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12. Dezember 2025

Powells Dilemma: Inflation hoch, Jobs wackeln – und Washington dreht am Zinshebel

FED Federal Reserve Washington
Das Federal Reserve Building in Washington DC. Foto: depositphotos.com / doganmesut@hotmail.com

Drei Zinssenkungen am Stück – und trotzdem macht die Fed gerade keine gute Figur. Nicht, weil sie „liefert“, sondern weil man ihr inzwischen beim Ringen zusehen kann: Inflation zu hoch, Arbeitsmarkt kühlt ab, und in Washington steht einer, der am liebsten am Zinshebel zieht wie am Lichtschalter.

Donald Trump hat nach der jüngsten Entscheidung direkt nachgelegt. Bei einem Treffen mit Wirtschaftsbossen sagte er, die Senkung am Mittwochabend hätte „mindestens doppelt so hoch ausfallen können“. Die Botschaft dahinter ist dieselbe wie seit Monaten: runter mit den Zinsen, egal was die Preise machen.

Tatsächlich hat die US-Notenbank den Leitzins nun zum dritten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Er liegt jetzt in einer Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent. Doch Trump hält den Druck hoch – obwohl die Fed laut Verfassung unabhängig sein soll.

Noch wirkt es so, als hielten die Notenbanker stand. Gleichzeitig wird aber klar: In der Fed gehen die Meinungen zum Kurs auseinander. Und das ist neu in dieser Deutlichkeit. Eine Spaltung zeichnet sich ab.

Trump fordert seit Monaten Zinssenkungen – ungeachtet der weiterhin hohen Inflation. Nebenbei spielte der Republikaner öffentlich mit dem Gedanken, Fed-Chef Jerome Powell zu feuern, weil ihm das Tempo nicht passt.

Was Trump will, ist ziemlich simpel: Niedrigere Zinsen sollen die US-Wirtschaft anschieben, die Aktienmärkte bei Laune halten und die Finanzierung der hohen Staatsschulden erleichtern. Die Schuldenquote liegt derzeit bei 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die Fed hat allerdings einen anderen Auftrag. Sie soll die Inflation bei 2,0 Prozent halten und gleichzeitig stabile Preise und Vollbeschäftigung sichern. Zwei Ziele, eine Stellschraube – genau da wird’s unerquicklich.

Powell brachte es am Mittwoch auf den Punkt: „Man hat nur ein Werkzeug und kann nicht zwei Dinge gleichzeitig tun.“ Und ja, das ist die Misere: Einerseits liegen Inflation und Kerninflation deutlich über dem Ziel. Andererseits verliert der Arbeitsmarkt an Schwung. Für eine Notenbank ist das wie Autofahren mit Gas und Bremse gleichzeitig.

Seit Start des Zinssenkungszyklus im September 2024 summieren sich die Schritte auf 1,75 Prozentpunkte. Damit hat der Leitzins inzwischen das obere Ende des sogenannten neutralen Bereichs erreicht – übersetzt: Er bremst die Konjunktur nicht mehr aktiv aus, ist aber auch kein Turbo.

Streit im Ausschuss: drei Abweichler sind ein Alarmsignal

Noch brisanter als der Schritt selbst ist, dass nicht alle im Offenmarktausschuss (FOMC) mitziehen. Zwei der zwölf stimmberechtigten Mitglieder wollten die Zinsen konstant lassen: Austan Goolsbee, Chef der regionalen Fed von Chicago, und Jeffrey Schmid aus Kansas City.

Auf der anderen Seite stand Stephen Miran, ein Vertrauter Trumps, der vorläufig ins Fed-Direktorium installiert wurde. Er stimmte sogar für eine Senkung um 50 Basispunkte. Drei Abweichler bei einer Zinsentscheidung – das gab es zuletzt vor mehr als sechs Jahren. Das ist nicht nur ein bisschen Gezanke, das ist ein sichtbarer Riss.

Powell galt lange als der Mann, der den Laden zusammenhält. Genau deshalb schauen Strategen jetzt besonders genau hin. Calvin Tse, Kapitalmarktstratege bei BNP Paribas, erwartet, dass die Differenzen eher größer werden. Denn im Mai 2026 endet Powells Amtszeit als Fed-Chef.

Die Logik ist unerquicklich, aber plausibel: Powell ist erfahren, im FOMC angesehen, und trotzdem gibt es plötzlich mehrere Gegenstimmen. Wenn schon unter ihm die Disziplin bröckelt – warum sollte es unter einem neuen Chef einfacher werden?

Auch Sonja Marten, Leiterin Devisen und Geldpolitik bei der DZ Bank, warnt vor dem Effekt nach außen. Für Finanzmärkte ist eine Fed, die geschlossen spricht, Gold wert. Eine Fed, die öffentlich uneins wirkt, erzeugt Unsicherheit. Und Unsicherheit ist für Kapitalmärkte so etwas wie Sand im Getriebe.

