Wenn selbst Shell auf die Bremse tritt, ist im globalen Gasgeschäft ordentlich Sand im Getriebe. Der weltgrößte Händler für verflüssigtes Erdgas hat bei LNG-Ladungen aus Katar gegenüber seinen Kunden höhere Gewalt erklärt – also vereinfacht gesagt: Es gibt ein Problem außerhalb der eigenen Kontrolle, deshalb können vertragliche Lieferpflichten vorerst wackeln.
Auslöser ist der Produktionsstopp in Katar. Das Land, nach den USA der zweitgrößte LNG-Exporteur der Welt, hatte vergangene Woche mitgeteilt, dass die Produktion an einer Anlage mit 77 Millionen Tonnen Jahreskapazität stillsteht. Gleichzeitig erklärte QatarEnergy höhere Gewalt für LNG-Lieferungen. Shell wollte sich dazu nicht äußern.
Die Störung frisst sich durch die Lieferkette
Brisant ist vor allem, wie schnell sich der Ausfall durch die Lieferkette frisst. Shell hat die betroffenen Mengen von QatarEnergy gekauft und an Kunden in aller Welt weiterverkauft. Genau an dieser Stelle wird es nun heikel: Wenn die Ware an der Quelle ausfällt, geraten auch die Folgegeschäfte ins Rutschen.
Das ist kein bürokratischer Nebenkriegsschauplatz, sondern handfester Vertragsstress. Wer höhere Gewalt erklärt, sagt im Kern: Diese Störung liegt außerhalb unseres Zugriffs, deshalb stehen Lieferzusagen plötzlich auf wackligen Beinen. Für Kunden ist das eine unangenehme Nachricht, für den Markt ein klares Warnsignal.
Nicht nur Shell steht im Fokus
Auch andere Käufer von Qatari LNG sollen entsprechende Hinweise erhalten haben. Dazu zählen TotalEnergies und einige asiatische Unternehmen. Mehrere Abnehmer haben ihren Kunden demnach signalisiert, dass sie solange kein LNG aus Katar weiterverkaufen werden, wie die Anlagen stillstehen.
Bei TotalEnergies ist das Bild allerdings nicht ganz so eindeutig. Eine mit dem Vorgang vertraute Person sagte, der französische Konzern habe selbst bislang keine höhere Gewalt erklärt. Genau dieser Unterschied ist wichtig. Denn nicht jeder Marktteilnehmer reagiert sofort gleich, obwohl alle dieselbe Störung auf dem Tisch haben.
Warum die Sache Gewicht hat
Dass ausgerechnet Shell und TotalEnergies hier im Fokus stehen, kommt nicht von ungefähr. Beide Konzerne arbeiten seit Jahren eng mit QatarEnergy zusammen und sind auch beim riesigen North-Field-Ausbau dabei. Dieses Projekt soll die Kapazität bis 2027 deutlich erhöhen.
Laut Analysten nimmt Shell rund 6,8 Millionen Tonnen Qatari LNG pro Jahr ab, TotalEnergies etwa 5,2 Millionen Tonnen. Das sind keine Randmengen, sondern ein spürbarer Brocken im Weltmarkt. Wenn solche Volumina ins Wanken geraten, schaut die Branche sehr genau hin.
Im März noch Ruhe, ab April könnte es ungemütlich werden
Für den Moment gibt es zumindest einen kleinen Puffer. Die Lieferungen im März sollen noch nicht betroffen sein. Die eigentlichen Auswirkungen dürften erst ab April sichtbar werden. Genau das macht die Lage so heikel: Noch läuft nicht alles gegen die Wand, aber der Markt weiß, dass der Druck bereits aufbaut.
Qatars Energieminister Saad al-Kaabi hatte bereits gesagt, dass eine Rückkehr zu normalen Lieferungen selbst dann Wochen bis Monate dauern könne, wenn der Krieg sofort enden würde. Das klingt nicht nach einer kurzen Delle, sondern eher nach einer Störung mit Ansage.
Einerseits bleibt damit noch etwas Zeit, um die Lage neu zu sortieren. Andererseits zeigt der Fall schon jetzt, wie verwundbar das globale LNG-Geschäft trotz Langfristverträgen und Milliardenprojekten bleibt. Entscheidend wird nun sein, ob die Störung eingegrenzt werden kann – oder ob daraus im Frühjahr ein echter Belastungsfaktor für den Gasmarkt wird.

