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20. Januar 2026

Trump droht Europa – und plötzlich wird ein 8-Billionen-Hebel sichtbar

Donald Trump
Foto: depositphotos.com / gints.ivuskans

Europa hält nicht nur Zoll-Listen in der Hand, sondern auch einen dicken Stapel US-Schuldscheine – und genau der könnte im Grönland-Streit zur echten Nervensäge für Washington werden.

An der Börse kam das Ganze erst mal erstaunlich unspektakulär an. Nachdem US-Präsident Donald Trump am Wochenende Strafzölle gegen jene europäischen Länder angekündigt hatte, die seine Übernahmepläne für Grönland nicht unterstützen, stieg die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe am Montag leicht auf 4,25 Prozent. Die Kurse gaben entsprechend nach. Bei zehnjährigen Bundesanleihen in Deutschland: fast nichts. Große Politik, kleines Kurszucken – das fällt auf.

Kaspar Hense, Senior-Portfoliomanager bei RBC Bluebay Asset Management, erklärt die Gelassenheit mit einem Wall-Street-Wortwitz, der inzwischen fast schon eine Strategie ersetzt: „Taco-Event“. Das Kürzel steht für „Trump always chickens out“ – frei übersetzt: Trump droht laut, knickt aber oft ein, wenn die Märkte Gegenwind machen.

Martin Lück, Chef-Kapitalmarktstratege für Deutschland und Österreich bei Franklin Templeton, hält dagegen: Das hier sei nicht bloß Theaterdonner. „Wir sind in einer neuen Eskalationsspirale angekommen“, sagt er. Beim sogenannten „Liberation Day“ im April vergangenen Jahres habe das Weiße Haus die Zolldrohungen noch mit „pseudowissenschaftlichen Argumenten“ aufgehübscht. Jetzt spare man sich sogar diese Show. Der letzte Rest Zurückhaltung sei weg.

Neben Gegenzöllen liegt noch ein anderer Hebel auf dem Tisch

In Brüssel dreht sich vieles um geplante Gegenzölle, die laut Bericht über 93 Milliarden Dollar schwer sind. Klassischer Reflex im Handelsstreit: du zollst, ich zolle. Fachleute zeigen aber auf eine andere Stelle, an der die USA empfindlich sind – ihre Schulden, finanziert auch von ausländischem Geld.

George Saravelos, Devisenexperte der Deutschen Bank, nennt das in einer Einschätzung vom Sonntagnachmittag eine „entscheidende Schwäche“. Die USA seien darauf angewiesen, dass andere ihre Rechnungen mitbezahlen – über das große Außenhandelsdefizit, also den Dauerzustand „mehr einkaufen als verkaufen“. Europa sei Amerikas größter Kreditgeber. Laut Deutscher Bank stecken europäische Investoren insgesamt acht Billionen Dollar in US-Anleihen und andere US-Wertpapiere.

Das ist nicht irgendeine Depot-Statistik. Wer so viel Geld rüberschiebt, sitzt potenziell am längeren Hebel – jedenfalls dann, wenn er bereit ist, ihn auch zu ziehen. Ob das passiert, ist die offene Frage.

Warum das weh tun könnte – und warum es trotzdem zäh ist

Kit Juckes von der Société Générale verweist unter Berufung auf Daten des US-Amts für Wirtschaftsanalyse auf die wachsende Abhängigkeit: Ausländische Investoren hielten demnach im dritten Quartal 2025 Vermögenswerte von 68,9 Billionen Dollar in den USA, während amerikanische Investitionen im Ausland bei 41,3 Billionen Dollar lagen. Das Loch war demnach noch nie so groß.

Wenn Anleger wegen des Tons aus dem Weißen Haus anfangen umzuschichten, läuft die Kette schnell: weniger ausländische Nachfrage nach Treasuries, fallende Kurse, steigende Renditen. Und damit steigen die Zinskosten der US-Regierung – ausgerechnet ein Posten, der laut Bericht schon heute das knapp eine Billion Dollar schwere Verteidigungsbudget übersteigt. Trump will die Zinslast eigentlich drücken. Ein Renditeanstieg wäre da das Gegenteil von dem, was er gebrauchen kann.

