Bei Wacker Chemie geht es ans Eingemachte: Der Konzern streicht rund 1500 Stellen und rutscht gleichzeitig im laufenden Geschäft ins Minus. 107 Millionen Euro Verlust im dritten Quartal, nach mehr als 200 Millionen Euro Gewinn im Jahr 2024 – das ist kein kleiner Ausrutscher, sondern ein deutlicher Einschnitt. Wie die WirtschaftsWoche berichtet, trifft es nicht nur ein einzelnes Werk, sondern eine Region, die lange als Musterbeispiel deutscher Industrie galt.
Denn dieser Schritt steht nicht isoliert im Raum. Er passt in ein Bild, in dem die deutsche Chemiebranche ihre goldenen Jahre erst einmal hinter sich lässt – und nun schmerzhafte Korrekturen vornimmt. Die Frage ist: Handelt es sich um eine normale Delle im Zyklus – oder um einen Umbau, der die Landkarte der Industrie dauerhaft verschiebt?
Job-Kahlschlag im Chemiedreieck
Besonders hart erwischt es das Bayerische Chemiedreieck an der Grenze zu Österreich. In Burghausen, Trostberg und Burgkirchen arbeiten rund 20 Firmen mit mehr als 20.000 Beschäftigten, fast die Hälfte der Belegschaft von Wacker sitzt allein in Burghausen. Dieses „Dreieck“ ist nichts Theoretisches, sondern ein eng verzahnter Verbund aus Chemiewerken, Zulieferern und Dienstleistern – wenn dort einer auf die Bremse tritt, spüren es viele.
Über zwei Jahrzehnte ging es in der Region fast nur nach oben: mehr Produktion, mehr Umsatz, mehr Jobs. Die Chemie schob sich zur sechstwichtigsten Branche in Deutschland nach vorn, mit knapp einer halben Million Beschäftigten – dem höchsten Stand seit 25 Jahren. Jetzt dreht sich die Richtung. BASF hat bereits 3.000 Stellen gestrichen, Covestro will bis 2032 Hunderte Millionen Euro an Personalkosten sparen. Vor diesem Hintergrund wirkt der Abbau bei Wacker nicht wie ein Ausreißer, sondern wie das nächste Puzzleteil.
Wacker Chemie und der Standort Deutschland
Der Konzern hängt stark an klassischen Industriekunden: Energie, Bau, Auto. Genau dort wird aktuell weniger bestellt, die Anlagen laufen nicht voll, Fixkosten bleiben. Gleichzeitig wird der Standort Deutschland immer teurer. Vorstandschef Christian Hartel spricht von „viel zu hohen Energiepreisen“ und „bürokratischen Hemmnissen“ als Bremsklötzen für die Branche.
Die Zahlen dahinter sind deutlich genug: Laut Branchenverband VCI zahlte die Chemie 2023 fast das Dreifache für Energie im Vergleich zur Zeit vor der Abkopplung von russischem Gas. Eine Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft nennt für 2024 einen Industriestrompreis von 14 Cent je Kilowattstunde in Deutschland, ungefähr zwei Cent mehr als im EU-Schnitt. Länder wie Frankreich oder Spanien liegen darunter, die USA und China sogar im unteren Cent-Bereich. Parallel dazu sind die Lohnstückkosten seit 2020 um fast 20 Prozent gestiegen, während der Output pro Mitarbeiter – also die erzeugte Menge pro Kopf – in Teilen der Branche um mehr als 15 Prozent gefallen ist.
Für Wacker Chemie bedeutet diese Kombination aus höheren Kosten und schwächerer Auslastung: Ohne Umbau geht es nicht weiter wie bisher. Die Entscheidung für den Stellenabbau ist deshalb auch ein Signal an andere Standorte, dass das bisherige Modell mit energieintensiver Produktion in Deutschland immer stärker auf dem Prüfstand steht.
China-Druck und dünne Luft im Wettbewerb
Während die Kosten hierzulande steigen, legt die Konkurrenz in China weiter zu. Große deutsche Chemiekonzerne hängen stark am Geschäft dort: Bei BASF stammen rund 13 Prozent des Umsatzes aus China, bei Covestro mehr als 20 Prozent, beim bayerischen Spezialchemiker etwa ein Drittel. Gleichzeitig baut China seine eigene Chemieproduktion massiv aus. Nach Angaben der Außenwirtschaftsagentur Germany Trade & Invest soll die heimische Wirtschaft zunehmend aus eigener Herstellung versorgt werden.
Die Folge: Ein Überangebot an Chemikalien rollt auf die Weltmärkte. Laut Weltbank exportierte China 2023 Chemikalien und Kunststoffe im Wert von rund 260 Milliarden Euro – mehr als das Zweieinhalbfache im Vergleich zu vor zehn Jahren. Dieses zusätzliche Volumen drückt auf die Preise, während Unternehmen in Europa mit hohen Energie- und Personalkosten kalkulieren müssen. Bei BASF ist der Gewinn im jüngsten Quartal im Jahresvergleich bereits um 40 Prozent geschrumpft.
Damit wird klar: Der Jobabbau und die roten Zahlen sind kein Zufall, sondern Teil eines größeren Verschiebens in der Branche. Entscheidend wird sein, ob Unternehmen wie Wacker Chemie ihre Rolle zwischen teurem Heimatmarkt und aggressiver Konkurrenz aus Fernost neu definieren können – oder ob weitere Einschnitte folgen. Die nächsten Jahre dürften zeigen, wie viel Schwerindustrie Deutschland sich unter diesen Bedingungen noch leistet.

