Ein Wechselkurs kann sich anfühlen wie ein Preisschild mit fettem Rabattsticker – und genau so wirkt der Renminbi gerade auf viele deutsche Exporteure. Nach Berechnungen von Goldman Sachs ist Chinas Währung gegenüber dem US-Dollar rund 25 Prozent unterbewertet, gegenüber dem Euro etwas weniger. Unterbewertet heißt: Gemessen an der Kaufkraft ist der Renminbi „zu billig“ – und das macht chinesische Angebote im Ausland automatisch attraktiver, selbst wenn das Produkt nicht besser ist.
Das trifft deutsche Firmen in einem Moment, in dem die China-Story ohnehin bröckelt: In den ersten zehn Monaten sind die deutschen Exporte nach China um 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Wer auf Drittmärkten gegen China anbietet, spürt den Druck sofort – da reicht oft ein paar Prozent Preisunterschied, und schon kippt der Auftrag.
Warum der Renminbi so „billig“ wirkt
Goldman-Sachs-Analyst Kamakshya Trivedi nennt das eine ungewöhnliche Lage, die sich seit der Coronapandemie aufgebaut hat. Der Hintergrund ist simpel: Nach der Pandemie sind die Preise fast überall gestiegen – in China dagegen blieb die Inflation, vor allem die Erzeugerpreise (also die Preise, die Hersteller für ihre Waren bekommen), sehr niedrig. Wenn sich Preise so auseinander entwickeln, laufen Währungen in der Bewertung oft hinterher. Ergebnis: China verkauft – vereinfacht gesagt – mit Währungs-Rückenwind.
Historisch klingelt da was. Trivedi sagt, das Ausmaß erinnere an die frühen 2000er Jahre, den sogenannten „ersten China-Schock“. Damals trat China der Welthandelsorganisation bei und flutete die Welt mit Exporten. Jetzt sieht er wieder so einen Schub – nur mit zusätzlichem Schubkraftstoff: Kostenvorteile in der Produktion und technologischer Fortschritt. Der Wechselkurs ist also nicht die ganze Geschichte, aber er macht die Story für Europas Anbieter noch unangenehmer.
Zweiter Schock: groß, größer, China-Überschuss
Trivedi geht noch einen Schritt weiter und spricht faktisch von einem zweiten China-Schock. Chinas Leistungsbilanzüberschuss – das ist die breite Außenhandelsbilanz inklusive Dienstleistungen und Kapitalströmen – nähere sich, gemessen an der Weltwirtschaft, wieder der Größenordnung von damals. Und er legt eine Hausnummer auf den Tisch: Chinas Handelsüberschuss könne in den nächsten Jahren weiter wachsen und etwa ein Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung ausmachen. Das ist keine Fußnote, das ist ein Brocken.
Als Beleg führt er an: Chinas Handelsüberschuss habe im November erstmals mehr als eine Billion US-Dollar erreicht. Wer solche Summen Jahr für Jahr anhäuft, hat nicht nur Exportpower – er drückt auch global auf Preise und setzt Konkurrenten unter Dauerstress.
Der doppelte Effekt: Aua für Exporteure, Vorteil für Verbraucher
Der Wechselkurs hat zwei Seiten. Für deutsche Exporteure ist er erst mal das, was er ist: härterer Wettbewerb in China und auf Drittmärkten. Billiger wird der Gegner nicht, weil er plötzlich nett ist, sondern weil die Währung ihm hilft.
Gleichzeitig kommt der zweite, weniger intuitive Effekt: China exportiert nicht nur Ware, sondern auch niedrige Preise. Das drückt die Inflation, kann Zentralbanken Spielraum geben, Zinsen zu senken, und erhöht die Kaufkraft der Konsumenten. Klingt gut – ist aber ein Trostpflaster, wenn die eigene Industrie Marktanteile verliert.
Trivedis Ökonomen schätzen den Schaden für Deutschland auf 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte Wachstum pro Jahr. Das ist spürbar – und betrifft nicht nur Deutschland: Osteuropa, Korea und Japan müssten mit diesem strukturellen Nachteil ebenfalls klarkommen.
Wie lange hält der Währungs-Vorteil?
Der Renminbi ist keine frei schwimmende Währung wie Euro oder Dollar, sondern gesteuert. Der Vorwurf „Exportsubvention per Wechselkurs“ liegt da schnell auf dem Tisch. Trivedi bremst: In den vergangenen Monaten sei der Renminbi wieder um ein paar Prozentpunkte teurer geworden. Nur merken europäische Firmen davon wenig, weil der Euro im ersten Halbjahr 2025 um fast 15 Prozent aufgewertet hat – das macht Europas Angebote relativ teurer.
Für die kommenden Monate erwartet Trivedi zunächst einen weiter stärkeren Euro, falls ein deutsches Fiskalpaket das Wachstum im Euroraum anschiebt. Auf Sicht von ein bis zwei Jahren rechnet er jedoch mit einer echten Gegenbewegung: Der Renminbi sollte nachhaltig zulegen – so wie nach dem ersten China-Schock. Entscheidend ist, ob daraus tatsächlich Entlastung wird oder ob Europas Exporteure noch eine Weile gegen einen Wechselkurs antreten müssen, der sich wie unfairer Rabatt anfühlt.

