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19. Dezember 2025

Rheinmetall will die Autosparte loswerden – und jetzt droht die Zerschlagung

Rheinmetall
Foto: depositphotos.com / MP_foto71

Rheinmetall will raus aus dem Autogeschäft – und merkt gerade, wie schnell aus dem Wunsch nach einem „sauberen“ Verkauf ein Deal werden kann, bei dem am Ende eher der Taschenrechner regiert als das gute Gefühl. Denn statt eines Käufers, der die Sparte komplett übernimmt, stehen offenbar Finanzinvestoren bereit. Und die zerlegen Unternehmen notfalls in Einzelteile, wenn sich damit mehr Geld machen lässt.

Konzernchef Armin Papperger sucht seit fast einem Jahr einen Käufer für die Autozuliefersparte des Dax-Konzerns. Intern heißt das Ding „Power Systems“, nach außen ist es vor allem eins: der zivile Klotz am Bein eines Konzerns, der nach Pappergers Plan zum reinen Rüstungsspieler werden soll. Der 62-Jährige will Rheinmetall zu einem Rüstungskonzern von Weltformat formen – und alles, was nicht dazu passt, soll weg.

Ursprünglich klang das fast fürsorglich. Papperger wollte das Autozuliefergeschäft als Ganzes abgeben, „in gute Hände“ – und am liebsten rund eine Milliarde Euro dafür sehen. Nach vielen Gesprächen sieht es so aus, als werde daraus nichts. Nicht als Komplettpaket. Und nicht zu diesem Preis.

Nach Medien-Informationen aus Finanzkreisen droht der Sparte nach einer Übernahme sogar die Zerschlagung – also: auseinandernehmen, Teile separat verkaufen, Rendite rausholen. Auch beim Kaufpreis wird Papperger wohl schlucken müssen. Statt der erhofften Milliarde dürfte am Ende eher eine Spanne von 500 bis 600 Millionen Euro stehen, sagen mit den Vorgängen vertraute Personen.

Käufer springen ab, übrig bleiben Finanzinvestoren

Der Kreis der Interessenten ist offenbar kleiner geworden. Investoren wie Mutares oder One Equity, mit denen Rheinmetall verhandelt hatte, sollen inzwischen abgesprungen sein. Medien hatten im Juli über Gespräche mit beiden berichtet.

Am Mittwochabend meldete Rheinmetall per Pflichtmitteilung, dass man nur noch mit zwei verbliebenen Interessenten Verkaufsgespräche führt. Ein Vertrag solle im ersten Quartal 2026 unterschrieben werden. Strategische Investoren, also Industriekäufer, die das Geschäft wirklich in ihre Struktur integrieren würden, hätten kein Interesse.

Verhandelt werde damit offenbar nur noch mit Private Equity, also Finanzinvestoren, die Firmen kaufen, umbauen und später wieder verkaufen. Rheinmetall wollte sich zu Details gegenüber Medien zunächst nicht äußern.

In Finanzkreisen gilt es als wahrscheinlich, dass genau diese Investoren die Sparte nach der Übernahme zerschlagen. Die Begründung klingt trocken, ist aber entscheidend: Zwischen den Geschäftsteilen gebe es aus Investorensicht kaum Synergien, also Vorteile, weil alles zusammen besser funktioniert. Wer überwiegend Verbrennertechnik, Sensorik und antriebsunabhängige Komponenten herstellt, lässt sich eben auch in Paketen denken. Und Pakete lassen sich einzeln oft teurer versilbern.

Papperger im Rüstungsgeschäft auf Heimvorteil

Aus dem Umfeld von Papperger kommt noch eine zweite Erklärung, die mehr über Machtverhältnisse als über Technik sagt: Im Autozuliefergeschäft sitzt der Autohersteller am längeren Hebel. Er bestellt, drückt Preise, droht mit dem nächsten Lieferanten. Im Rüstungsgeschäft hat Rheinmetall eine andere Position – weniger austauschbar, politisch relevanter, mit vollen Auftragsbüchern. Ein langjähriger Wegbegleiter sagt, Papperger habe sich dort immer wohler gefühlt.

Statt mit knallharten Einkaufsleuten aus der Autobranche zu ringen, spricht Papperger heute mit Politikern in ganz Europa. Mit Verteidigungsminister Boris Pistorius ist er nach Angaben aus dem Umfeld per Du. Das passt zum Bild eines Konzerns, der sich immer stärker an staatlichen Großprogrammen ausrichtet.

Trotzdem ist noch nicht ausgemacht, ob Rheinmetall wirklich alles Zivile abgibt. In Konzernkreisen wird etwa die Mira GmbH genannt, eine Ausgründung, die an ferngesteuertem Fahren arbeitet. Entscheidend ist hier die Nähe zum Rheinmetall Technology Center, das Dual-Use-Technologien entwickelt, also Technik, die militärisch und zivil genutzt werden kann. Ferngesteuertes Fahren gehört dazu: im Technology Center entwickelt, bei Mira zur Serienreife für zivile Anwendungen gebracht. Ob Mira bei Rheinmetall bleibt, kommentierte der Konzern zunächst nicht.

