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25. November 2025

Patentklippe voraus: Warum Big Pharma jetzt panisch Biotech-Perlen jagt

Foto: depositphotos.com / HJBC

Die Pharmabranche rast auf eine gewaltige Patentklippe zu – und versucht das Problem mit Geld zuzupflastern: Rund 1,2 Billionen Dollar Übernahmepotenzial liegen bei den großen Konzernen bereit, um Biotech-Ideen einzukaufen, bevor die Umsatzlöcher schmerzhaft sichtbar werden.

Im überfüllten Saal des Londoner Waldorf-Hotels wird schnell klar, wie groß der Druck ist. Etwa 4500 Manager, Banker und Investoren drängen sich zur Jefferies Global Health Conference. Immer wieder fällt ein Begriff: „Biotech-Perlen“. Gemeint sind junge Firmen, die Medikamente von Anfang an mit einem Ziel entwickeln – der spätere Verkauf an einen großen Konzern. Und genau auf diese Firmen stürzen sich die Pharmariesen gerade mit voller Wucht.

Übernahmen statt eigener Ideen

Nach dem schwachen Übernahmejahr 2024 hat sich das Blatt gedreht. Ein Milliardendeal jagt den nächsten. In diesem Jahr wurden bereits 433 Biotech- und Pharma-Deals mit einem Volumen von mehr als 124 Milliarden Dollar gezählt – fast doppelt so viel wie die 70,2 Milliarden Dollar im Vorjahr. Der Turbo zündet im dritten und vierten Quartal, nachdem die erste Jahreshälfte noch von Unsicherheit über die Gesundheitspolitik von US-Präsident Donald Trump gebremst wurde.

Berater erzählen inzwischen offen, dass es kaum noch einen großen Pharmakonzern ohne eigene Übernahmeliste gibt. Biotechs werden beobachtet wie Schnäppchen im Schlussverkauf: Fällt die Bewertung, rückt der Kauf näher. Die Investmentbank Jefferies erwartet bis 2026 ein Plus von 50 Prozent bei Übernahmen durch Pharmaunternehmen und 13 Prozent bei Private Equity. Kein CEO will bei den nächsten Quartalszahlen erklären, warum die Pipeline leerläuft.

Die große Linie bestätigen die Deals der vergangenen Monate: Johnson & Johnson greift für 14,3 Milliarden Dollar beim Arzneimittelhersteller Intra-Cellular Therapeutics zu – der bislang größte Deal des Jahres. Merck sichert sich gleich mehrere Zukäufe, um einbrechende Umsätze des Blockbusters Keytruda aufzufangen. Novartis stemmt mit dem Kauf des US-Unternehmens Avidity den größten Zukauf dieses Jahrzehnts. Besonders heiß umkämpft sind Abnehmmedikamente: Pfizer setzte sich beim US-Biotech Metsera gegen Novo Nordisk durch, der dänische Konzern sitzt dafür jetzt auf rund zehn Milliarden Dollar, die früher oder später in neue Übernahmen fließen dürften.

Vier Gründe, warum die Kassen klingeln

Was treibt diese Welle? Erstens: Patente laufen massenhaft aus. Bis 2030 verlieren Konzerne wie Bayer, Merck KGaA, US-Merck, Bristol-Myers Squibb, Novartis und Sanofi Schutzrechte auf Blockbuster, die heute rund 200 Milliarden Dollar Umsatz bringen. Diese Lücke stopft niemand aus dem laufenden Betrieb.

Zweitens: Es ist zu viel Geld im System. Private-Equity-Fonds sitzen auf Kapital, das investiert werden muss, viele Beteiligungen aus der Pandemiezeit sollen mit Gewinn verkauft werden. Gleichzeitig verfügen die 18 größten Pharmakonzerne laut Stifel-Analysten zusammen über 1,2 Billionen Dollar an Feuerkraft für Übernahmen. Problem: Das Umfeld ist unübersichtlich – hoher Kostendruck im Gesundheitssystem, ständig neue Regulierungen, geopolitische Spannungen, wacklige Lieferketten.

Drittens: Es gibt reichlich Innovation – aber eben oft bei kleinen Firmen. Viele Biotechs werden mit dem klaren Plan gegründet, irgendwann zu verkaufen. Der Markt ist im Vergleich zur Tech-Welt trotzdem klein: Nvidia allein bringt es auf 4,7 Billionen Dollar Börsenwert, die gesamte globale Biotech-Branche auf knapp zwei Billionen Dollar. Marktforscher erwarten aber bis 2030 ein Wachstum auf 3,88 Billionen Dollar – knapp 14 Prozent pro Jahr.

Viertens: Die Bewertungen sind runtergekommen. Nach der Corona-Euphorie, als Biotech-Kurse teils völlig abgehoben waren, hat der Markt kräftig bereinigt. Für Konzerne ist das eine Gelegenheit, vergleichsweise günstig zuzugreifen. Für Gründer kann es heißen: Man verkauft seine Idee, bevor sie ihren vollen Wert erreicht.

Wenn der Deal die Köpfe vertreibt

Kritiker stören sich daran, dass viele Biotechs den Kapitalmarkt kaum sehen oder ihn schnell wieder verlassen. Die wirklich großen Renditen landeten so bei den Pharmariesen. Befürworter halten dagegen: Die Übernahme sei nun einmal der normale Zyklus. Gründungsgewinne von Unternehmern, Managern und Investoren flössen wieder in neue Start-ups zurück. Fakt ist: Fast 80 Prozent der neu zugelassenen Medikamente stammen aus kleinen Biotech-Firmen – zur Marktreife kommen sie meist erst mit Hilfe der großen Konzerne.

Ganz sauber ist das Spiel trotzdem nicht. Ein Risiko sind sogenannte Killer Acquisitions: Ein Konzern kauft einen Wettbewerber, nur um einen konkurrierenden Wirkstoff aus dem Markt zu nehmen. Als Beispiel gilt der Kauf von Curevac durch Biontech nach jahrelangem Wettbewerb und einem harten Patentstreit. Auf dem Papier verschwindet damit ein Konkurrent – in der Realität verschwindet womöglich eine Alternative für Patienten.

Dazu kommt ein Problem, das in keiner Präsentation steht: Nach Übernahmen ist die Fluktuation hoch. Viele Topmanager gehen innerhalb von sechs bis achtzehn Monaten, Schlüsselentwickler kündigen deutlich häufiger. Eine Studie zeigt, dass wichtige Forscher nach Übernahmen im Schnitt rund 20 Prozent öfter das Weite suchen. Die Technologie bleibt, das Wissen zieht weiter.

Am Ende bleibt deshalb eine unangenehme Frage: Reicht es, Patente und Projekte einzukaufen, wenn die Leute dahinter weiterziehen? Klar ist: Geld ist da, Bewertungen sind attraktiv, der Innovationsdruck ist riesig. Die Übernahmewelle dürfte weiterlaufen. Spannend wird, welche Konzerne am Ende wirklich neue Wachstumstreiber aufbauen – und wer bloß teure Trophäen im Regal stehen hat.