Die erträumte Jahresendrally fühlt sich dieses Jahr weniger nach Geschenk unterm Baum an – und mehr nach Tropf im Klinikflur.
Zum Jahresende hoffen Anleger traditionell auf ein letztes Kursfeuerwerk. Diesmal entscheidet darüber aber vor allem, was eine Handvoll Zentralbanker hinter verschlossenen Türen beschließt. Fed in den USA, EZB in Europa, Bank of England und Bank of Japan – vier Notenbanken, vier Zinsentscheidungen im Dezember. Wenn die daneben greifen, war’s das mit der gemütlichen Weihnachtsstimmung an den Märkten.
Zinsfantasie statt Weihnachtsmärchen
Den Aufschlag macht am 10. Dezember die US-Notenbank. Bis dahin gilt Schweigepflicht, also keine Interviews, keine Andeutungen – Funkstille. Genau das pustet die Fantasie an der Wall Street auf: Senkt die Fed die Zinsen, werden Anleihen weniger attraktiv, und Aktien bekommen Schub. Bleibt der Schritt klein oder fällt ganz aus, platzt der Traum vom breiten Rally-Schub schneller, als so mancher Privatanleger „Zinswende“ buchstabieren kann.
In Europa sitzt die EZB in ihrer eigenen Zwickmühle. Die Inflation ist runtergekommen, aber noch nicht da, wo sie offiziell hin soll. Also kann sie die Leitzinsen nicht einfach mit dem Holzhammer senken. Wahrscheinlicher sind kleine, vorsichtige Schritte. Gut für Zocker, die jeden Basispunkt feiern, aber zu wenig, um daraus allein einen Dauerläufer an der Börse zu machen.
Japan als Störgeräusch im Hintergrund
Den lautesten Knall gab es zuletzt ausgerechnet aus Japan – dem Land, das gefühlt seit Ewigkeiten mit Nullzinsen lebt. Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen ist auf 1,87 Prozent hochgeschossen, den höchsten Stand seit 2008. Auslöser war ein Satz von Notenbankchef Kazuo Ueda, man werde ernsthaft prüfen, ob der Leitzins hoch muss. In einem Land, das jahrelang wie festgefroren im Zinskeller hockte, ist das ein Tabubruch.
Das wirkt weit weg, trifft aber Anleger weltweit. Japanische Anleihen stecken in Fonds, Bankbilanzen und ETFs rund um den Globus. Steigen dort die Zinsen, werden diese Papiere schlagartig interessanter – und Geld fließt ab. Genau diese Umschichtung kann die zarte Hoffnung auf eine Jahresendhausse an anderen Börsen ausbremsen.
Gleichzeitig zeigt der japanische Ausreißer, wie eng der Korridor für alle Notenbanken geworden ist. Sie sollen die Konjunktur stützen, die Inflation einfangen, die Politik bei Laune halten und nebenbei die Märkte beruhigen. Wer hier einen falschen Schritt macht, stolpert – und reißt im Zweifel gleich ein paar Indizes mit.
Politik mischt die Zinsshow auf
Zusätzlichen Sprengstoff bringt die Personaldebatte um die Fed-Spitze. US-Präsident Donald Trump hat erklärt, seine Entscheidung für einen neuen Chef der Notenbank getroffen zu haben, hält den Namen aber noch zurück. Die Richtung ist trotzdem klar: Aus Sicht des Weißen Hauses soll jemand her, der eher auf niedrige Zinsen setzt.
Das klingt für Börsianer erst einmal wie Musik in den Ohren. Billiges Geld heißt mehr Kredit, mehr Spekulation, mehr Kursfantasie. Aber eine Fed, die sich zu sehr an die politische Leine legen lässt, verspielt Vertrauen. Und ohne Vertrauen in die Währungshüter werden Märkte schnell zum Spielplatz: erst Party, dann Kater. Die Geschichte ist voll von Phasen, in denen künstlich gedrückte Zinsen am Ende genau diejenigen verbrannt haben, die am längsten an die Party geglaubt haben.
Unterm Strich hängt die angebliche Weihnachtsrally so stark an den Notenbanken wie selten zuvor. Auf der einen Seite locken sinkende Zinsen und die Hoffnung auf ein paar freundliche Wochen zum Jahresende. Auf der anderen Seite stehen ein nervöser Anleihemarkt, eine politisch unter Druck stehende Fed und eine EZB, die eigentlich keine großen Sprünge machen darf.
Die eigentliche Frage lautet deshalb: Gelingt den Notenbankern der Balanceakt zwischen Beruhigungspille und klarer Kante – oder kippt die Stimmung, sobald einer von ihnen danebengreift? Die Antwort darauf wird entscheiden, ob Anleger zum Jahreswechsel auf glitzernde Depotstände blicken oder auf einen finanziellen Kater, der sich gewaschen hat.

