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21. Januar 2026

Trump schockt die Wall Street: Warum jetzt alles gleichzeitig fällt

Donald Trump
Foto: Depositphotos.com / thenews2.com

Der Markt hat am Dienstag einmal kräftig die Nerven verloren – und zwar nicht wegen enttäuschender Quartalszahlen, sondern wegen politischem Krawall aus Washington. Donald Trump verschärft den Streit um Grönland und droht Europa mit neuen Zöllen – und an der Wall Street ging’s prompt bergab.

Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq schlossen im Minus: Der Dow Jones verlor 1,8 Prozent auf 48.489 Punkte, der S&P 500 fiel um 2,1 Prozent auf 6.797 Punkte, der Nasdaq gab 2,4 Prozent auf 22.954 Zähler nach. Es war der erste US-Handelstag, seit Trump am Samstag weitere Zölle gegen acht europäische Staaten angekündigt hatte – am Montag blieb die Börse wegen eines Feiertags zu. Betroffen wären Deutschland, Dänemark, Schweden, Frankreich, die Niederlande und Finnland sowie Großbritannien und Norwegen.

Zölle als Zündschnur

Geplant sind laut Ankündigung ab Februar zusätzliche zehn Prozent, ab Juni dann 25 Prozent. In Europa wird bereits über Gegenwehr beraten. Im Raum stehen Zölle im Wert von 93 Milliarden Euro gegen die USA. Diskutiert werden auch Anti-Zwangs-Maßnahmen – klingt technisch, heißt aber übersetzt: Europa könnte etwa Investitionen ausbremsen oder US-Dienstleistungen beim Import beschneiden.

Dass die Sache nicht nach einem normalen Handelsgeplänkel aussieht, betonen auch Marktbeobachter. Michael O’Rourke, Chefmarktstratege bei Jones Trading, nennt die Kursreaktion angemessen – die Unsicherheit nehme rasant zu. Und der Gedanke, einen Verbündeten zur Abtretung von Hoheitsgebiet zu zwingen, werde geopolitische Schäden verursachen, deren Behebung Jahre dauern könne.

Angstbarometer geht steil

Das sieht man auch am Vix, dem sogenannten Angstbarometer der Wall Street: Der Index sprang am Dienstag um rund 25 Prozent nach oben. O’Rourke warnte zudem: Sollten die Zölle tatsächlich kommen oder die USA Grönland illegal annektieren, könnte der Ausverkauf deutlich heftiger ausfallen. Als Vergleich führte er den April an, als Trumps Zoll-Rundumschlag die Kurse innerhalb von drei Tagen um elf Prozent nach unten drückte.

Jim Reid, Analyst bei der Deutschen Bank, glaubt ebenfalls, dass da noch Luft nach unten ist. Weil die US-Börsen am Montag geschlossen waren, sei die Wirkung noch nicht vollständig auf die Finanzmärkte durchgesickert. Wenn die Rhetorik weiter hochdreht, gebe es eindeutig Spielraum für größere Bewegungen. Patrick Dewayne brachte es so auf den Punkt: Alles, was sich am Wochenende an politischem Druck aufgebaut habe, komme jetzt geballt an der Wall Street an.

Davos, Drohkulisse, Durchatmen

Politisch wird der Ton eher schärfer als leiser. Trump spricht am Mittwoch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warf ihm dort am Dienstag indirekt Wortbruch vor, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nannte den Handelskonflikt verrückt.

US-Finanzminister Scott Bessent versuchte derweil, die Europäer einzubremsen – öffentlich und ziemlich deutlich. Bei CNBC forderte er die Staatschefs auf, sich zurückzulehnen, tief durchzuatmen und abzuwarten. Das Schlimmste sei jetzt eine Eskalation gegenüber den USA. Bessent betonte außerdem, Trumps Drohungen in Sachen Grönland unterschieden sich stark von anderen Handelsabkommen – und bat die Länder, an bestehenden Vereinbarungen festzuhalten, weil sie ein hohes Maß an Sicherheit böten.

