Finanznachrichten für Aktien & Börse
Startseite
Kostenlose Aktien & Börsen-Reports
Börsen-Newsletter


12. Januar 2026

Rekordjagd trotz Krisen: Was den Dax gerade wirklich antreibt

DAX
Foto: depositphotos.com / MichaelGromball

Der Dax läuft, als wäre die Welt ein gemütlicher Ort – dabei ist draußen eher Dauerstress. Im vergangenen Jahr hat der Leitindex 34 Rekordhochs hingelegt, 2026 sind schon fünf weitere dazugekommen. Zuletzt stand am Freitag ein neues Hoch bei 25.281 Punkten auf der Tafel.

Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Zutaten für gute Laune an den Märkten eigentlich dünn sind: Die Wirtschaft tritt auf der Stelle, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine geht weiter, mit einer US-Intervention in Venezuela kommt ein neuer Brandherd dazu – und Europa wirkt seit dem amerikanischen Anspruch auf Grönland weniger denn je sicher, was den Rückhalt der USA als Schutzmacht angeht.

In so einer Gemengelage greifen viele Anleger zu dem Werkzeug, das wenigstens so tut, als bringe es Ordnung ins Chaos: Kurscharts. Die Idee dahinter ist simpel, wenn auch nicht unumstritten: Was der Kurs macht, soll mehr verraten als tausend Schlagzeilen.

Kursziele bis 28.800 – weil das Hoch das Hoch jagt

Fünf Charttechniker sehen nach dem Sprung über 25.000 Punkte erst mal noch Platz nach oben. Ihre Zielspanne: 26.400 bis 28.800 Punkte – also grob fünf bis gut 14 Prozent Luft.

Das wichtigste Argument ist für sie ausgerechnet das, was man nicht schönreden kann: ein frisches Rekordhoch. Karin Roller, Börsenhändlerin und Vorstandsmitglied der VTAD, hält den langfristigen Aufwärtstrend für intakt und nennt 27.200 Punkte als erstes, 28.800 als zweites Ziel.

Jörg Scherer (HSBC) erklärt den Rückenwind mit einer Phase, die viele Anleger irgendwann nervt: sieben Monate Seitwärtsgeschiebe. Da passiert scheinbar nichts – und genau dann staut sich oft Energie auf. Scherer meint: Diese aufgestaute Bewegung entlädt sich jetzt. Christian Henke (IG) sieht den Dax zügig Richtung 26.400 laufen. Frederik Altmann (Alpha Wertpapierhandel) sagt sinngemäß: Charttechnisch gibt es keinen Grund, am Trend zu zweifeln – sein erstes Ziel sind 26.500, bei viel Tempo hält er 28.000 für drin.

Das Muster dahinter: Nach einer längeren Konsolidierung trauen sich viele erst spät wieder rein. Wenn der Markt dann anfängt zu rennen, springen die Zauderer auf – und machen die Rally damit selbst noch ein Stück stärker.

Kursindex, Performanceindex – einmal mit Dividenden, einmal ohne

Roller hebt einen Punkt hervor, den viele ignorieren: Nicht nur der klassische Dax, der Dividenden rechnerisch mit einbaut, sondern auch der Dax-Kursindex hat jüngst ein Allzeithoch erreicht, bei 9.400 Punkten. Der Kursindex ist die nackte Variante: Dividenden zählen dort nicht – so wie bei den meisten großen internationalen Indizes. Beide starteten 1988 bei 1.000 Punkten. Wenn beide neue Höchststände liefern, wirkt das auf Charttechniker wie ein doppeltes Signal.

Dazu passt: Auch der Euro Stoxx 50 hat ein Rekordhoch erreicht – das erste seit dem Jahr 2000. Charts auf Allzeithoch sind für viele Anleger so etwas wie ein grünes Licht: Wer draußen steht, bekommt FOMO, also die Angst, etwas zu verpassen. Das kann Anschlusskäufe auslösen.

Klaus Deppermann, bankenunabhängiger Analyst, ist ebenfalls grundsätzlich optimistisch – aber mit einer klaren Bedingung: Der Sprung über 25.000 darf kein Fehlausbruch sein. Übersetzt: Der Index bricht nach oben aus, alle jubeln, und kurz darauf kippt das Ding wieder nach unten – dann war’s eine Falle. Für Deppermann wäre es kritisch, wenn der Dax zügig zurückfällt und dabei das Zwischentief von Mitte Dezember bei knapp 24.000 Punkten reißt. Die Gefahr hält er wegen der jüngsten Dynamik und des Abstands von mehr als 1.000 Punkten zu diesem Tief derzeit aber für eher klein.

