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8. Januar 2026

SpaceX, OpenAI, Fannie Mae: Kommt 2026 der IPO-Wahnsinn zurück?

IPO Initial Public Offering
Foto: depositphotos.com

2026 könnte das Jahr werden, in dem die IPO-Maschine wieder richtig warm läuft – und plötzlich steht sogar ein neuer Rekord-Brocken im Raum, der Saudi Aramco alt aussehen lassen würde.

Denn das US-Börsenjahr verspricht Superlative: nicht nur mehr Börsengänge als im Comeback-Jahr 2025, sondern womöglich auch den größten IPO aller Zeiten. Der bisherige Bestwert stammt vom saudi-arabischen Ölkonzern Saudi Aramco aus 2019.

IPO-Markt: Der Stau löst sich – und alle drängeln

Schon 2025 kam in den USA wieder Bewegung rein. Nach Zahlen der Beratung EY standen zum Jahresende 223 IPOs in den Büchern – 27 Prozent mehr als zuvor – bei einem Platzierungsvolumen von 45,5 Milliarden Dollar. 2026 dürfte das noch mal eine Etage höher gehen.

Ein Grund: Nachholeffekt. Der wochenlange Shutdown der US-Regierung blockierte Genehmigungsverfahren, dann war plötzlich alles festgefahren. Jetzt drängen viele Kandidaten gleichzeitig an den Markt – und das macht aus einem normalen Börsenjahr schnell ein Gedränge wie an der Supermarktkasse kurz vor Ladenschluss.

„Make IPOs great again“, sagte der Chef der Börsenaufsicht SEC, Paul Atkins. Viel spreche 2026 für mehr Börsengänge in den USA, meint auch Henning Kürbis, Fachmann für Fusionen und Übernahmen bei der Beratungsfirma Marktlink.

SpaceX: Raketen, Starlink – und eine Nummer zu groß für 2026?

SpaceX ist so ein Kandidat, bei dem selbst abgeklärte Marktleute kurz den Taschenrechner zücken. Als Elon Musk 2002 in einem Lagerhaus im kalifornischen El Segundo gründete, klang das für viele nach Bastelprojekt. Heute hat SpaceX die Raumfahrtbranche mit wiederverwendbaren Raketen auf links gedreht.

Laut dem Beratungsunternehmen Bryce Tech brachte SpaceX 2024 83 Prozent der Nutzlast ins All und hat sich damit im Westen faktisch ein Monopol geschaffen. Der Rest verteilt sich größtenteils auf Länder wie Russland, China und Indien.

Ein Wachstumstreiber kreist längst im Orbit: Seit 2020 liefert Starlink Internet aus dem All. Für viele ist das die eigentliche Goldgrube. Marktbeobachter schätzen die Einnahmen von Starlink für 2026 auf 22 bis 24 Milliarden Dollar – und rechnen mit weiterem Wachstum durch Dienste, die Telefonie über Satelliten ermöglichen („Direct to Cell“: Handyempfang, nur eben über Satellit statt Funkmast).

Die Milliardenwette: 800 Milliarden Bewertung – und noch mehr Fantasie

Wenn SpaceX mit einer Bewertung von aktuell 800 Milliarden Dollar – das wertvollste Start-up der Welt – an die Börse geht, könnte 2026 wirklich aus allen Nähten platzen. Experten rechnen dann mit einem Bewertungsanstieg auf bis zu 1,5 Billionen Dollar.

Ein geschätzter Erlös von 25 bis 30 Milliarden Dollar würde sogar den Rekord-Börsengang von Saudi Aramco aus 2019 übertreffen, der 25,6 Milliarden Dollar einbrachte. Der Ölkonzern hatte damals 1,5 Prozent seiner Anteile platziert.

Wofür das Geld? Ein Teil könnte in Musks Mars-Pläne fließen – und in den Aufbau von Rechenzentren im All. Die Idee dahinter klingt wie Sci-Fi, soll aber handfeste Vorteile haben: Solarenergie rund um die Uhr, dazu Kälte, die Kühlung einfacher machen könnte.

Ganzes SpaceX oder nur Starlink? Genau da wird’s knifflig

Nur: Es wird spekuliert, ob wirklich das ganze Unternehmen an die Börse geht – oder nur ein Teil. Martin Geißler von Advyce & Company hält einen separaten Börsengang von Starlink für realistischer. Sein Punkt: SpaceX sei die größere, wilder zusammengesetzte Geschichte – viele Ideen, aber nicht bei allem ist klar, was am Ende tatsächlich Geld druckt.

