Powell versucht gar nicht erst, den nächsten Inflationsschock wegzudiskutieren. Er sagt im Kern: erst mal schauen, wie heftig dieser Krieg wirklich auf Preise und Konjunktur durchschlägt. Genau damit hat der Fed-Chef den Finanzmärkten am Montag ein Stück Nervosität genommen.
Die Botschaft ist klar: Die US-Notenbank muss nicht sofort an der Zinsschraube drehen, nur weil der Krieg gegen Iran den Ölpreis nach oben jagt. Powell sagte bei einer Fragerunde an der Harvard University, die Geldpolitik sei im Moment an einem Punkt, an dem die Fed abwarten könne. Anders gesagt: kein blinder Aktionismus, keine hastige Panikreaktion.
Das ist für die Märkte eine wichtige Ansage. In der vergangenen Woche war noch die Sorge aufgekommen, die Fed könnte sich wegen des neuen Inflationsdrucks zu einer Zinserhöhung gezwungen sehen. Nach Powells Auftritt ist von diesen Wetten kaum noch etwas übrig.
Zwischen Inflation und Arbeitsmarkt
Powell macht dabei keinen Hehl aus dem Dilemma. Auf der einen Seite gibt es Abwärtsrisiken für den Arbeitsmarkt. Das würde eher dafür sprechen, die Zinsen niedrig zu halten. Auf der anderen Seite steigt wegen des Ölpreisschocks das Inflationsrisiko. Das wiederum spricht dagegen, zu locker zu bleiben. Genau in dieser Zange sitzt die Fed jetzt.
Noch, so Powells Linie, muss die Notenbank daraus aber keine unmittelbare Konsequenz ziehen. Entscheidend ist für ihn, ob sich die Inflationserwartungen verschlechtern. Solange die längerfristigen Erwartungen halbwegs fest verankert bleiben, kann die Fed stillhalten. Das ist der Punkt, auf den die Währungshüter nun besonders starren.
Der Leitzins liegt nach der jüngsten Sitzung weiter in einer Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent. Schon nach diesem Treffen hatte Powell erklärt, dass er erst einmal sehen wolle, ob der zollbedingte Preisdruck bei Gütern nachlässt. Erst dann stellt sich überhaupt die nächste Frage: Ignoriert die Fed einen kriegsbedingten Inflationsschub weitgehend – oder muss sie doch gegenhalten, um ein neues Preisfeuer zu verhindern?
Ein weiterer Schock zur Unzeit
Dass Powell so vorsichtig klingt, kommt nicht von ungefähr. Die Inflation läuft in den USA seit rund fünf Jahren über dem Zielwert von 2 Prozent. Erst trafen starke Nachfrage und kaputte Lieferketten nach der Pandemie aufeinander. Dann kamen Zölle dazu. Und jetzt drückt auch noch ein Energieschock auf die Lage. Powell nennt die Zölle im Vergleich zu den Pandemieeffekten zwar den deutlich kleineren Schlag. Trotzdem summiert sich das Ganze inzwischen zu einer ziemlich zähen Geschichte.
Beim Öl ist ohnehin noch offen, wie schlimm es wird. Powell sagte selbst, dafür sei es viel zu früh. Genau diese Unsicherheit ist das Problem. Niemand weiß derzeit, ob der Preisschub nur ein heftiger Ausschlag ist oder der Beginn einer längeren Belastung für Verbraucher und Unternehmen.
Am Montag zeigte sich am Rohölmarkt ein gemischtes Bild. Brent gab um 0,7 Prozent auf 111,81 Dollar je Barrel nach. Die US-Sorte WTI legte dagegen um 2,7 Prozent auf 102,36 Dollar zu. Seit Beginn des Konflikts am 28. Februar sind beide Referenzsorten jedoch massiv gestiegen. Für die Amerikaner wird das längst an der Zapfsäule spürbar: Der durchschnittliche Benzinpreis liegt inzwischen bei rund 4 Dollar pro Gallone.
Powell bleibt auf der Linie
Ökonomen sehen in Powells Aussagen vor allem Kontinuität. Der Fed-Chef klingt nicht wie jemand, der plötzlich einen geldpolitischen Kurswechsel vorbereitet. Eher wie jemand, der sich bewusst nicht in eine Ecke treiben lassen will. Ein Ökonom von Pantheon Macroeconomics nannte die Aussagen folgerichtig ziemlich lehrbuchhaft: Die Fed stecke in einer Art Wartestellung, bis klarer werde, wie groß und wie dauerhaft dieser Energieschock wirklich ist.
In Harvard bekam Powell dann einen ziemlich breiten Fragenkatalog serviert. Es ging um private Kredite, die Fed-Bilanz, künstliche Intelligenz und auch um den Arbeitsmarkt, der für Berufseinsteiger gerade unerquicklich ist. Powell zeigte sich mit Blick auf die mittelfristigen Aussichten der US-Wirtschaft trotzdem vergleichsweise optimistisch.
Politisch wurde es ebenfalls kurz heikel. Powell wurde nach Kevin Warsh gefragt, dem von Präsident Donald Trump nominierten Kandidaten für seine Nachfolge, wenn Powells Führungsmandat am 15. Mai endet. In der Sache hielt sich Powell zurück. Einen Punkt setzte er aber sehr deutlich: Die Fed dürfe ihre Instrumente nicht für irgendetwas verwenden, das über ihren gesetzlichen Auftrag hinausgeht. Es gehe nicht darum, gegen Politiker oder Regierungen zu arbeiten. Aber die Notenbank müsse höllisch aufpassen, sich auf ihr eigentliches Mandat zu konzentrieren – stabile Preise und maximale Beschäftigung.
Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil Trump Powell wiederholt attackiert hat und ihm zu hohe Finanzierungskosten vorwirft. Warsh wiederum hat signalisiert, dass er Zinssenkungen unterstützen würde. Der politische Druck auf die Notenbank bleibt also da, auch wenn Powell ihn demonstrativ nicht an sich heranlassen will.
Zum Schluss wurde es noch kurz locker. Ein Student fragte, wie eine Zinssenkung die Fähigkeit der Fed beeinflussen würde, gleichzeitig Inflation zu bekämpfen und den Arbeitsmarkt zu stützen – ausgerechnet in einer Phase, in der Zölle und Ölpreisschock den Preisdruck hochhalten. Powell sah, dass der Fragesteller ein Trikot der Boston Red Sox trug, und konterte trocken, das sei kein Wurf, nach dem er schlagen werde.
Der eigentliche Punkt bleibt trotzdem ernst: Die Fed sieht den Druck, aber sie rennt nicht los. Vorerst setzt Powell auf Geduld. Ob das kluges Krisenmanagement ist oder nur eine Atempause vor der nächsten geldpolitischen Debatte, dürfte sich in den kommenden Wochen zeigen.

