Die Deutsche Telekom und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland wollen ein gemeinsames Schwergewicht für Künstliche Intelligenz bauen: eine „AI Gigafactory“ in Deutschland, ein Mega-Rechenzentrum mit über 100.000 Spezialchips für KI. Es geht um ein Milliardenprojekt und darum, ob Deutschland bei der KI-Infrastruktur nicht völlig abgehängt wird.
Geheime Verhandlungen und ein Milliardeninvestor
Nach Berichten aus den Medien verhandeln Telekom und Schwarz über eine gemeinsame Bewerbung für eines der von der EU geplanten Großrechenzentren. Insider sprechen von weit gediehenen Gesprächen, ohne dass es schon eine endgültige Einigung gibt. Als möglicher Großinvestor sitzt der kanadische Finanzkonzern Brookfield mit am Tisch und soll einen dicken Teil der Kosten übernehmen. Offiziell bestätigt die Telekom nur, man sei interessiert, die EU-AI-Gigafactory in führender Rolle in Deutschland aufzubauen; zu einer Partnerschaft mit Schwarz schweigt der Konzern. Öffentlich hat allerdings schon Rolf Schumann, Co-Chef der Digitalsparte Schwarz Digits, gesagt, man habe sich mit der Telekom zusammengetan, „um die Gigafactory nach Deutschland zu holen“.
Was hinter der AI-Gigafactory steckt
Die EU versteht unter einer „AI Gigafactory“ ein Rechenzentrum mit mindestens 100.000 GPU-Chips, also Spezialprozessoren, mit denen sich große KI-Modelle trainieren lassen – die technische Basis für Chatbots und ähnliche Anwendungen. Geplant sind vier bis fünf solcher Standorte in Europa, gefördert mit bis zu 35 Prozent öffentlicher Mittel. Ziel ist ein Netzwerk von KI-Campussen, damit europäische Firmen nicht dauerhaft bei US-Cloudkonzernen anklopfen müssen. Ein Experte der Investmentbank Nomura nennt die Förderung sinnvoll, verweist aber darauf, dass Länder mit deutlich niedrigeren Strompreisen – etwa die nordischen Staaten, Portugal oder Frankreich – im Standortwettbewerb vorn liegen.
Deutsches Bewerbungschaos und Standortpoker
Deutschland tat sich bereits bei der Vorbereitung schwer. Mehrere Konzerne, darunter Telekom und Schwarz, wollten im Sommer eine gemeinsame Interessenbekundung nach Brüssel schicken, doch laut Insidern scheiterte dieser Versuch. Statt eines geschlossenen Auftritts landeten sechs verschiedene Skizzen aus Deutschland in Brüssel, unter anderem von Telekom, Ionos, der Schwarz-Gruppe, dem Land Bayern und dem Netzwerk Silicon Saxony. Bei der Telekom verantwortet T-Systems-Chef Ferri Abolhassan das Projekt, bei Schwarz Digitalsparte-Co-Chef Schumann.
Knackpunkt ist der Standort. Höttges verhandelt mit Nordrhein-Westfalen und dem Energieversorger RWE, festgelegt ist nichts. Parallel investieren beide Konzerne bereits kräftig in Rechenzentren: Die Schwarz-Gruppe baut in Lübbenau im Spreewald ein neues Zentrum mit Milliardeninvestitionen. Die Telekom errichtet in München eine eigene KI-Fabrik, die im ersten Quartal des kommenden Jahres starten und vor allem Industriekunden bedienen soll. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder brachte zusätzlich ein ehemaliges US-Kasernengelände in Schweinfurt als möglichen Standort für eine AI Gigafactory ins Spiel.
München als Testlauf mit Nvidia und Brookfield im Hintergrund
Die Münchner KI-Fabrik der Telekom dient als Testlauf für eine mögliche EU-Gigafactory; Partner ist der US-Chiphersteller Nvidia. In München sollen rund 10.000 KI-Chips verbaut werden, eine Gigafactory würde mindestens 100.000 Chips benötigen. Die Investition liegt bei etwa einer Milliarde Euro; nach Angaben aus dem Umfeld trägt Nvidia etwa die Hälfte der Kosten, den Rest die Telekom. Höttges skizzierte gegenüber Analysten, Brookfield solle bei einer EU-Gigafactory einen erheblichen Anteil der Investitionen übernehmen; weitere Partner seien denkbar.
Brookfield ist für die Telekom kein Neuling: 2022 verkaufte der Konzern die Mehrheit seiner Funktürme an ein Gemeinschaftsunternehmen von Brookfield und Digital Bridge für 17,5 Milliarden Euro. Der Investor legt aktuell einen neuen Fonds speziell für KI-Datenzentren auf und will dafür einen zweistelligen Milliardenbetrag einsammeln.
Politischer Druck, teurer Strom und digitale Souveränität
Damit sich eine Gigafactory überhaupt rechnet, setzt Höttges die Politik unter Druck. Er fordert, der Staat müsse als Ankerkunde auftreten und Behörden gesetzlich verpflichtet werden, Daten bei europäischen Cloudanbietern zu speichern. Hintergrund sind wachsende Sicherheitsbedenken gegenüber den dominierenden US-Cloudriesen Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud sowie chinesischen Anbietern wie Alibaba und Tencent. Gleichzeitig leiden Netzbetreiber und Rechenzentren unter hohen Energiepreisen; der IT-Verband Bitkom kritisiert ihre Ausklammerung von Entlastungen bei der Stromsteuer und warnt, wer bei dieser Infrastruktur spare, schwäche die digitale Souveränität Europas.