OpenAI: Hype, Titelblatt – und die Frage nach dem Geld

Im Dezember kürte das Magazin „Time“ die Pioniere der KI-Entwicklung zur „Person of the Year“ – mit auf dem Titelblatt: OpenAI-Chef Sam Altman. Kaum ein Unternehmen steht so sehr für den KI-Boom wie die Entwickler von ChatGPT.

Doch während SpaceX als IPO-Kandidat für 2026 als ziemlich heiß gehandelt wird, bleibt OpenAI das große Fragezeichen. Nach der letzten Finanzierungsrunde im Oktober liegt die Bewertung bereits bei über 500 Milliarden Dollar. Vor einem möglichen Börsengang könnte sie noch weiter steigen – auf über 750 Milliarden Dollar, schrieb das Branchenmagazin „The Information“.

Gleichzeitig kippt die Stimmung: Aus Euphorie wird immer öfter Skepsis, weil die Leute wissen wollen, wann – und ob – sich das alles rechnet.

„Cashburn“: Wenn Geld so schnell weg ist wie Benzin bei Vollgas

Die Investmentbank HSBC geht laut Magazin „Fortune“ davon aus, dass OpenAI auch bis 2030 noch nicht profitabel ist – aber weitere 207 Milliarden Dollar für Rechenleistung braucht, um die Wachstumspläne zu stemmen. 207 Milliarden: Das ist keine Portokasse, das ist ein Fass ohne Boden mit Hochglanzetikett.

Ein Börsengang würde viel Geld bringen. Nur dämpfte Finanzchefin Sarah Friar auf einer Konferenz des „Wall Street Journals“ die Erwartungen: Ein IPO stehe derzeit nicht zur Debatte, sagte sie. Gerüchte kursieren um eine Notierung Ende 2026 oder 2027. Bei einem Börsengang könnte OpenAI auf eine Bewertung von einer Billion Dollar kommen.

Geißler bezweifelt, dass OpenAI 2026 an die Börse geht. Das Geschäftsmodell sei noch nicht reif. Der „Cashburn“ sei enorm – auf gut Deutsch: Das Unternehmen verbrennt Geld in hohem Tempo. Und ein tieferer Blick in die Zahlen, den Investoren nach einem Börsengang bekämen, sei vermutlich nicht im Interesse von OpenAI. „Es geht um das Narrativ“, sagt Geißler. Das könne schnell entzaubert werden, wenn Quartalsberichte plötzlich schwarz auf weiß zeigen, was gut läuft – und was nicht.

Anthropic: Der „saubere Case“ für einen frühen KI-IPO

Während OpenAI frühestens Ende 2026 oder später erwartet wird, könnte ein Konkurrent früher dran sein. Nach einem Bericht der „Financial Times“ führt Anthropic bereits Gespräche mit Investmentbanken und der Kanzlei Wilson Sonsini.

Anthropic ist mit seinem Chatbot „Claude“ bei Privatkunden weniger bekannt als ChatGPT. Bei Unternehmenskunden sieht das anders aus: Nach Schätzungen der Wagniskapitalfirma Menlo Ventures liegt Anthropic dort mit 32 Prozent Marktanteil vorn. In einer Finanzierungsrunde im Dezember soll die Bewertung von 183 Milliarden auf rund 350 Milliarden Dollar gestiegen sein.

Ein IPO hätte Signalwirkung: Wenn so ein Deal gut läuft, steigt der Risikoappetit der Investoren im ganzen KI-Sektor. Geißler nennt Anthropic im Vergleich zu OpenAI einen „saubereren Case“ – also leichter zu erklären, besser vorbereitet, stabilere Zahlen.

Fannie Mae und Freddie Mac: Old Economy, aber Größenordnung brutaler als jede Tech-Story

Neben Raumfahrt und KI könnten 2026 auch zwei Namen aus der „Old Economy“ einen Mega-Börsengang liefern: die Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Sie sind zentrale Zahnräder im zwölf Billionen Dollar schweren US-Immobilienmarkt. Beide kaufen Hypotheken, bündeln sie und verkaufen sie als Wertpapiere. Schätzungen zufolge garantieren sie 50 bis 70 Prozent aller US-Hypotheken.

