Wenn bei Volkswagen auf einmal sechs Milliarden Euro mehr Cashflow dastehen, klingt das erst mal wie ein Befreiungsschlag – bis man fragt, woher das Geld eigentlich kommt. Genau an dieser Stelle kippt die Stimmung: Insider sprechen von Tricksereien, die nach Bilanzakrobatik riechen und dem Konzern später teuer zu stehen kommen könnten.
Auslöser war eine Ad-hoc-Mitteilung vom 21. Januar. Volkswagen meldete darin für 2025 im Konzernbereich Automobile einen Netto-Cashflow von rund sechs Milliarden Euro. Netto-Cashflow heißt simpel: Was nach Ein- und Auszahlungen wirklich übrig bleibt. Gleichzeitig stieg die Nettoliquidität – also vereinfacht die Cash-Reserve nach Abzug von Finanzschulden – zum 31. Dezember 2025 auf mehr als 34 Milliarden Euro. Brisant: Erwartet hatte VW für 2025 beim Netto-Cashflow eher eine schwarze Null, also rund null Milliarden.
Luxemburg-Trick oder saubere Nummer?
Insider berichten, der Sprung sei unter anderem durch das Verschieben von Firmen innerhalb des Konzerns entstanden. Dafür sollen Holdinggesellschaften in Luxemburg genutzt worden sein – also Mantelfirmen, über die man Beteiligungen hält und Verschiebungen steuern kann. Ein hochrangiger VW-Insider nennt das einen „bei Private-Equity-Firmen verbreiteten Taschenspielertrick“. Private Equity sind Finanzinvestoren, die Unternehmen kaufen, umbauen und später teurer weiterverkaufen. Der Vorwurf ist klar: hübsch aussehen lassen, was im Kern nur Umräumen ist.
Das Prinzip dahinter ist nicht kompliziert, nur unerquicklich. Im Konzern werden Gesellschaften, die an Wert gewonnen haben, intern verkauft. Bei der verkaufenden Einheit entsteht ein Gewinn – aber erst mal nur als Zahl im System, nicht als Geldschein. Das ist der Buchgewinn: existiert auf dem Papier, nicht im Portemonnaie. Die Muttergesellschaft kann diesen Buchgewinn trotzdem in echtes Cash verwandeln, indem sie sich den Gewinn von der Tochter ausschütten lässt. Ergebnis: Die Mutter wirkt flüssiger, obwohl der Konzern mit seinen Produkten keinen Euro mehr verdient hat. Das kann Dividenden nach oben schieben – und genau darum wird es politisch.
VW winkt ab – und verweist auf die Quiet Period
Volkswagen weist den Zusammenhang zurück. Ein Sprecher erklärte auf die Frage, ob der Netto-Cashflow 2025 auch durch solche Maßnahmen zustande kam, die positive Abweichung beim Netto-Cashflow und bei der Nettoliquidität im Konzernbereich Automobile sei vor allem auf eine geringere Mittelbindung im Working Capital und niedriger als erwartet ausgefallene Investitionen in Sachanlagen sowie Forschung und Entwicklung zurückzuführen. Working Capital ist das gebundene Geld im Tagesgeschäft – etwa in Lagerbeständen und offenen Forderungen. Sinkt diese Bindung, wird oft kurzfristig Liquidität frei.
Konzerninterne Anteilsveräußerungen seien in Großkonzernen normal, heißt es weiter. Solche Transaktionen hätten jedoch keinen Einfluss auf Finanzkennzahlen wie Cashflow oder Konzernergebnis. Etliche konkrete und detaillierte Fragen zur Neuordnung der Gesellschaften beantwortete Volkswagen nicht – mit Verweis auf die Quiet Period vor Veröffentlichung der Jahreszahlen. Quiet Period bedeutet: In dieser Phase hält sich ein Konzern traditionell bedeckt, um kurz vor Zahlen keine zusätzlichen Signale in den Markt zu schicken.
Wer zahlt die Zeche?
Die heikle Stelle liegt dort, wo aus Buchgewinnen Ausschüttungen werden. Wenn Volkswagen Dividenden aus solchen Effekten speist, müssen die Töchter das Geld erst nach oben abliefern – etwa Porsche, Škoda oder Audi. Und wenn diese Mittel dann als Dividende an VW-Aktionäre weitergereicht werden, fehlt dem Konzern Liquidität, die er in schwieriger Lage womöglich dringend braucht. Das ist mehr als eine Randnotiz: Wer Kasse verteilt, schwächt sich im Zweifel selbst.
Für Ärger in den Marken könnte das ebenfalls sorgen. Denn wenn Töchter für bessere Zahlen bei der Mutter herhalten müssen, zahlen sie am Ende möglicherweise die Rechnung. Konzerninsider berichten, dass sich einige Gesellschaften die auszuschüttenden Mittel womöglich über Kredite beschaffen mussten. Für Unternehmen wie Audi oder Porsche, deren Ertragslage als schlecht beschrieben wird, wäre das eine zusätzliche Belastung – Geld aufnehmen, damit oben schöner gerechnet werden kann. Das wirkt nicht wie Sanierung, sondern wie Kosmetik.
Boni-Grenze und weitere Stellschrauben
Ein Nebeneffekt macht die Sache noch pikanter: Die sechs Milliarden Euro liegen laut Bericht offenbar knapp über der Schwelle, die für einen Baustein der Vorstandsboni relevant ist. Der Verdacht liegt nahe, dass die Bilanzmaßnahmen nicht nur Dividendenfantasien anheizen, sondern auch Bonuszahlungen erleichtern sollten.
Zusätzlich steht eine zweite Schiene im Raum. Laut Recherchen soll Volkswagen mit einem Mix aus Maßnahmen die Bilanz aufpoliert haben: Entwicklungskosten ins neue Jahr schieben, Lagerbestände bei bestimmten Produkten senken und Forderungen aus Autoverkäufen vorzeitig verkaufen. Letzteres heißt: Man verkauft Ansprüche auf künftige Zahlungen früher an Dritte, kassiert sofort Geld – meist gegen Abschlag. Welcher Anteil am Cashflow-Anstieg aus der Neuordnung von Gesellschaften stammt und welcher aus solchen Eingriffen, ist bislang nicht bekannt. Mehr Klarheit erwarten Insider erst mit den Abschlüssen.
Prämien-Frage für die Belegschaft
Während oben über Cash, Dividenden und Boni gestritten wird, schaut auch die Belegschaft genauer hin. Betriebsratschefin Daniela Cavallo betonte in einem internen Newsletter, dass Arbeitnehmer, die Kürzungen und reduzierte Arbeitszeiten akzeptiert haben, nun am Erfolg beteiligt werden sollten. Sie fordert eine Anerkennungsprämie und will, dass alle rund 120.000 in Deutschland nach Konzerntarifvertrag beschäftigten Mitarbeiter anspruchsberechtigt sind.
Entscheidend wird nun, was die Bilanzen für 2025 tatsächlich offenlegen: Wie viel Substanz steckt hinter den sechs Milliarden – und wie viel ist nur ein Verschiebe-Bahnhof im Konzern, der kurzfristig glänzt, langfristig aber Druck ins System bringt?