Als Favorit auf Powells Nachfolge gilt Kevin Hassett, Vorsitzender des Nationalen Wirtschaftsrats im Weißen Haus. Der 63-Jährige hat sich mehrfach für niedrige Zinsen ausgesprochen. Die Researchabteilung der Deutschen Bank bezeichnet ihn als Befürworter einer stark expansiven Geldpolitik – also eher „viel billiges Geld“ als „harte Kante“. Das wäre ein Kurs, der die Debatten in der Fed weiter aufladen könnte.

Dollar schwächelt, Bilanz wächst: „Technik“ mit Sprengstoff

Dass Investoren das alles nicht als Nebengeräusch abtun, sieht man laut Einschätzung von Commerzbank-Analyst Michael Pfister am Devisenmarkt: Der Dollar geriet unter Druck, fiel gegenüber dem Euro auf den tiefsten Stand seit zwei Monaten. Gleichzeitig bewegten sich die sogenannten Risk Reversals stärker in eine Richtung, die auf Absicherung gegen Dollar-Schwäche hinausläuft. Wer damit nichts anfangen kann: Das sind Optionsstrategien, bei denen sichtbar wird, ob Anleger eher Angst vor einem fallenden oder steigenden Dollar haben.

Und dann ist da noch eine zweite Baustelle, die politisch schnell hässlich werden kann: die Bilanz der Fed. Einige Analysten sehen in einer am Mittwoch verkündeten Strategieänderung eine Reaktion auf die US-Regierung – die Fed weitet ihre Bilanz wieder aus.

Der Hintergrund: Der Markt kann nicht unbegrenzt lang laufende US-Staatsanleihen schlucken, ohne dass die Renditen hochgehen. Deshalb finanziert die US-Regierung ihr Defizit zunehmend über kürzer laufende Papiere. Am Mittwoch teilte die Fed mit, dass sie im Dezember mit dem Ankauf kurz laufender US-Staatsanleihen im Wert von monatlich 40 Milliarden Dollar beginnt. Dabei hatte sie gerade erst ihren Bilanzabbau beendet – also das Gegenteil getan und Anleihen auslaufen lassen.

Der Ökonom Steven Blitz vom Analysehaus TS Lombard sieht darin mehr als Routine. Seine These: Die Fed ermögliche die Schuldenpolitik der US-Regierung, sie sorge dafür, dass das Finanzministerium seine Ausgaben „ohne Zinsschwankungen“ finanzieren könne. Mit anderen Worten: Blitz riecht politische Instrumentalisierung.

Die Fed hält dagegen. Sie begründet die Käufe mit Liquiditätsengpässen am Repo-Markt. Das ist der Übernacht-Geldmarkt, auf dem sich Banken kurzfristig Geld leihen und Staatsanleihen als Pfand hinterlegen. Powell sagt, der Kauf diene ausschließlich dazu, über die Zeit genügend Reserven im System zu halten.

Pfister hält diese Erklärung für nachvollziehbar: In den vergangenen Monaten hätten die Probleme am Geldmarkt zugenommen, deshalb sei erwartet worden, dass die Fed mit leichten Ankäufen reagiert. Auch Marten nennt das eine „technische Notwendigkeit“.

Begehrlichkeiten aus Washington: wenn „technisch“ plötzlich „politisch“ wird

Trotzdem liegt der Zündstoff offen auf dem Tisch. Eine Bilanzausweitung kann in Washington schnell Begehrlichkeiten wecken – etwa die Idee, Anleihekäufe gezielt einzusetzen, um die Renditen am Anleihemarkt zu drücken. Höhere Nachfrage treibt Kurse, sinkende Renditen senken den Zinsdruck für den Staat. Das ist Basics, und genau deshalb ist es gefährlich.

Leon Ferdinand Bost vom Bankhaus Metzler warnt: Solche Käufe könnten gerade dann infrage kommen, wenn Renditen wegen Sorgen um die Unabhängigkeit der Fed steigen. Das wäre der Moment, in dem Markt, Politik und Notenbank in einem unangenehmen Dreieck feststecken.

Marten erwartet deshalb, dass Forderungen nach noch mehr geldpolitischem Stimulus im kommenden Jahr wieder lauter werden könnten. Der Grund ist banal: Der Schuldenberg wächst, und niedrigere Zinsen wären für die Regierung bequem. Nur, sagt sie sinngemäß: Die fundamentalen Rahmenbedingungen würden ein neues groß angelegtes Ankaufprogramm eigentlich nicht hergeben.

Genau hier liegt die große Frage für 2026: Wie behauptet sich die Fed in einem Umfeld, in dem sie zwischen Inflation und Arbeitsmarkt sowieso schon auf Messers Schneide steht – und gleichzeitig politisch immer stärker als Werkzeugkasten für die Regierung betrachtet wird? Das Experiment, die wichtigste Zentralbank der Welt zum Erfüllungsgehilfen des Weißen Hauses zu machen, hat bislang noch niemand ernsthaft gewagt. Spannend ist, ob die Fed das früh genug verhindert – oder ob sie am Ende in eine Rolle rutscht, aus der sie nur schwer wieder herauskommt.