2008 mussten beide mit 191 Milliarden Dollar von der US-Regierung gerettet werden. Nach der Finanzkrise übernahm die Federal Housing Finance Agency die Kontrolle und hält seither rund 80 Prozent der Anteile. 2010 wurden die restlichen Papiere von der New Yorker Börse genommen; seitdem werden sie nur noch außerbörslich gehandelt.

Privatisierung: Trump schiebt an – Investoren wetten mit

2025 bekamen Reprivatisierungspläne kräftig Rückenwind, angestoßen durch US-Präsident Donald Trump, der eine Rückkehr beider Institute an die Börse in Aussicht stellte.

Prominente Investoren wie Bill Ackman und Michael Burry setzen auf eine Privatisierung. Die Spekulationen ließen die Aktien am Sekundärmarkt seit Anfang 2025 um rund 200 Prozent steigen.

Ein Selbstläufer ist das aber nicht. Offene Forderungen und bürokratische Hürden stehen im Weg, deren Beseitigung laut Analysedienst Bloomberg Intelligence noch Monate oder Jahre dauern könnte.

Sollte es trotzdem klappen, wären die Dimensionen gewaltig: Bei einer Bewertung von geschätzten 500 Milliarden Dollar könnte der Verkauf von fünf bis 15 Prozent der Anteile rund 30 Milliarden Dollar einbringen.

Deutschland: Comeback-Hoffnung, aber deutlich kleineres Kaliber

Auch hierzulande setzt der IPO-Markt nach der Flaute auf ein Comeback – nur eben in anderen Dimensionen. Die Aufzugsparte von Thyssenkrupp, TK Elevators, steht weit oben auf der Liste. Bei einem IPO könnte das Unternehmen auf eine Bewertung von 20 Milliarden Euro kommen.

Als Kandidaten gelten auch das Autoanzeigenportal Mobile.de und der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS. In der Start-up-Szene richten sich viele Blicke auf den Spezialisten für Prozessautomatisierung Celonis und die Reiseplattform Getyourguide.

Der Markt gewinnt auch deshalb wieder an Dynamik, weil Beteiligungsgesellschaften zunehmend Druck bekommen: Ihre Geldgeber wollen nach Jahren der Flaute endlich Rückflüsse sehen – egal ob durch Verkauf oder Börsengang.

Thomas Thurner von Morgan Stanley sagt, Finanzinvestoren wollten so schnell wie möglich Banken auswählen, um schon im Januar in den IPO-Prozess zu gehen. Die Dringlichkeit habe seit Herbst zugenommen. „Ein vergleichbares Maß an Zeitdruck war in den vergangenen zwei Jahren nicht zu beobachten.“

Der Haken bleibt: 2025 hat gezeigt, wie schnell ein IPO platzen kann

Etwas Skepsis bleibt. 2025 war eine Erinnerung daran, wie schnell Börsengänge scheitern können. Lediglich ein Unternehmen, der Prothesenhersteller Ottobock, schaffte es in den streng regulierten Prime Standard der Deutschen Börse.

Und einige Hoffnungsträger liefen anders als geplant: Das Pharmaunternehmen Stada wurde verkauft. Kandidaten wie Brainlab und Autodoc zogen ihre Pläne kurzfristig zurück.

Reihenfolge: Erst der Eisbrecher, dann der Rest?

Wie erfolgreich das IPO-Jahr 2026 in den USA wird, dürfte auch an der Reihenfolge hängen. Ein früher, gut gelaufener Börsengang kann wie ein Katalysator wirken – plötzlich trauen sich andere nach. Psychologie spielt mit, sagt Martin Steinbach, IPO-Experte bei EY. „Will ich der Erste sein, der den Markt austestet?“ Je größer der Kandidat, desto wichtiger wird er für institutionelle Investoren – und kann als Eisbrecher dienen.

Geißler sieht in Anthropic und SpaceX potenzielle „Anker-IPOs“, die bei gutem Start einen „Pull-Effekt“ auslösen könnten: Der Markt zieht weitere Kandidaten hinterher wie an einer Schnur. Umgekehrt gilt aber auch, sagt Kürbis: Wenn ein prominenter Börsengang zu ambitioniert bepreist wird und der Kurs danach schwächelt, kann das Fenster schnell wieder enger werden.