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21. Januar 2026

Trump droht mit Zöllen – und plötzlich verkauft der Markt Amerika auf einmal

wallstreet

Erst war an der Wall Street noch Schulterzucken angesagt – jetzt reicht ein politischer Krach um Grönland, und an den Märkten kippt die Stimmung spürbar. Wer bis vor Kurzem geopolitische Risiken einfach weggedrückt hat, wird gerade unsanft daran erinnert: Politik kann Kurse schneller drehen als jede Bilanz.

Internationale Investoren stellen sich auf Wochen voller Unsicherheit ein. Nach dem US-Eingreifen in Venezuela blieb vieles an den Märkten erstaunlich gelassen. Mit der Grönland-Krise ist diese Coolness laut George Concalves, Chefstratege der japanischen Bank MUFG in New York, vorbei. Seine Diagnose: Die lange Stabilität war ein trügerisches Sicherheitsgefühl – und wenn sich die Faktenlage ändert, müssen Märkte reagieren.

Trumps Vorstoß hat genau diese Faktenlage verschoben. Der US-Präsident drohte am Wochenende europäischen Ländern mit hohen Zöllen, falls sie sich seinen Forderungen rund um Grönland widersetzen. In der EU wird parallel diskutiert, wie hart die Antwort ausfallen soll. Das Ganze ist kein diplomatisches Hintergrundrauschen mehr – das ist Stoff, der Portfolios bewegt.

Wenn alles gleichzeitig fällt, wird’s ernst

Am Dienstag flogen US-Werte breit aus den Depots: Aktien, Anleihen und der Dollar – alles gleichzeitig. Das ist der Punkt, an dem selbst abgebrühte Anleger aufhorchen. Krishna Guha, Anleihe-Experte bei Evercore ISI, nennt es klar: Die Sell-America-Stimmung sei zurück.

Entsprechend heftig war der Schlag an der Börse. Der S&P 500 verlor 2,1 Prozent, der Nasdaq 2,4 Prozent – die größten Tagesverluste seit Oktober. Beide Indizes haben damit ihre Kursgewinne in diesem Jahr wieder abgegeben.

Der Dollar rutschte gegenüber mehreren anderen Währungen deutlich ab. Und Bitcoin, von Fans gern als digitales Gold verkauft, wirkte diesmal eher wie ein Risiko-Spielzeug: Die Kryptowährung fiel unter 90.000 Dollar, nachdem sie erst Mitte Januar die 97.000 Dollar zurückerobert hatte. Als sicherer Hafen taugt das in dieser Lage offenbar gerade nicht.

Gold glänzt, Staatsanleihen wackeln

Wenn’s ungemütlich wird, suchen Anleger normalerweise Schutz – nur eben nicht dort, wo man ihn traditionell erwartet. Gold und Silber übernahmen wieder stärker die Fluchtburg-Rolle, ebenso Platin. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch deutscher Zeit markierten Gold und Platin erneut Rekordstände: Gold bei 4.844 Dollar, Platin bei 2.519 Dollar je Unze. Silber wurde nahe eines neuen Allzeithochs von mehr als 94 Dollar je Unze gehandelt.

US-Staatsanleihen, sonst auch so ein Klassiker fürs Sicherheitsparken, gaben am Dienstag nach. Im Gegenzug stiegen die Renditen. Übersetzt für alle, die mit dem Fachwort nichts anfangen können: Wenn die Rendite steigt, fällt der Kurs der Anleihe – und genau das sah man hier.

Victoria Greene, Investment-Chefin beim Vermögensverwalter G Squared Private Wealth, spricht von Zollkrieg 2.0 oder Territorialkrieg 1.0. Die Gemengelage habe das Potenzial, kurzfristig ordentlich Krawall an den Märkten zu machen. Trotzdem: keine Panikverkäufe, sondern Lage beobachten und bereit sein für Volatilität – also für Kurse, die wilder zappeln als gewohnt.

Anleihen als Machtmittel – und Europa schaut genauer hin

In Europa läuft parallel die Diskussion, wie scharf man auf die Grönland-Krise reagieren sollte. George Saravelos, Devisenexperte der Deutschen Bank, hat in einer Analyse einen wunden Punkt der USA betont: Das Land sei darauf angewiesen, dass andere seine großen Außenhandelsdefizite finanzieren. Kurz gesagt: Amerika braucht Kapital von außen.

Europa ist dabei ein Schwergewicht. Laut Deutscher Bank haben europäische Investoren insgesamt acht Billionen Dollar in US-Anleihen und andere Wertpapiere gesteckt. Und jetzt kommt ein konkretes Signal aus Dänemark: Der Pensionsfonds AkademikerPension kündigte an, alle seine US-Staatsanleihen zu verkaufen – rund 100 Millionen Dollar. Bis Ende des Monats soll das durch sein.

Investmentdirektor Anders Schelde begründet den Schritt mit den schlechten US-Staatsfinanzen. Der Verkauf stehe nicht in direktem Zusammenhang mit dem Streit zwischen den USA und Europa – aber natürlich habe das die Entscheidung nicht erschwert. Wer zwischen den Zeilen liest, merkt: Das Vertrauen ist angeknackst, und das wird plötzlich in echten Transaktionen sichtbar.

Gegenwind kommt aus der Chefetage der UBS. Sergio Ermotti warnt davor, US-Anleihen abzustoßen. Eine Diversifizierung weg von Amerika sei unmöglich, die USA seien die stärkste Wirtschaft der Welt – gegen sie zu wetten, hält er für keine gute Idee.

Für die Wall Street läuft alles auf eine Frage hinaus: Wie viel Schmerz lässt Trump zu, bevor er zurückrudert? Sein Auftritt beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos wird für Mittwoch erwartet. Nach den heftigen Kursturbulenzen im Zollstreit vom vergangenen April hatte er damals eingelenkt – viele Anleger vermuten, dass er es wieder tun könnte.

Concalves von der MUFG rechnet allerdings damit, dass diesmal mehr Druck ausgehalten wird. Erst wenn die Märkte um zehn Prozent oder mehr einbrechen, könnte sich das ändern. Dazu kommt das Zusammenspiel zwischen Anleihen und Aktien: Die relative Ruhe am Anleihemarkt habe den Aktienanstieg im vergangenen Jahr möglich gemacht. Wenn die Renditen wegen politischer Unsicherheit stärker schwanken, droht zusätzlicher Abwärtsdruck – und dann wird aus Nervosität schnell ein echter Trend.