Drei Manager sind raus aus dem Tagesgeschäft – und plötzlich hängt über SAP die Frage, die kein Konzern gern auf dem Tisch hat: Hat man sich beim Konkurrenten bedient oder nicht? Auslöser ist eine Klage des US-Softwareanbieters o9, die SAP in eine unangenehme Ecke drückt. Denn es geht nicht um Kleinkram, sondern um einen mutmaßlichen Datenabzug im großen Stil.
o9 hat im November vor einem US-Bezirksgericht Klage eingereicht. Der Vorwurf: Drei damalige o9-Führungskräfte sollen kurz vor ihrem Abgang mehr als 22.000 Dateien von den Servern gezogen haben – und diese Informationen anschließend zu SAP mitgenommen haben. In der Klageschrift ist von vertraulichen Unterlagen die Rede: Produktentwürfe, Kundenlisten, Preisstrategien. Dinge also, die im Wettbewerb Gold wert sind.
SAP bestreitet das – beantragte am Montag (Ortszeit) sogar, die Klage abweisen zu lassen. Trotzdem gibt es intern offenbar genug Alarmzeichen, um Konsequenzen zu ziehen: Nach Informationen des Handelsblatts wurden die drei Manager von ihren Aufgaben freigestellt. Offiziell bestätigt SAP, dass „derzeit drei Personen aus dem Unternehmen ausscheiden“. Gleichzeitig betont der Konzern: Die bisherige Überprüfung habe keine Hinweise auf Fehlverhalten seitens des Unternehmens ergeben. Warum man sich dann trennt? Dazu sagt SAP nichts. Und genau dieses Schweigen macht die Sache so heikel.
Das Risiko: teuer, laut – und schlecht fürs Innenleben
Für SAP steckt hier mehr drin als ein unschöner Rechtsstreit. o9 fordert Schadenersatz, unter anderem für entgangene Gewinne und verlorene Wettbewerbsvorteile. Obendrauf steht Strafschadenersatz im Raum – das ist diese US-Spezialität, bei der Gerichte bei schweren Verstößen extra draufpacken können. Kurz: Es kann richtig teuer werden.
Neben dem Geld droht Unruhe ganz oben. Die drei ehemaligen o9-Leute hatten bei SAP Führungsjobs im Vertrieb übernommen. Nach der Freistellung müssen diese Posten neu besetzt werden – und damit stellt sich automatisch die nächste Frage: Wer hat die Wechsel damals abgesegnet, und wer wusste wann was? Im Vorstand wird man sich dazu erklären müssen.
o9 gegen SAP: David gegen Goliath – mit 77 Seiten Vorwürfen
o9 ist in der Tech-Welt kein Name, der jedem sofort etwas sagt. Gegründet 2009 in Dallas, spezialisiert auf Software für Planungsprozesse – zum Beispiel für Lieferketten. Genau dort ist SAP ebenfalls unterwegs, nur eben mit einem riesigen Bauchladen an Produkten. o9 soll 2024 laut Pitchbook 158 Millionen Dollar Umsatz gemacht haben. Kein Zwerg, aber im Vergleich zu SAP trotzdem der deutlich kleinere Spieler.
In der Klage fährt o9 schweres Geschütz auf: 77 Seiten, viele Anschuldigungen, viel Drama. Der zentrale Punkt bleibt aber simpel: Kurz vor dem Abgang sollen die drei Manager massenhaft Dateien heruntergeladen haben. Laut o9 belegt das eine forensische Untersuchung – also eine digitale Spurensuche, bei der Experten nachvollziehen, wer wann was auf welchen Rechner gezogen hat.
o9 behauptet außerdem, die drei Seitenwechsler hätten sich untereinander und mit SAP abgestimmt. In der Klage ist von einer „aggressiven Kampagne“ die Rede, mit der SAP Geschäftsgeheimnisse habe abgreifen wollen. Harte Worte – nur: Handfeste Belege dafür werden in der Klage laut Bericht nicht geliefert, eher Hinweise und Auffälligkeiten.
Indizien statt Smoking Gun – aber die klingen unangenehm
Ein paar dieser Indizien haben es in sich. So soll es regelmäßige Telefonate zwischen den drei o9-Managern und SAP-Führungskräften gegeben haben. Außerdem dokumentiert o9 einen Termin, den der damalige o9-Vertriebschef Stephan de Barse vor seinem Wechsel mit SAP-Vorstand Sebastian Steinhäuser vereinbart haben soll. Betreff: „Sync“ – naheliegend als Abkürzung für „synchronisieren“, also abstimmen. Der Termin sei offenbar über de Barses dienstliche o9-Mailadresse gelaufen. Das sieht zumindest unsauber aus, auch wenn es allein noch nichts beweist.
