Zum Jahresstart haben ein paar Dax-Konzerne gleich mal gezeigt, wie schnell es knirschen kann: Symrise schockte mit einer Abschreibung von 300 Millionen Euro, die VW-Tochter Porsche meldete einen weltweiten Absatzrutsch um zehn Prozent, BASF kam am Freitag mit einem Ergebniseinbruch. Wer da noch an ein entspanntes Gewinnjahr glaubt, muss starke Nerven haben.
Diese Vorabzahlen sind der Vorgeschmack auf die Bilanzsaison für 2025. Los geht’s am 29. Januar, wenn SAP und die Deutsche Bank als Erste über Schlussquartal und Gesamtjahr berichten.
Prognosen runter, Rekordhoffnung rauf
In den vergangenen zwölf Monaten haben rund 600 nationale und internationale Analysten ihre Erwartungen für die Nettogewinne der 40 Dax-Konzerne im Schnitt um 14 Prozent zusammengestrichen: von 130 auf 112 Milliarden Euro. Das wären 11,5 Milliarden Euro weniger als im bisherigen Rekordjahr 2021.
Und 2025? Da wäre unterm Strich (also nach allen Kosten, Steuern und Sondereffekten) kaum Bewegung drin: von 111 auf 112 Milliarden Euro. Ein Mini-Plus, das sich eher wie Stillstand anfühlt. Die gute Nachricht: Für 2026 trauen Analysten dem Dax im Schnitt wieder deutlich mehr zu – 133 Milliarden Euro Nettogewinn, so viel wie noch nie.
Warum ausgerechnet 2026 besser werden soll
Ganz ohne Fußnoten kommt der Optimismus aber nicht: Vor zwölf Monaten lagen die Schätzungen für 2026 noch bei 150 Milliarden Euro. Heißt: Der Markt hat sich schon einmal vertan – und zwar ordentlich. Trotzdem sieht das Handelsblatt Gründe, warum der Knoten 2026 platzen könnte.
Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp erwartet für den Dax einen guten Gewinnjahrgang 2026, nachdem die Unternehmensgewinne 2023 bis 2025 drei Jahre in Folge auf der Stelle getreten seien. Ein Argument: Die deutsche Wirtschaft könnte 2026 unter anderem wegen steigender Staatsausgaben wieder stärker wachsen.
Außerdem könnten ein paar Giftpfeile weniger wehtun als zuletzt: etwa die deutliche Abwertung des US-Dollars gegenüber dem Euro (dadurch wurden Produkte aus der Euro-Zone im Ausland teurer) und die politische Unsicherheit zu Beginn des Handelsstreits mit den USA.
Die Durststrecke hat Gründe – und ein Problemkind
Die Misere kommt nicht aus dem Nichts. Gerade exportorientierte Industriekonzerne leiden unter der Investitionszurückhaltung in Deutschland und auf wichtigen Auslandsmärkten. EY-Manager Jan Brorhilker spricht von einer ungewöhnlich langen Durststrecke: So viele Belastungen auf zentralen Märkten habe es seit Jahrzehnten nicht gegeben.
Am stärksten unter Druck steht die Autoindustrie. Da müssen Geschäftsmodelle umgebaut, der Übergang vom Verbrenner zum E-Auto gemanagt, Software-Kompetenz aufgebaut und gleichzeitig Personal wegen Überkapazitäten und hoher Verwaltungskosten abgebaut werden. Obendrauf: schwacher Absatz in Deutschland, harter Wettbewerb in China durch heimische Anbieter – und in den USA drücken neue Zölle auf die Gewinne.
Der teure Umbruch spiegelt sich in den Zahlen: BMW, Mercedes, VW und Daimler Truck dürften 2025 zusammen nur noch auf rund 19 Milliarden Euro Nettogewinn kommen. 2022 waren es knapp 50 Milliarden Euro.
