Frieden war gestern, Aufrüstung ist heute das große Geschäft – und Rheinmetall sitzt mittendrin. Der Düsseldorfer Konzern verdient mit Panzern, Artillerie, Munition und Militärtechnik inzwischen so gut wie nie zuvor. Der Krieg in der Ukraine, die wachsende Bedrohung durch Russland und die hektische Aufrüstung vieler Nato-Staaten haben aus dem Unternehmen einen der größten Profiteure der neuen Sicherheitslage gemacht. Jetzt hat Rheinmetall seine Zahlen für 2025 vorgelegt und gleich noch gezeigt, wie groß die Ambitionen für die nächsten Jahre sind.
Dass ausgerechnet Armin Papperger seit 1990 bei Rheinmetall ist, hat fast schon Ironie. Damals war der Kalte Krieg vorbei, die alte Frontenlogik schien erledigt, Waffen galten vielerorts eher als Auslaufmodell. In der Politik setzte sich die Vorstellung durch, dass man mit Moskau schon irgendwie klarkommen werde. Für Rüstungsfirmen waren das magere Jahre. Einige verschwanden ganz vom Markt, andere retteten sich nur mit Mühe über Wasser.
Vom Krisenmodus zum Boom
Rheinmetall suchte früh den Weg ins Ausland und baute Töchter unter anderem in Südafrika und Australien auf. Das war damals kein glamouröser Expansionskurs, sondern vor allem ein Überlebensprogramm. Im Rückblick war genau das aber Gold wert. Denn als Deutschland und andere westliche Staaten ihre Armeen wieder aufrüsten mussten, war Rheinmetall längst in Stellung.
So richtig drehte sich das Klima schon nach der völkerrechtswidrigen Krim-Annexion 2014. Spätestens da wurde klar, dass der alte Kuschelkurs gegenüber Putin und das Mantra vom Wandel durch Handel wenig taugen. Die Rüstungsgeschäfte zogen danach langsam an. Seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 geht es bei Rheinmetall aber nicht mehr nur bergauf – es geht durch die Decke.
Zahlen, die es in sich haben
Im Jahr 2025 steigerte Rheinmetall den Umsatz um 29 Prozent auf rund 9,9 Milliarden Euro. Ein Teil davon kommt aus Zukäufen, aber auch das laufende Geschäft brummt gewaltig. Das operative Ergebnis – also das, was im Tagesgeschäft hängen bleibt – kletterte um 33 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro. Beim Gewinn nach Steuern sieht das Bild etwas nüchterner aus: Der legte nur um 3 Prozent auf 0,8 Milliarden Euro zu. Das lag unter anderem an vergleichsweise hohen Zahlungen an Unternehmen, mit denen Rheinmetall in Gemeinschaftsunternehmen zusammenarbeitet.
Noch wichtiger ist allerdings etwas anderes: Die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Der Backlog liegt bei 63,8 Milliarden Euro – so viel wie noch nie. Dahinter stecken feste Bestellungen und Rahmenverträge, also zugesagte Geschäfte für die kommenden Jahre. Anders gesagt: Rheinmetall lebt derzeit nicht von Hoffnung, sondern von sehr handfesten Aufträgen.
Der Konzern will größer, breiter, militärischer werden
Und die Reise soll erst richtig anfangen. Bis 2030 will Rheinmetall den Umsatz auf 50 Milliarden Euro verfünffachen. Die Zahl der Beschäftigten soll von 33.000 auf 70.000 steigen. Das ist kein bisschen klein gedacht, sondern ein radikaler Ausbauplan. Gleichzeitig trennt sich der Konzern von seinem schwächelnden Geschäft als Autozulieferer. In den Jahreszahlen für 2025 taucht dieser Bereich schon gar nicht mehr auf. Papperger sagt, man stehe kurz davor, sich für einen Käufer zu entscheiden. Im zweiten Quartal 2026 soll der Verkauf bekanntgegeben werden.
Auch der Standort Neuss wird umgebaut. Dort sollen künftig Rüstungsgüter statt klassischer Autoteile gefertigt werden. Kolben und Pumpen für Pkw haben bei Rheinmetall damit im Grunde ausgedient. Der Konzern will weg vom Mischmodell und hin zur reinen Waffenschmiede.
Alles aus einer Hand
Papperger nennt Rheinmetall einen Vollsortimenter. Das klingt nach Business-Sprech, heißt aber im Kern: Wenn eine Armee etwas braucht, will Rheinmetall es liefern können. Das Angebot reicht von Artillerie und Flugabwehr über Panzer, Munition und Infanterie-Ausrüstung bis hin zu Militärlastwagen. Dazu kommt inzwischen auch der Schiffbau. Rheinmetall hat den militärischen Zweig der Lürssen-Werft geschluckt und kann sich damit nun auch als Schiffbauer aufstellen.
