Bond-Film im Nachrichtenticker, Rekordlaune an der Börse: Während die USA in Venezuela militärisch zuschlagen und Präsident Nicolás Maduro festsetzen, feiern Dow Jones und Dax neue Höchststände – und Gold, sonst der Klassiker fürs große Zittern, wird sogar billiger.
Sehr viel wilder hätte das Jahr kaum starten können. Erst der Angriff auf Venezuela. Dann die Spekulationen aus dem Weißen Haus, Grönland notfalls mit Waffengewalt einzuverleiben. Und als ob das nicht reicht, entert das US-Militär einen Tanker, der sich nach wochenlanger Verfolgung umbenannt hat und am Ende offiziell unter russischer Flagge fährt.
Die Lage riecht nach geopolitischer Großkrise – nur sieht man davon an den Märkten erstaunlich wenig. Der Dow Jones markiert Rekorde, der Dax klettert erstmals über 25.000 Punkte. Und statt in Richtung „Sicherer Hafen“ zu rennen, drücken Anleger beim Gold auf die Bremse.
Warum prallt das alles so ab? Die Volkswirte der Deutschen Bank meinen, den Mechanismus dahinter ziemlich sauber zu erkennen.
Sie schreiben sinngemäß: Geopolitik haut den Markt nur dann dauerhaft aus der Spur, wenn sie zwei zentrale Stellschrauben verdreht – Wachstum und Inflation. Also: Wird die Weltwirtschaft langsamer? Steigen die Preise so, dass Notenbanken reagieren müssen? Wenn nicht, bleibt der Schaden meistens auf das beschränkt, was direkt getroffen wird.
Der Trick mit dem Ölpreis
Als Beispiele, bei denen Politik die Börse wirklich durchgeschüttelt hat, nennt die Studie Russlands Invasion in der Ukraine 2022, den Golfkrieg 1990 und die Ölkrisen der 1970er-Jahre. Das Muster dahinter ist simpel, aber brutal effektiv: Der Ölpreis steigt kräftig, die Inflation wird angeheizt, Zentralbanken ziehen die Zinsen an – und die Party an den Aktienmärkten wird schnell teuer.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, der in Fachsprache gern „negativer Angebotsschock“ heißt. Übersetzt: Es gibt plötzlich weniger von etwas Wichtigem oder es wird deutlich teurer – Energie, Rohstoffe, Transport. Unternehmen können dann nicht mehr so produzieren wie geplant, Kosten steigen, Gewinne geraten unter Druck. Und genau das landet am Ende in den Kursen.
Solche Schocks hatten also einen klaren wirtschaftlichen Übertragungsweg. Im Gegensatz dazu reagieren Märkte oft erstaunlich gelassen auf Ereignisse, die politisch riesig sind, aber ökonomisch nicht weiter „ansteckend“ wirken.
In dieses Raster passt Venezuela zunächst ziemlich gut. Das Land produziert zwar Öl, aber laut Argumentation eben nicht in einer Größenordnung, die das weltweite Angebot spürbar verschiebt. Ohne nennenswerten Einfluss auf den globalen Ölpreis fehlt der typische Zünder, der Inflation und Wachstum gleichzeitig trifft.
Wenn nicht Öl, dann Dollar
Ganz so beruhigend muss das trotzdem nicht sein. Denn es gibt einen Kanal, der in der aktuellen Lage mindestens genauso spannend ist: die Rolle der USA selbst.
Ein zentraler Unterschied zu vielen früheren Krisen ist die Unberechenbarkeit der Vereinigten Staaten und der offen formulierte Wille, knallhart die eigenen Interessen nach vorn zu stellen. Das kann, je nach Eskalation, an etwas rütteln, das im Weltfinanzsystem fast heilig ist: am Dollar als Weltreservewährung. Gemeint ist der Status der US-Währung als globaler „Standard“, in dem Staaten Reserven halten, Rohstoffe gehandelt werden und in den man im Zweifel flüchtet.
Wenn dieser Status ernsthaft wackelt und Kapital im großen Stil aus den USA abzieht, wird es an den Märkten schnell ungemütlich – nicht nur in New York. Das wäre dann kein lokales Problem mehr, sondern ein Schock, der quer durch alle Anlageklassen läuft.
Ansätze dafür waren im vergangenen Jahr bereits zu sehen. Zentralbanken diversifizierten ihre Bestände weg vom Dollar – ein Faktor, der die Rekordjagd beim Gold mit angeschoben hat. Ablesen lässt sich das Misstrauen auch am Dollar-Index, der die US-Währung gegenüber einem Korb wichtiger Währungen misst. Der Index sackte im Jahresvergleich um neun Prozent ab, die schwächste Entwicklung seit Jahrzehnten.
Aber ausgerechnet dieser Indikator liefert aktuell noch keine Bestätigung für eine neue große Ansteckungswelle aus der Venezuela-Krise. Seit dem US-Angriff ist der Dollar-Index um 0,6 Prozent gestiegen. Soll heißen: Der Dollar taugt offenbar weiterhin als Fluchtwährung – selbst dann, wenn der Auslöser der Krise ausgerechnet in Washington sitzt. Entscheidend wird sein, ob das Vertrauen hält, wenn aus der spektakulären Episode ein längerer Machtpoker wird.