Dazu kommt ein weiterer Vorwurf: de Barse soll mindestens zehn Teammitglieder zu SAP gelotst haben, obwohl ein vertragliches Abwerbeverbot bestanden habe. o9 spricht sogar von weiteren laufenden Abwerbeversuchen. Für einen Konzern kann so etwas doppelt gefährlich sein: rechtlich, weil Verträge im Spiel sind – und operativ, weil man sich mit einem Wettbewerber endgültig anlegt.
SAPs Verteidigung: falsches Gericht, falsche Geschichte
SAP weist die Anschuldigungen entschieden zurück und setzt zusätzlich auf einen formalen Hebel: Das Gericht in Texas sei gar nicht zuständig. Begründung: Es gehe um drei niederländische Staatsbürger, die bei o9 in den Niederlanden gearbeitet hätten und zu SAP ebenfalls in die niederländische Einheit gewechselt seien. Wenn das Gericht dem folgt, könnte der Fall an dieser Stelle schon aus dem Tritt kommen.
Auch die drei Manager selbst schießen zurück – in einer eigenen Stellungnahme. Ihr Punkt: Die Klage basiere mehr auf Unterstellungen als auf Tatsachen. Dokumente während der Anstellung herunterzuladen sei legal gewesen. Dass die Dateien an SAP übertragen worden seien, werde nicht konkret dargelegt. Außerdem habe o9 keine konkreten Geschäftsgeheimnisse benannt, die tatsächlich betroffen sein sollen.
Bei de Barse geht die Verteidigung noch weiter: Er habe laut Darstellung der Manager gar keine Dokumente herunterzuladen. Die Vorwürfe gegen ihn stützten sich auf spekulative Annahmen über eine angebliche Koordination mit den beiden anderen. Das ist juristisch eine klare Linie: Ohne konkrete Daten, keine Story.
Discovery: Jetzt könnte es richtig unangenehm werden
Unabhängig davon, wie das Gericht entscheidet, steckt in US-Verfahren ein Mechanismus, vor dem viele Unternehmen Respekt haben: die Discovery. Das ist eine Art Zwangs-Aufräumen. Beide Seiten müssen Dokumente offenlegen – E-Mails, Verträge, Chatverläufe – und Zeugen können unter Eid befragt werden. Wer gehofft hat, das Ganze ließe sich mit ein paar Anwaltsschreiben erledigen, wird dort oft schnell ernüchtert.
Zuerst muss das Gericht klären, ob es zuständig ist. Dann, ob die Vorwürfe plausibel genug sind, um überhaupt in ein volles Verfahren zu gehen. Erst danach beginnt der eigentliche juristische Schlagabtausch.
Vertrieb als Sollbruchstelle: Warum de Barses Abgang besonders sticht
Selbst wenn es am Ende kein Urteil gibt: Für SAP ist der Abgang vor allem deshalb heikel, weil de Barse keine Randfigur war. Bei o9 leitete er Marketing und Vertrieb. Bei SAP bekam er eine exponierte Rolle im Verkauf und führte als Präsident eine global tätige Vertriebsgruppe. Zu seinem Start posierte er sogar mit CEO Christian Klein – das war sichtbar als Signal gedacht: Hier kommt ein Top-Verkäufer, der liefern soll.
Der Kontext macht das Ganze noch pikant: Seit dem Vorstandsumbau im Sommer 2024 hat SAP keinen eigenen Vorstandsbereich mehr für den Vertrieb – für einen Konzern, bei dem fast ein Viertel der Belegschaft in Vermarktung und Verkauf arbeitet, ist das ungewöhnlich. Insider sagen: Mit Leuten wie de Barse sollte der Vertrieb spürbar gestärkt werden. Genau dort reißt die Affäre jetzt ein Loch.
Den Bereich „Customer Success“ teilen sich Manos Raptopoulos und Jan Gilg im erweiterten Vorstand – sichtbar, aber ohne formale Entscheidungsmacht wie der eigentliche Vorstand. Auch das zeigt: SAP hat den Vertrieb organisatorisch neu sortiert. Und jetzt kommt ausgerechnet dort diese Klage dazwischen.
Offen bleibt am Ende die Frage, die über allem hängt: Ist das nur ein harter Konkurrenzkampf mit viel Lärm – oder steckt mehr dahinter? Entscheidend wird sein, was in den Akten landet, wenn Anwälte und Richter anfangen, wirklich jede Mail und jeden Download auseinanderzunehmen.