Warum diese fünf Stimmen Gewicht haben

In den vergangenen fünf Jahren lagen die Prognosen dieser Gruppe mehrfach auffällig nah an der späteren Entwicklung: Im April, als Donald Trump mit seinem Liberation Day viele US-Zölle ankündigte und der Dax abrupt um gut zehn Prozent abrutschte, überwog in ihrem Urteil die Chancen-Seite. Anfang 2024 wurden neue Rekordhochs für das Jahr erwartet – und es kam so. Auch 2023 wurden gute Chancen für Kursrekorde gesehen; tatsächlich legte der Dax 2023 wie auch 2024 um 19 Prozent zu. Für 2022 lautete die Warnung, das werde nicht das Jahr der Aktie – der Dax verlor zwölf Prozent. Und vor fünf Jahren wurde ein Ziel von mindestens 15.500 Punkten als gut begründbar beschrieben – am Ende gewann der Dax 16 Prozent.

Der Unterschied zur klassischen Aktienanalyse ist klar: Fundamentale Analysten schauen auf Konjunktur, Gewinne und Bewertungen. Charttechniker schauen auf Muster, Trends und wiederkehrende Verhaltensweisen – plus saisonale Effekte. Ihr Grundsatz lautet: Im Kurs steckt schon drin, was der Markt weiß, glaubt oder befürchtet. Stimmung, Positionierung und Statistik sind dabei wichtige Hilfsmittel.

Rückschläge sind eingepreist – die Spanne nach unten ist groß

So viel Optimismus nach oben – und trotzdem sind sich alle einig: 2026 wird nicht nur geschniegelt nach oben laufen. Rücksetzer gehören dazu, und die können wehtun.

Altmann nennt als maximales Abwärtsrisiko 20.500 Punkte. Dort sollte seiner Einschätzung nach der langfristige Aufwärtstrend, der nach dem Tief im September 2022 begonnen hat, Halt bieten. Das ist allerdings sein Extrem-Szenario. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass eine Korrektur schon um 23.500 Punkte ausläuft.

Deppermann erwartet im Frühjahr einen ersten und im Herbst einen zweiten, stärkeren Rückschlag – bis in den Oktober hinein. Vom Hoch, das er in den kommenden Monaten erwartet, setzt er das Abwärtspotenzial auf 20 Prozent.

Roller sieht den Dax spätestens bei 18.500 Punkten unterstützt. Dort liegt das Tief vom vergangenen April – also ausgerechnet aus der Phase, in der Trumps Zollankündigungen die Märkte auf dem falschen Fuß erwischten.

Drei Risiken, die jetzt aufleuchten

Erstes Risiko: der Wahlzyklus in den USA. 2026 ist Zwischenwahljahr – gewählt werden Repräsentantenhaus und ein Teil des Senats. Altmann warnt: Solche Jahre seien oft zäh. Scherer rechnet deshalb mit einem schwierigen zweiten und dritten Quartal: ab Frühjahr bis in den Herbst wenig zu holen, bevor es im vierten Quartal wieder Hoffnung auf eine Jahresendrally geben könne. Henke stützt das mit Statistik über rund ein Dutzend Präsidentschaftszyklen: Wahljahre brachten dem Dax im Schnitt plus 6,3 Prozent, Nachwahljahre sogar plus 22,6 Prozent. Zwischenwahljahre endeten im Mittel bei minus 4,8 Prozent, Vorwahljahre dann wieder bei plus 13 Prozent.

Zweites Risiko: zu viel Optimismus. Als Warnsignal gelten Daten der AAII, einer US-Privatanlegervereinigung, die seit mehr als 50 Jahren monatlich nach Aktien-, Anleihe- und Cashquote fragt. Der Aktienanteil liegt demnach bei hohen 71 Prozent – Scherer nennt das eine sehr offensive Positionierung und einen Bremsklotz. Logik dahinter, ganz platt: Wer schon voll investiert ist, kann nicht noch mal in derselben Wucht nachkaufen. Das gilt umso mehr, weil die Börse bereits drei starke Jahre hinter sich hat: Der Dax stieg 2023, 2024 und 2025 jeweils um rund 20 Prozent. Scherer warnt: Drei Bullenjahre am Stück führen statistisch oft zu einem deutlich schwächeren vierten Jahr – mit besonders hoher Korrekturanfälligkeit im dritten Quartal.

Drittes Risiko: Aktienkauf auf Pump. Scherer nennt das den Treibstoff der Märkte – und zugleich einen Stoff, der schnell brandgefährlich werden kann. In den USA liegt die Summe der kreditfinanzierten Aktienkäufe laut FINRA bei rekordhohen 1,2 Billionen Dollar. Das bedeutet nicht automatisch: Jetzt kommt der Crash. In der Vergangenheit fielen Kurse oft erst dann, wenn diese Pump-Käufe wieder zurückgingen – also wenn Anleger anfangen, Schuldenpositionen abzubauen. Genau deshalb empfiehlt Scherer, die monatlichen FINRA-Zahlen im Blick zu behalten: Dreht der Trend nach unten, wäre das für ihn ein echtes Warnsignal.

Am Ende hängt vieles an einer simplen Frage: Bleibt der Ausbruch über 25.000 stabil – oder wird aus dem vermeintlichen Startschuss doch noch ein Stolperer? Die nächsten Monate dürften zeigen, ob die Rally weiterläuft oder ob die drei Warnlampen schneller greifen, als vielen lieb ist.