Nur: Von heute auf morgen dreht niemand einen Tanker. In Notenbankkreisen heißt es, bislang sehe man keinen massenhaften Dollar-Boykott. Wenn überhaupt, dann eher in kleinen Schritten. Der Grund ist simpel: Der Dollar ist im Welthandel und an den Finanzmärkten so dominant, dass es für große Anleger kaum schnelle, schmerzfreie Alternativen gibt.

Philip Lane, Chefvolkswirt der EZB, sieht trotzdem einen möglichen Riss im Fundament. Wenn sich die US-Wirtschaft stärker nach innen drehe, könnte der Dollar als Absicherung gegen globale Risiken an Zugkraft verlieren. Für Anleger aus dem Euro-Raum hieße das: häufiger absichern, also das Währungsrisiko mit Finanzinstrumenten abpuffern – und im Zweifel wieder mehr Geld zu Hause parken. Klingt technisch, kann aber Milliarden bewegen.

Politik kann nicht kommandieren, Investoren können abstimmen

Die EU hat wenig Handhabe, heimischen Investoren einen Käuferstreik gegen US-Papiere zu verordnen. Martin Lück nennt als theoretischen Ansatz die Regulierung: Man könnte etwa die Risikogewichte für US-Staatsanleihen bei Banken verschärfen – sprich: das Halten wird regulatorisch teurer und unattraktiver. Aber auch hier gilt: Europa ist selten schnell.

Noch heikler wäre es, Zentralbanken des Euro-Systems dazu zu bringen, weniger US-Anleihen als Reserve zu halten. Lück betont: Regulatorisch sei das nicht sauber, weil die Exekutive Notenbanken nicht steuern darf.

Kaspar Hense wirft deshalb einen Punkt auf, der unangenehm realistisch klingt: Es braucht vielleicht nicht mal politische Ansagen. Investoren müssen sich darauf einstellen, dass es vonseiten der Trump-Administration jederzeit zu Rechtsbrüchen kommen kann. Das ist die Sorte Satz, die nicht laut knallt – aber im Kopf bleibt. Vertrauen ist bei Staatsanleihen die halbe Miete.

Dazu kommt ein Szenario, das vor Kurzem noch nach Spinnerei geklungen hätte: eine Steuer auf US-Staatsanleihen in ausländischer Hand. Das sieht das Papier zum sogenannten Mar-a-Lago-Akkord des Trump-nahen Notenbankgouverneurs Stephen Miran vor. Lück sagt: Investoren sollten Drohungen ernst nehmen, die dort angelegt sind. Wer Treasuries hält, könnte also nicht nur Marktrisiken tragen, sondern im Zweifel auch politische Extrarechnungen.

Gold: Wenn schon über Tresore gestritten wird, stimmt etwas nicht

Wie weit das Misstrauen inzwischen reicht, zeigt eine zweite Debatte, die Fahrt aufnimmt. Der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, Achim Wambach, sagt, die USA seien derzeit kein verlässlicher Partner der EU. Abhängigkeiten müssten neu bewertet werden – ausdrücklich auch bei Goldreserven.

Die Bundesbank hält laut Bericht (Stand: Ende 2024) 3352 Tonnen Gold, den zweitgrößten Bestand der Welt nach den USA. Rund 37 Prozent der deutschen Bestände lagern in den Hochsicherheitstresoren der Federal Reserve Bank in New York. Wenn selbst solche Lagerfragen wieder politisch werden, ist das mehr als Folklore.

Die nächste Weggabelung ist damit klar: Bleibt Trumps Grönland-Ansage eine laute Drohkulisse mit überschaubarem Marktschaden – oder kippt das Vertrauen so weit, dass Investoren anfangen, nicht nur über Zölle zu reden, sondern über ihre Dollar-Bestände zu handeln? Entscheidend wird sein, ob aus dem leichten Rendite-Zucken ein Trend wird.