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22. Januar 2026

Tesla baut in Grünheide heimlich ab – und jetzt fliegen die Zahlen auf

Tesla
Foto: depositphotos.com / jetcityimage2

Wer in Grünheide zuletzt noch an die große Tesla-Erfolgsgeschichte glauben wollte, bekommt jetzt einen Kaltstart serviert: Im Werk arbeiten laut internen Unterlagen deutlich weniger Leute als noch vor zwei Jahren – und das trotz gegenteiliger Signale aus der Chefetage.

Nach Recherchen des Handelsblatts sind es aktuell 10.703 Beschäftigte. Bei der Betriebsratswahl vor zwei Jahren waren es noch 12.415. Unterm Strich fehlen damit rund 1.700 Stellen – ein Minus von 13,8 Prozent. Die Zahlen kommen laut Bericht vom Wahlvorstand des Betriebsrats. Dessen Vorsitzender René Seyfert schreibt in einer Einladung zur Betriebsratswahl Anfang März: Im Betrieb seien 1.683 Frauen, 9.006 Männer und 14 nicht-binäre Personen beschäftigt.

Eine Einladung zur Betriebsratswahl 2024 nennt demnach noch 1.788 Frauen, 10.616 Männer und 11 nicht-binäre Personen. Die Richtung ist klar: weniger Köpfe, weniger Personal – und zwar nicht im homöopathischen Bereich.

Musk sagt „Sparen“, Grünheide sagt „betrifft uns nicht“

Das ist der Punkt, der hängen bleibt: Elon Musk hatte im April 2024 intern angekündigt, Tesla werde die Belegschaft weltweit um mehr als zehn Prozent reduzieren – Kostensenkung, Produktivität, das volle Manager-Vokabular. Übersetzt: Es soll billiger werden, und jeder soll mehr schaffen.

In Grünheide klang es damals aber wie eine Ausnahmegenehmigung. Werksleiter André Thierig sagte: keine Massenentlassungen, keine betriebsbedingten Kündigungen. Stattdessen wirkte der Stellenabbau wie eine Randkorrektur: 300 Leiharbeiter seien abgemeldet, weitere 400 Stellen sollten über ein Freiwilligenprogramm wegfallen – also über Angebote, bei denen Mitarbeiter „freiwillig“ gehen sollen, meist gegen Geld oder Sonderregeln. Klingt sanft, ist aber am Ende trotzdem Abbau.

Eine Anfrage, wie der Rückgang auf mehr als 13 Prozent zu erklären sei, blieb laut Bericht unbeantwortet. Und genau dieses Schweigen macht die Zahlen umso lauter.

Politik atmete auf – zu früh?

Damals war die vermeintliche Ruhe in Grünheide auch politisch ein kleiner Befreiungsschlag. CDU-Fraktionschef Jan Redmann sagte im April 2024, viele Mitarbeiter würden damit aufatmen und hätten wieder Planungssicherheit. Und der damalige Wirtschaftsminister Jörg Steinbach lobte: Ein Abbau von drei Prozent ohne Kündigungen sei bei mehr als 12.000 Jobs mit viel Augenmaß umgesetzt.

Nur: Wenn heute fast 14 Prozent weniger Leute da sind, wirkt dieses Augenmaß rückblickend eher wie Schönfärberei – oder mindestens wie eine Rechnung, die später still nachkorrigiert wurde.

Beruhigung nach außen, Druck nach innen

Thierig hielt die Beruhigung noch länger hoch. Im März 2025 sagte er, es gebe keinerlei Planungen für Produktionsstillstände, Personalabbau oder Kurzarbeit in Grünheide. Das ist eine Ansage, die man sich merkt – gerade, wenn später die Belegschaft sichtbar schrumpft.