Umbau in Neuss und Berlin – und niemand weiß, wie das sauber getrennt werden soll

Noch heikler ist die Frage, was mit Standorten passiert, an denen zivile und militärische Pläne gerade ineinander greifen. Rheinmetall rüstet Werke in Neuss und Berlin teilweise zu Rüstungswerken um. In Neuss, nahe der Düsseldorfer Konzernzentrale, plant der Konzern unter anderem die Fertigung von Aufklärungssatelliten in einem Joint Venture, also einem Gemeinschaftsunternehmen, mit dem finnischen Start-up Iceye. Außerdem sollen dort künftig Gefechtstürme für den Flugabwehrpanzer Skyranger gebaut werden.

Für die Aufklärungssatelliten hat Rheinmetall am Donnerstag einen Großauftrag der Bundeswehr im Wert von 1,7 Milliarden Euro erhalten. Mit Erweiterungsoptionen kann der Auftrag bis auf 2,7 Milliarden Euro anwachsen. Beim Skyranger steht der Konzern vor einem Auftrag zur Lieferung von mindestens 600 Flugabwehrpanzern; Medien hatten Anfang Oktober über ein mögliches Volumen von bis zu neun Milliarden Euro berichtet.

Ob ein Werk wie Neuss nach einem Verkauf des Zivilgeschäfts komplett bei Rheinmetall bleibt oder ob Teile an den Käufer übergehen, ist offen. In Konzernkreisen gibt es aber Zweifel, ob eine Teilübergabe organisatorisch überhaupt sinnvoll wäre. Übersetzt: Ein Werk halb zu verkaufen klingt auf PowerPoint gut, im Alltag wird es schnell zum Chaos.

Für die Beschäftigten in den zivilen Bereichen ist die Investorensuche deshalb mehr als ein Eigentümerwechsel auf dem Papier. Ein Blick zurück zeigt, was passieren kann: Rheinmetall hatte sich vor knapp drei Jahren von seinem Kolbengeschäft getrennt. Der schwedische Investor Koncentra übernahm die Sparte, und es dauerte anschließend mehrere Jahre, bis die Mitarbeiter wieder tarifgebunden bezahlt wurden.

Der Konzern setzt alles auf Rüstung – mit Zahlen, die Druck machen

Wenn Rheinmetall die Autosparte verkauft, wäre der Konzern erstmals in seiner über hundertjährigen Geschichte ein reiner Rüstungskonzern. Bisher war Rheinmetall entweder rein zivil unterwegs, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg, oder eine Mischung aus zivilen und militärischen Geschäften.

Jahrzehntelang trug die zivile Sparte entscheidend zum Wachstum bei. Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 boomt aber das Rüstungsgeschäft. Die Aktie legte seitdem rund 1500 Prozent zu, Rheinmetall stieg in den Dax auf. Aufrüstungspläne Deutschlands und der Nato-Staaten versprechen über Jahre lukrative Geschäfte. Bis 2030 peilt Rheinmetall einen Umsatz von rund 50 Milliarden Euro an. In diesem Jahr könnte sich der Umsatz ohne das zivile Geschäft auf etwas mehr als zehn Milliarden Euro belaufen.

Papperger trommelt öffentlich weiter: In einem Podcast-Interview im Oktober 2025 sagte er, es gebe Potenzial für einen Auftragsbestand von 120 Milliarden Euro. Das zeigt, in welcher Liga Rheinmetall inzwischen denkt und warum das Autogeschäft intern immer weniger Geduld bekommt.

Parallel baut der Konzern die Rüstungssparte breiter auf. Aktuell laufen die letzten Schritte für die Übernahme der Marinesparte der Lürssen-Werft. Kurz nach Russlands Invasion schloss Rheinmetall außerdem eine Kooperation mit Lockheed Martin, um Rumpfteile des Kampfjets F-35 zu fertigen. In Marine und Luftfahrt war Rheinmetall bislang nicht tätig, jetzt drückt der Konzern in beide Felder.

Die Autosparte Power Systems leidet dagegen unter der Krise der Autozulieferer und kann bei Wachstum und Profitabilität schon länger nicht mehr mithalten. Nach den ersten neun Monaten kam die zivile Sparte auf eine Marge von 2,9 Prozent. Die Rüstungssparten schreiben dagegen hohe zweistellige Gewinnmargen. Für 2025 erwartet Rheinmetall ohne die zivile Sparte eine Ergebnismarge von bis zu 19 Prozent und ein Umsatzwachstum von 30 bis 35 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Damit steht der Konzern vor einer unangenehmen, aber klaren Entscheidungslage: Entweder findet Rheinmetall doch noch einen Käufer, der das Zivilgeschäft am Stück nimmt, oder Papperger akzeptiert einen Verkauf, bei dem am Ende nicht die guten Hände zählen, sondern der höchste Erlös. Und genau daran wird sich zeigen, wie viel Kontrolle Rheinmetall über den eigenen Umbau wirklich behält.