Belastung Nummer 1: Zölle – das dicke Brett
Als zentralen Bremsklotz sehen Experten die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump. Portfoliomanager Oliver Grass verweist darauf, Zölle träfen exportstarke deutsche Firmen deutlich mehr als der teure Euro. Und das dürfte 2026 ein großes Thema bleiben – auch wenn Trump jüngste Drohungen, noch höhere Zölle zu erheben, wieder zurückgenommen hat.
Die Dimension ist heftig: Der effektive durchschnittliche Zollsatz auf EU-Produkte sei von 1,2 Prozent (noch Mitte des vergangenen Jahres) auf elf Prozent gestiegen. Für viele Waren gelten sogar 15 Prozent. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel warnte bereits im Herbst: Das belaste das ohnehin schwache Wachstum im Euro-Raum und in Deutschland weiter.
Die Mechanik dahinter ist simpel, aber brutal: Höhere Preise in den USA senken die Nachfrage nach europäischen Gütern, kosten Absatz und Marktanteile – und zwingen Exporteure oft zu Preiszugeständnissen, die die Marge schrumpfen lassen.
Hinzu kommen Investitionszurückhaltung und Lieferkettenverlagerungen, weil die handelspolitische Lage dauernd wackelt. Nach Berechnungen der Privatbank M. M. Warburg haben die US-Zölle das deutsche Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr um rund 0,4 Prozent gedrückt.
Porsche, Daimler Truck, Adidas: Zölle fressen sich durch
Für die Unternehmen läuft es auf eine unangenehme Wahl hinaus: Entweder sie schlucken die Zusatzkosten – oder sie erhöhen Preise und riskieren Wettbewerbsnachteile. Porsche lieferte im vergangenen Jahr weltweit 279.449 Fahrzeuge aus, zehn Prozent weniger als im Jahr davor. Nordamerika bleibt zwar die größte Vertriebsregion, doch die Zölle kosten nach Firmenangaben einen erheblichen Teil des Gewinns – ohne konkrete Zahl. Porsche verweist darauf, die Verkaufspreise wegen der Zölle erhöht zu haben.
Daimler Truck trifft es über die Produktionskette: Einige Modelle werden in Mexiko gebaut, dafür fällt seit Anfang November ein Einfuhrzoll von 25 Prozent an. Der Konzern verkaufte im vergangenen Jahr 422.510 Lkw und Busse. In Nordamerika brach der Absatz um 26 Prozent auf 141.814 Fahrzeuge ein. Der Markt schwächelt, weil Speditionen Bestellungen zurückhalten – und weil wegen der Zölle schwer abzuschätzen ist, wie sich das künftige Transportvolumen entwickelt.
Auch Adidas steht unter Druck, weil die US-Regierung Importe aus Ländern wie China, Vietnam, Kambodscha und Bangladesch mit hohen Zöllen belegt hat – und dort lässt Adidas fast alle Schuhe und Textilien fertigen. Produktion in die USA zu verlagern ist aus Kostengründen keine echte Option. Bisher federt Adidas die Belastung mit Einsparungen und teilweise Preiserhöhungen ab – und konnte sogar die Jahresprognose anheben. Nach dem dritten Quartal bezifferte Adidas die Zollbelastung auf rund 120 Millionen Euro; der größte Anteil dürfte im Schlussquartal anfallen.
Belastung Nummer 2: Der starke Euro – noch ein stiller Gewinnkiller
Neben den Zöllen drückt der gestiegene Euro. Im vierten Quartal lag der Kurs im Schnitt bei 1,16 Dollar – zehn Cent oder neun Prozent höher als ein Jahr zuvor. Das tut besonders den Firmen weh, die viel im Dollarraum verdienen.
Infineon liefert ein anschauliches Beispiel: Von Juli bis September stieg der Umsatz gegenüber dem Vorquartal um drei Prozent auf 3,7 Milliarden Euro. Ohne den Wechselkurseffekt hätte das Plus bei neun Prozent gelegen. Gegenüber dem Vorjahr blieb der Umsatz unverändert; ohne Währungseinfluss wäre er um drei bis vier Prozent gestiegen. Infineon senkte im vergangenen Jahr wegen der Euro-Stärke die Jahresziele.