Drei Monate danach lud Thierig laut Bericht Steinbach in die Gigafabrik ein. Steinbach war da schon nicht mehr Wirtschaftsminister in Brandenburg, galt dem Unternehmen aber weiterhin als nah. Bei einer Tesla-Townhall – das ist im Klartext eine interne Bühne mit Chef-Ansprache und Fragerunde – stellte sich Steinbach demonstrativ vor den Standort: Egal, was in der Welt gesagt wird, er stehe nach wie vor zu diesem Standort, er stehe zu Tesla.

Und er legte noch nach: Manche Mitarbeiter würden offenbar nicht kapieren, in welcher Oase sie arbeiteten. Sein Rat: Bedankt euch auch mal bei euren Vorgesetzten, auch mal beim Betriebsleiter. Das ist der Ton, bei dem sich mancher Arbeiter fragt, ob er im Werk oder in einem Motivationsseminar gelandet ist.

IG Metall als Feindbild

Thierig warnte seinerseits vor allem vor einem: Gewerkschaften, Tarifverträge – also Regeln, die Löhne und Arbeitsbedingungen verbindlich festzurren. Er stellte es als Irrtum dar, darauf zu setzen, und verwies auf Volkswagen als Negativbeispiel. Die Botschaft: Wer Tarif will, landet in der Krise.

Im September 2025 fühlte er sich bestätigt. In einer internen Nachricht schrieb er, es sei toll zu sehen, dass die Giga Berlin keine schlechten Nachrichten wie viele andere Autowerke verkünden müsse. Lasst uns diese Erfolgsgeschichte weiter fortschreiben. Das klingt nach Rückenwind – nur dass laut Bericht zu diesem Zeitpunkt offenbar bereits rund tausend Jobs verschwunden waren.

Absatzflaute trifft Personalrealität

Parallel dazu bekam Tesla in Deutschland Gegenwind im Markt. Laut Bericht lag Tesla bei den Neuzulassungen in den ersten neun Monaten 2025 rund 50 Prozent unter dem Vorjahr. Und: Das Model Y war hier längst nicht mehr das meistverkaufte E-Auto. Wenn der Absatz wackelt, wird Personal schnell zum Puffer – auch wenn man das ungern so nennt.

Einen Monat später nahm Thierig laut Bericht die IG-Metall-Chefin Christiane Benner aufs Korn. Sie hatte erklärt, Tarifverträge hätten die Autoindustrie produktiv und erfolgreich gemacht. Thierig reagierte spöttisch: Das sehe man ja an der restlichen Automobilindustrie – überall würden Stellen abgebaut. Bei Tesla, wo man sich keinen Tarifvertrag aufzwingen lasse, sei dagegen alles gut. Seine Zuspitzung: Wir fahren die Produktion hoch, nicht runter. Warum sollten wir jetzt Stellen abbauen?

Weihnachtsbühne statt Klartext

Zum Jahresende setzte Tesla Deutschland dann noch auf Show und gute Laune. Kurz vor Weihnachten holte Thierig Kool Savas für ein Kurzkonzert in die Gigafabrik. Direkt danach stand er selbst auf der Bühne, nannte es ein fantastisches Jahr und versprach: 2026 werde Tesla die Produktion in Grünheide erhöhen – und damit seien die Arbeitsplätze sicher, anders als in vielen Teilen der Industrie.

Wenig später saß Thierig in einer Live-Talkshow der Märkischen Oderzeitung. Der Moderator sprach von um die 12.000 Beschäftigten, Thierig korrigierte auf: um die 11.000. Wie viele es in einem Jahr sein werden, wollte er nicht sagen. Seine Begründung: Never make forward-looking statements – auf Deutsch: bloß nichts versprechen, was man später fressen muss.

Und dann der Satz, der wie ein unfreiwilliges Eingeständnis klingt: Da klafft eine große Lücke zwischen dem, was der Öffentlichkeit gesagt wird, und dem, wie es wirklich ist. Sein Wunsch: dass nicht mehr gelogen wird. Die Frage ist nur: Wer genau soll damit anfangen?