Marktführer in Europa – während es insgesamt nur noch wenige Hersteller gibt. Heißt auch: Wenn hier einer rausfällt, wird es eng.

Thyssenkrupp schreibt, die Importmengen nach Europa hätten sich seit 2022 verdreifacht. Im vergangenen Jahr hätten chinesische Hersteller nach Daten aus Branchenkreisen weit mehr als die Hälfte der importierten Elektroband-Mengen gestellt. Die Folge laut Konzern: dramatisch veränderte Aufträge und eine erhebliche Unterauslastung der europäischen Anlagen.

Anti-Dumping: Die Regeln reichen Thyssenkrupp nicht

Für Elektroband gelten bereits Importmindestpreise. Problem aus Sicht des Konzerns: Diese Regeln stammen aus dem vergangenen Jahrzehnt und seien heute zu lasch. Thyssenkrupp fordert deshalb die schnelle Umsetzung effizienter und angemessener Handelsschutzmaßnahmen – im Kern: neue Anti-Dumping-Maßnahmen.

Pikant: Das Maßnahmenpaket, das die EU-Kommission Anfang Oktober für die Stahlbranche vorgelegt hat, gilt laut Text nicht für Elektroband. Dieses Paket sieht vor, die zollfreie Importmenge auf höchstens 18,3 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr zu begrenzen. Jenseits des Kontingents sollen Importe mit Zöllen von 50 Prozent belastet werden, statt wie bisher 25 Prozent.

Ab Anfang Januar 2026 wird außerdem der CO2-Grenzausgleich (CBAM) schärfer gestellt – vereinfacht gesagt ein „Klimazoll“: Wer im Ausland produziert, ohne CO2-Zertifikate kaufen zu müssen, soll beim Import in die EU einen Aufschlag zahlen, damit europäische Hersteller nicht der Depp sind.

Downstream statt Hochofen – und genau das macht’s so heikel

Auffällig ist: Hier geht es nicht um „Upstream“, also Rohstahl aus Hochofen und Oxygenstahlwerk, der als Bramme rausgeht. Es geht um „Downstream“ – ein weiterverarbeitetes Produkt. Selbst wenn man den Upstream-Prozess wegen Energiekosten in Deutschland für strukturell schwierig hält: Bei Downstream steht plötzlich die Frage im Raum, ob Europa Schlüsselprodukte wie Batterien, Solarzellen – oder eben Elektroband – selbst können muss.

Und es gibt noch einen Haken: Selbst mit EU-Schutz wäre Thyssenkrupp nicht automatisch safe. Das Qualitätsmerkmal ist die Dicke: Thyssenkrupps Band sei 0,18 Millimeter dünn. In Asien werde es laut Branche bereits noch dünner gefertigt. Um mitzuhalten, bräuchte es also nicht nur Schutz, sondern auch Investitionen, etwa in Gelsenkirchen.

Ob die kommen, ist offen – und hängt auch davon ab, wem die Stahlsparte künftig gehört. Jindal Steel International hat ein nicht bindendes Kaufangebot für Thyssenkrupp Steel Europe abgegeben; es laufen Due Diligence und Verhandlungen. Aus Verhandlungskreisen heißt es, die Inder wüssten genau, welchen Wert Elektroband- und Verpackungsstahl-Produktion haben. Nebenbei: Seine indische Elektroband-Produktion hat Thyssenkrupp gerade erst verkauft – an ein japanisch-indisches Konsortium, an dem auch ein Mitglied der Jindal-Familie beteiligt ist.

Unterm Strich bleibt die Frage, die jetzt wirklich zählt: Kommt aus Brüssel rasch ein wirksamer Schutz – und findet sich ein Eigentümer, der nicht nur rechnet, sondern auch investiert?