Der Charme für den Konzern liegt auf der Hand. Wer Schiffe baut und sie gleich mit eigener Technik, eigenen Geschützen und weiteren Rüstungsgütern ausstattet, verdient mehrfach an einem Auftrag. Genau diese Logik zieht sich inzwischen durch viele Bereiche des Unternehmens.
Der Blick geht längst nach oben
Rheinmetall beschränkt sich schon lange nicht mehr nur auf das, was auf Ketten oder Rädern fährt. In Weeze produziert der Konzern das Rumpfmittelteil für den US-Tarnkappenbomber F-35. Die Drohnenproduktion soll ebenfalls hochgefahren werden. Und gemeinsam mit einem finnischen Partner will Rheinmetall in Neuss Satelliten bauen, um Bilder aus dem All zu liefern. Diese Aufnahmen sollen Nato-Armeen helfen, Bedrohungen besser einzuschätzen – etwa mit Blick auf Russland.
Das zeigt, wie weit sich das Unternehmen inzwischen von seinem alten Bild entfernt hat. Rheinmetall ist nicht mehr nur Munitionsfabrik und Panzerlieferant, sondern arbeitet sich immer tiefer in Hightech-Bereiche hinein, die vor ein paar Jahren noch nicht zum klassischen Profil des Konzerns gehörten.
Der nächste Schub könnte schon unterwegs sein
Zusätzlichen Rückenwind könnte nun der Krieg zwischen Israel und dem Iran bringen. Papperger sagt, die Nachfrage nach Flugabwehrgeschützen ziehe stark an. Seine Formulierung dazu ist bezeichnend: Die Telefone hätten übers Wochenende nicht stillgestanden. Rheinmetall-Systeme hätten in dem laufenden Krieg im Nahen Osten bereits mehr als 100 iranische Drohnen abgeschossen.
Der entscheidende Punkt dabei ist der Preis. Ein Schuss koste nur 1000 Dollar, zur Abwehr einer Drohne seien bis zu fünf Schuss nötig. Selbst dann bleibt die Abwehr deutlich billiger als der Einsatz teurer Raketen, die schnell rund zwei Millionen Dollar kosten können. Für Staaten, die sich gegen Drohnenschwärme wappnen wollen, ist das ein schlagendes Argument. Und Rheinmetall weiß natürlich, wie man daraus Geschäft macht. In Unterlüß baut der Konzern bereits eine Fabrik für Raketenmotoren und will auch im Missiles-Geschäft mitmischen.
Ganz ohne Gegenwind läuft es trotzdem nicht
So beeindruckend die Zahlen sind: An der Börse reicht inzwischen selbst ein Rekordjahr nicht mehr automatisch für Jubel. Der Aktienkurs sackte nach der Vorstellung der Jahreszahlen am Mittwoch deutlich ab, auch wenn er sich weiterhin auf sehr hohem Niveau bewegt. Das ist ein Warnsignal. Die Erwartungen an Rheinmetall sind inzwischen so weit hochgeschraubt, dass gute Nachrichten allein nicht mehr genügen – es muss schon beinahe jedes Mal noch besser als sehr gut sein.
Dazu kommt, dass nicht jede angekündigte Bestellung aus Nato-Staaten sofort auf dem Tisch liegt. Papperger spricht selbst von Verzögerungen. Der Bedarf sei da, sagt er, die Aufträge würden kommen. Das mag stimmen. Trotzdem zeigt es, dass auch in einem Boommarkt nicht alles im Eiltempo abgewickelt wird.
Konkurrenz schläft nicht mehr
Auffällig ist außerdem, dass der Wettbewerb in der Branche zunimmt. Lange war der Markt in vielen Segmenten überschaubar, fast schon bequem. Damit ist es vorbei. Das norwegische Rüstungsunternehmen Nammo gründet zusammen mit Diehl Defence ein Gemeinschaftsunternehmen, um die Bundeswehr künftig mit 155-Millimeter-Granaten zu beliefern. Für Nammo ist das der direkte Einstieg in den deutschen Markt – und für Rheinmetall zusätzlicher Druck in einem Bereich, der bislang als Stärke des Konzerns galt.
Papperger gibt sich betont locker und sagt, er liebe den Wettbewerb. Das kann er so sagen, weil Rheinmetall gerade in einer Position der Stärke ist. Aber klar ist auch: Der Konzern fährt in einem Markt, der immer härter umkämpft wird. Und genau dort wird sich zeigen, ob Rheinmetall nur auf einer Welle reitet – oder ob das Unternehmen die europäische Rüstungsindustrie auf Jahre hinaus wirklich dominieren kann.