Der Euro trifft gleich doppelt: Exportware wird in Dollar gerechnet teurer, das schwächt die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Anbietern aus Währungsräumen mit weniger Wechselkurssprüngen. Und wenn Dollar-Umsätze später in Euro umgerechnet in der Bilanz landen, bleibt am Ende weniger hängen – weil es für jeden Dollar weniger Euro gibt als im Vorjahr.
Drei Hoffnungen: Warum 2026 trotzdem knallen könnte
Trotzdem gibt es Lichtblicke – und die hängen an drei Punkten. Erstens: Der Währungseffekt könnte auslaufen. Bis Juni hatte der Euro gegenüber dem Dollar stetig zugelegt, seither bewegt sich der Kurs eher seitwärts. Das heißt: Im ersten und zweiten Quartal dieses Jahres dürften die negativen Vorjahresvergleiche in den Quartalszahlen noch drücken, danach lässt der Effekt nach. Im zweiten Halbjahr sind sogar Währungsgewinne möglich, falls der Euro dann weniger wert ist als im Vorjahreszeitraum.
Zweitens: Zinsen runter, Investitionen rauf. Wenn Notenbanken Leitzinsen senken (also den zentralen Zinssatz, an dem sich Kredite und Finanzierungen orientieren), werden Schulden für Konsumenten und Unternehmen günstiger. Das drückt Finanzierungskosten und kann Gewinne stützen. Die US-Notenbank dürfte ihren Zinssenkungspfad vermutlich auch 2026 weitergehen. Die Ökonomen der DZ Bank erwarten dadurch eine planbarere Zinslandschaft, in der Investitionsentscheidungen weniger unter Druck stehen als in Phasen schneller Zinsanstiege.
Dazu kommt der deutsche Staat als Geldgeber: Bis 2029 sollen 169 Milliarden Euro in die Sanierung von Brücken, Schienen und Infrastruktur fließen. Hürkamp sieht deshalb gute Gründe, mit Zuversicht auf die Dax-Gewinne 2026 zu blicken, und hält ein Gewinnwachstum von sechs bis acht Prozent in diesem Jahr für möglich.
Drittens: Die Weltkonjunktur bleibt aus Sicht vieler Strategen robuster als die tägliche Schlagzeilenlage vermuten lässt. Dax-Konzerne machen im Schnitt 80 Prozent ihres Umsatzes im Ausland – sie hängen also am globalen Motor. Der Internationale Währungsfonds hat seine Wachstumsprognose für 2026 von 3,1 auf 3,3 Prozent angehoben. Robert Greil sagt dazu: Die Weltwirtschaft trotze der geopolitischen Unsicherheit.
Viele laufen trotz Gegenwind erstaunlich rund
Und dann ist da noch die schlichte Tatsache, dass etliche Dax-Konzerne operativ besser dastehen, als es die Krisenerzählung nahelegt. 15 der 40 Unternehmen stehen 2025, und 16 nach aktueller Prognose 2026, vor dem höchsten Gewinn ihrer Firmengeschichte. Genannt werden unter anderem SAP, Rheinmetall, Airbus, MTU und Siemens sowie die drei großen Versicherer.
Allianz, Munich Re und Hannover Rück profitieren von stabilen Einnahmen, einem guten Zinsumfeld nach dem Ende der Nullzinsphase und ihrem breiten Geschäftsmodell.
RWE und Siemens Energy hängen am Stromhunger der Welt. Siemens Energy hat wegen eines rekordhohen Auftragsbestands von 138 Milliarden Euro die Ziele für Umsatz und Profitabilität angehoben. Konzernchef Christian Bruch nennt als Treiber steigenden Energiebedarf, mehr Elektrifizierung, die Digitalisierung der Industrie und das Wachstum von Rechenzentren. Bis 2025 erwartet Bruch eine Zunahme des Strombedarfs um 45 Prozent – davon profitiert wiederum RWE mit seiner Stromerzeugung.

