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26. November 2025

Polen kauft, Putin kassiert: Das nervöse Signal hinter den jüngsten Goldmoves

Putin Russland
Foto: depositphotos.com / Evgenyi

Moskau beginnt, seinen Goldschatz anzukratzen – und an den Märkten zuckt bisher kaum jemand. Dabei geht es nicht um ein paar hübsche Barren für die Vitrine, sondern um Geld für einen teuren Krieg und einen Staatshaushalt mit immer größeren Löchern.

Bisher war die Geschichte schnell erzählt: Seit der Westen 2022 russische Auslandsreserven eingefroren hat, stapeln viele Staaten lieber Gold im eigenen Keller, statt Dollar oder Euro auf Konten im Ausland zu parken. Gold kann niemand einfrieren, keine Behörde sperrt das Konto. Also kauften Notenbanken von China (seit 2022 rund 354 Tonnen) bis Türkei (plus 244,8 Tonnen) kräftig zu. Ergebnis: Seit Putins Überfall auf die Ukraine ist der Goldpreis grob um 130 Prozent nach oben geschossen. Im Herbst dann der Dämpfer: Nach dem Allzeithoch am 20. Oktober verlor der Preis zeitweise mehr als zehn Prozent. Und genau in dieser wackligen Phase meldet Russland: Wir drehen den Goldhahn ein Stück weit auf. Zufall?

Gold für Rubel, Rubel für den Krieg

Die russische Notenbank erklärte gegenüber der Agentur Interfax, sie habe die Gold-Transaktionen über den Staatsfonds National Wealth Fund (NWF) in den vergangenen Jahren hochgefahren und werde mehr reale Transaktionen vornehmen. Übersetzt: Es wird nicht mehr nur intern umgebucht, es wird tatsächlich Gold verkauft. Möglich macht das ein deutlich liquiderer heimischer Markt. Liquidität heißt: Es gibt genug Käufer und Verkäufer, man kann schnell handeln, ohne große Abschläge beim Preis. Das ist wichtig, weil Russland an die großen Golddrehscheiben London und New York wegen der Sanktionen praktisch nicht mehr rankommt.

Offiziell ist von Käufen und Verkäufen die Rede, die die Bewegungen des Staatsfonds spiegeln. Der NWF wird vor allem mit Öleinnahmen gefüllt und stopft das wachsende Loch im Staatshaushalt – ein Loch, das durch steigende Militärausgaben immer größer wird. Gleichzeitig sind die Ölpreise nicht mehr so komfortabel hoch, also fließt weniger frisches Geld. Zum 1. November lagen im Fonds chinesischer Yuan und Gold im Wert von 51,6 Milliarden Dollar. Genau diese Reserven kann Putin anzapfen, wenn der Finanzminister wieder Nachschub braucht.

Früher lief das nach einem simplen Schema: Der Fonds gab Gold an die Zentralbank, bekam dafür Rubel, überwies die Rubel an den Staat – und die Barren blieben in der staatlichen Gesamtreserve. Buchungstrick statt echter Verkauf: linke Tasche, rechte Tasche. Jetzt deutet vieles darauf hin, dass Teile dieses Goldes wirklich im Markt landen. Wann genau und in welcher Größenordnung, bleibt allerdings im Nebel. Russland redet nicht gern detailliert über seine Kriegskasse.

Homöopathische Mengen – bisher

Offiziell meldet Russland dem Internationalen Währungsfonds aktuell rund 2330 Tonnen Goldreserven. Im August gingen diese gemeldeten Bestände laut World Gold Council um 3,1 Tonnen zurück, übers Jahr kumuliert um 6,2 Tonnen. Das entspricht etwa 707 Millionen Euro. Im globalen Goldmarkt ist das eine Dosis im homöopathischen Bereich – interessant, aber kein Grund für Panik.

Die oppositionelle Moscow Times rechnet vor: 2022, also vor dem Angriff auf die Ukraine, habe der Staatsfonds 406 Tonnen Gold gehalten. Seither sollen über den NWF rund 233 Tonnen an die Zentralbank gegangen sein, also 57 Prozent des ursprünglichen Bestands – um Budgetlöcher zu stopfen. Per 1. November blieben demnach noch 173 Tonnen im Fonds, im Wert von rund 20 Milliarden Dollar. In den offiziellen Reserven schlägt sich das bislang kaum nieder, weil die Barren größtenteils nur innerhalb des Staats verschoben wurden.

Der Markt nimmt das alles bislang erstaunlich gelassen. Die bekannten Mengen sind klein, der deutlich gewachsene Handel verschluckt die russischen Verkäufe, ohne dass der Preis durchdreht. Gleichzeitig kaufen andere Notenbanken weiter zu – Russland ist also nur ein Spieler von vielen, wenn auch ein lauter.

Der Fondsmanager Roland Peter Stöferle, einer der bekanntesten Goldexperten im deutschsprachigen Raum, sieht deshalb keinen großen Wendepunkt. Die neue russische Goldpolitik sei vor allem eine interne Umschichtung über den heimischen Markt. Bei Reserven von mehr als 2300 Tonnen könne man weder von einem radikalen Kurswechsel noch von aggressiven Dumping-Verkäufen sprechen – zumal konkrete Volumina fehlen und die Sanktionslage echte Großverkäufe ohnehin ausbremst.

Osteuropa kauft, der Westen zweifelt

Interessant wird das Bild, wenn man über Russland hinauszoomt: Polen hat seit Mitte 2023 fast 287 Tonnen Gold gekauft und seine Goldquote an den Währungsreserven wie geplant auf 30 Prozent hochgeschraubt. Auch Tschechien und Ungarn haben kräftig zugegriffen. Diese Käufe sind mehr als ein Spleen einzelner Notenbanker: Sie wirken wie ein Misstrauensvotum gegen den Euro als Fels in der Brandung – und damit indirekt gegen Deutschland und Frankreich. Alle drei Länder sind zwar in der EU, behalten aber bewusst ihre eigene Währung.

Für den Goldpreis heißt das: Die Musik spielt weniger in Moskau, sondern in Washington, Frankfurt und Peking. Entscheidend bleiben die Schuldenberge im Westen, die Entwicklung der Zinsen und das, was Ökonomen finanzielle Repression nennen – also der Versuch, Schulden durch niedrige Zinsen und höhere Inflation langsam zu entwerten. Dazu kommt das schleichende Misstrauen gegenüber Fiat-Geld, also Währungen wie Euro und Dollar, die nur funktionieren, weil alle daran glauben.

Unterm Strich gilt: Russlands Schritt ist derzeit eher ein Nebengeräusch als eine Bedrohung für den Goldpreis. Spannend wird es, wenn Notenbanken weltweit ihre Goldkäufe bremsen oder sogar umdrehen würden. Entscheidend ist also weniger, wie viele Barren aus Moskau in den Markt tropfen – sondern ob der große Trend weg vom Papier, hin zum Metall anhält. Genau das dürfte den Goldpreis in den kommenden Monaten stärker treiben als jede überschaubare Bewegung im russischen Staatsfonds.