Dollar schwächelt, Anleihen auch

Neben Aktien wurden am Dienstag auch Anleihen verkauft. Das ist bemerkenswert, weil Investoren bei Stress sonst oft in US-Staatsanleihen flüchten. Diesmal fielen die Kurse – und wenn Anleihekurse fallen, steigen die Renditen. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe erreichte 4,315 Prozent, den höchsten Stand seit Anfang September.

Auch der Dollar bekam einen Dämpfer: Gegenüber dem Euro verlor die Weltleitwährung etwa ein Prozent auf 1,1728 Dollar. Krishna Guha, Notenbankexperte bei Evercore ISI, sieht dahinter einen bekannten Modus: den Sell America-Trade. Auf Deutsch: Investoren reduzieren ihr USA-Risiko oder sichern es ab, weil ihnen die USA gerade zu wankelmütig und unberechenbar erscheinen.

Sell America ist zurück, Gold glänzt

Diesen Reflex gab es schon im vergangenen April kurz: Dollar, US-Aktien und US-Anleihen wurden gleichzeitig abgestoßen. Pimco-Analysten hatten damals betont, so ein Muster kenne man sonst eher aus Entwicklungsländern. Wie lange diese Stimmung diesmal hält, bleibt offen. Guha hält es für das wahrscheinlichste Szenario, dass Trump einknickt oder der Supreme Court ihn bremst. Passiert das nicht, warnt er vor sehr schwerwiegenden Folgen mit langem Schatten – auch für den Dollar.

Währenddessen flüchteten Anleger in Edelmetalle. Gold kletterte auf ein neues Rekordniveau von über 4.700 Dollar je Unze und lag später 1,9 Prozent im Plus bei 4.759 Dollar je Feinunze. Silber zog mit, markierte bei 95,87 Dollar ein Rekordhoch und schielte kurz Richtung 100-Dollar-Marke, drehte im Verlauf aber leicht ins Minus auf 94,50 Dollar. Ray Dalio sagte in Davos, er setze schon länger lieber auf Gold als auf US-Staatsanleihen. Begründung: Wer die Konflikte sehe, dürfe Kapitalkriege nicht ignorieren – also Situationen, in denen Staaten Kapitalströme als Druckmittel nutzen. Dann gebe es womöglich nicht mehr denselben Reflex, US-Anleihen zu kaufen.

Einzelwerte unter Druck

Die neue Geo- und Handelspolitik-Sorge erwischte auch einzelne Branchen. Kreuzfahrtanbieter rutschten ab: Norwegian Cruise Line Holdings, Carnival und Royal Caribbean verloren zwischen 2,2 und 7,5 Prozent. Morningstar-Analystin Jaime Katz sieht die Papiere im Gleichklang mit anderen Konsumwerten – sie folgen der allgemeinen Marktschwäche.

Bei Novavax griffen Anleger dagegen zu: Die Aktie sprang nach der Ankündigung eines Lizenzdeals mit Pfizer um 2,4 Prozent nach oben. Netflix lieferte zwar dank der finalen Staffel Stranger Things und eines neuen Films aus der Knives Out-Reihe ein überraschend starkes Quartal, enttäuschte aber mit dem Ausblick: Für das laufende Vierteljahr stellt der Konzern rund 12,16 Milliarden Dollar Umsatz und 0,76 Dollar Gewinn je Aktie in Aussicht. Erwartet wurden 12,19 Milliarden Dollar und 0,81 Dollar – die Aktie fiel im nachbörslichen Handel um mehr als vier Prozent.

Für Gesprächsstoff sorgte außerdem 3M: Der Hersteller von Klebeband, Post-it-Notizzetteln und Elektrowerkzeugen rutschte nach einer pessimistischen Prognose für 2026 um knapp sieben Prozent ab. Moderna stieg dagegen um 2,8 Prozent: Ein Hautkrebs-Impfstoff des Konzerns senkt in Kombination mit Mercks Krebsimmuntherapie Keytruda das Risiko eines Wiederauftretens der Krankheit oder des Todes um 49 Prozent.

Jetzt hängt vieles an einer simplen Frage: Bleibt Trump bei Drohungen – oder macht er ernst und zwingt die Märkte zu einer zweiten, härteren Runde?