Was nach einer möglichen Befreiung für Thyssenkrupp aussah, droht sich gerade in den nächsten Klotz am Bein zu verwandeln. Die Gespräche über einen Verkauf der Stahlsparte an Jindal Steel International laufen zwar noch, doch die Sache wackelt inzwischen bedenklich.
Nach Informationen von vier mit dem Vorgang vertrauten Personen ist ein Abschluss deutlich unwahrscheinlicher geworden. Nach fast sechs Monaten Prüfung, Zahlenwälzen und Verhandlungen steht der Deal nicht vor dem Durchbruch, sondern eher am Kipppunkt. Schon im kommenden Monat könnten die Gespräche offiziell beendet werden.
Ein Problem mit Ansage
Das wäre für Thyssenkrupp mehr als ein kleiner Rückschlag. Der Konzern versucht seit Jahrzehnten, für sein Stahlgeschäft eine tragfähige Lösung zu finden – mal über Börsenpläne, mal über Abspaltungen, mal über Gemeinschaftsmodelle, mal über einen kompletten Verkauf. Bisher hat nichts davon wirklich gezündet. Das sagt einiges über die Wucht des Problems.
Im Zentrum des Streits stehen laut den Quellen gleich mehrere Brocken. Da sind zum einen Pensionsverpflichtungen von 2,4 Milliarden Euro, die schon frühere Verkaufsversuche erschwert haben. Dazu kommt die Frage, wie viel Geld künftig noch in das Geschäft gepumpt werden muss. Übersetzt: Es geht nicht bloß darum, wer den Laden übernimmt, sondern auch darum, wer hinterher die dicken Rechnungen bezahlt.
Energie wird zum Störfeuer
Richtig heikel wird es beim Thema Energie. Jindal Steel International soll zunehmend unruhig auf die Kostenlage in Europa schauen. Die war schon vorher deutlich unangenehmer als in den USA oder in Asien. Durch den Iran-Krieg hat sich die Situation weiter zugespitzt. Für einen Stahlinvestor ist das keine Randnotiz, sondern ein ziemlich brutaler Faktor, weil Stahlproduktion nun einmal massiv Strom und Energie frisst.
Thyssenkrupp erklärte am Mittwoch, die vertraulichen Gespräche mit Jindal Steel International und den Arbeitnehmervertretern liefen weiter. Gleichzeitig machte der Konzern klar, woran es hängt: Bewertung, Verpflichtungen und künftige Investitionen müssen zwischen den Parteien noch ausgehandelt werden. Das klingt nüchtern, zeigt aber ziemlich deutlich, wie viele dicke Bretter noch vor ihnen liegen. Jindal wollte sich zunächst nicht äußern.
Lopez steht unter Druck
Für Konzernchef Miguel Lopez wäre ein Scheitern unerquicklich. Er treibt den Umbau von Thyssenkrupp zu einer Holding voran und will sich nach und nach von Beteiligungen an den einzelnen Sparten trennen – von Autozulieferern bis zum Clean-Tech-Geschäft. Ausgerechnet bei der Stahlsparte wäre ein Fehlschlag besonders unangenehm, weil dort seit Jahren die größten Zweifel, die höchsten Kosten und die unerquicklichsten Debatten zusammenkommen.
Lopez hatte Anfang des Monats bereits gesagt, die Restrukturierung von Thyssenkrupp Steel Europe werde mit oder ohne Jindal weitergehen. Das war einerseits ein Signal der Entschlossenheit. Andererseits klang schon damals mit, dass man sich intern längst auf den Fall vorbereitet, dass der Verkauf platzt. Auch aus dem Umfeld des Aufsichtsrats kamen zuletzt keine Signale für einen baldigen Durchbruch: Der stellvertretende Aufsichtsratschef Juergen Kerner hatte vergangene Woche erklärt, die Gespräche seien ins Stocken geraten.
Teure Zukunft, unsichere Lösung
Dabei hatte Lopez noch argumentiert, geplante EU-Maßnahmen zum Schutz der angeschlagenen europäischen Stahlbranche hätten die Stimmung bei Investoren verbessert und Thyssenkrupps Verhandlungsposition gestärkt. Nur nützt bessere Stimmung wenig, wenn am Ende Altlasten, Investitionsbedarf und Energiekosten wie Mühlsteine am Hals hängen.
Jindal hatte im September ein indikatives Angebot für Thyssenkrupp Steel Europe vorgelegt. Das sah unter anderem die Fertigstellung einer Grünstahl-Anlage in Duisburg und Investitionen von mehr als 2 Milliarden Euro in zusätzliche Kapazitäten mit Elektrolichtbogenöfen vor. Klingt nach Zukunft, kostet aber eben auch gewaltig Geld. Genau da liegt der Kern des Problems: Der Umbau der Stahlsparte ist industriepolitisch spannend, wirtschaftlich aber ein Knochenjob.
Jetzt wird sich zeigen, ob beide Seiten diese Rechnung noch zusammenbekommen – oder ob Thyssenkrupp bei seinem schwierigsten Problem mal wieder ohne Partner dasteht.

