Oracle liefert genau das, was viele Anleger sehen wollten: nicht nur teure KI-Fantasie, sondern endlich Zahlen, die den ganzen Aufwand plausibel machen. Der Konzern stellte am Dienstag in Aussicht, dass der Boom rund um KI-Rechenzentren das Geschäft noch bis mindestens 2027 kräftig anschiebt. An der Börse kam das sofort an. Die Aktie legte im nachbörslichen Handel um 8,3 % zu.
Das ist deshalb bemerkenswert, weil zuletzt immer stärker die Sorge herumging, Oracle könne sich mit seiner milliardenschweren KI-Offensive übernehmen oder zumindest viel zu spät die Früchte ernten. Der Konzern baut Rechenzentren für Schwergewichte wie OpenAI und Meta, schraubt also mit voller Wucht am KI-Infrastrukturgeschäft. Gleichzeitig spart Oracle intern an anderer Stelle, streicht Jobs und setzt bei der Softwareentwicklung stärker auf kleinere Teams und KI-Programmierhilfen.
Eine Zahl sticht besonders heraus
Richtig Wucht bekam der Bericht durch eine Kennzahl, die für Anleger mehr sagt als mancher schöne Manager-Satz: die sogenannten Remaining Performance Obligations, kurz RPO. Dahinter stecken vereinfacht gesagt vertraglich zugesagte künftige Umsätze, also Geld, das schon in der Pipeline steckt. Diese Summe schoss im dritten Quartal um 325 % auf 553 Milliarden Dollar nach oben. Analysten hatten im Schnitt mit 540,37 Milliarden Dollar gerechnet. Im Quartal davor hatte Oracle 523 Milliarden Dollar gemeldet.
Nach Angaben des Unternehmens stammt der Großteil dieses Sprungs aus großen KI-Verträgen. Bemerkenswert dabei: Oracle erklärte zugleich, dass dafür nach jetzigem Stand keine zusätzlichen Mittel aufgenommen werden müssten. Gerade bei einem Konzern, der für seinen Ausbau bereits tief in die Tasche greift und sich auch stärker verschuldet hat, ist das kein Nebensatz, sondern ein ziemlich wichtiges Signal.
Der Markt bekommt neuen Stoff
Noch klarer wurde die Botschaft beim Ausblick. Oracle hob die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2027 auf 90 Milliarden Dollar an. Das liegt über den Analystenschätzungen von 86,6 Milliarden Dollar. Anders gesagt: Das Management traut dem KI-Geschäft nicht nur nette Schlagzeilen zu, sondern handfeste Milliarden.
Ein Analyst von eMarketer brachte es zugespitzt auf den Punkt: Oracles Zahlen seien nicht nur besser als erwartet, sondern auch eine Art Belastungstest für den ganzen KI-Hype. Denn wenn ausgerechnet ein Unternehmen wie Oracle, das im großen Stil auf KI-Infrastruktur setzt und dafür finanziell stärker ins Risiko geht, robuste Signale sendet, spricht das dafür, dass hinter dem Boom mehr steckt als heiße Luft.
Cloud soll profitabler werden
Auch beim Thema Profitabilität versucht Oracle, die Skeptiker einzufangen. Auf der Analystenkonferenz sagte Clay Magouyrk, einer der beiden CEOs, die Margen im Cloud-Geschäft sollten sich mit der Zeit verbessern. Das Vermieten von KI-Chips, etwa von Nvidia, bringe Margen von 30 bis 40 %. Das ist schon ordentlich. Noch interessanter wird es aber, wenn Kunden zusätzlich andere Dienste buchen.
Denn laut Magouyrk dürften 10 bis 20 % der Ausgaben in Oracles Cloud-Sparte auf weitere Angebote entfallen, darunter auch das Datenbankgeschäft. Und dort wird es richtig fett: Die Bruttomargen liegen laut Management bei 60 bis 80 %. Zusammengenommen soll das die Ertragskraft der Cloud-Infrastruktur weiter stärken und zugleich schnell wachsen lassen. Auf gut Deutsch: Oracle will nicht nur Rechenleistung vermieten, sondern an den besonders profitablen Extras kräftig mitverdienen.
Angriff auf die ganz Großen
Genau darin liegt der Kern der Strategie. Oracle versucht, sich ein ordentliches Stück aus dem boomenden KI-Markt herauszuschneiden, indem der Konzern seine Cloud-Infrastruktur massiv ausbaut. Das Unternehmen jagt damit denselben Großkunden hinterher wie Amazon mit AWS und Microsoft mit Azure. Der Wettbewerb ist also alles andere als gemütlich.
Larry Ellison setzte noch einen zweiten Akzent, der für die alte Softwarewelt nicht ganz unwichtig ist. Zuletzt wurde häufiger spekuliert, dass KI-Coding-Tools den Bedarf an klassischer Unternehmenssoftware untergraben könnten. Ellison hält davon für Oracle wenig. Seine Argumentation: Gerade weil der Konzern diese Werkzeuge selbst nutzt, könne er mit kleinen Entwicklerteams schneller neue Software-as-a-Service-Produkte bauen.
Ellison geht in die Offensive
Er nannte dabei agentenbasierte Software, also Programme, die Aufgaben weitgehend eigenständig abarbeiten, etwa im Gesundheitswesen oder in Finanzdienstleistungen. Ellisons Botschaft war unmissverständlich: Was für andere Anbieter zur Gefahr werden könnte, soll Oracle zusätzlichen Schub geben. Oder noch direkter gesagt: Die viel beschworene „SaaS-Apokalypse“ sieht er eher bei der Konkurrenz als im eigenen Laden.
Auch die nackten Quartalszahlen fielen solide aus. Im dritten Quartal bis zum 28. Februar setzte Oracle 17,19 Milliarden Dollar um. Analysten hatten im Schnitt nur mit 16,91 Milliarden Dollar gerechnet. Das Unternehmen lag also nicht nur beim großen Zukunftsbild über den Erwartungen, sondern auch im Hier und Jetzt.
Jetzt steigt der Druck
Für das laufende vierte Geschäftsquartal peilt Oracle einen bereinigten Gewinn je Aktie von 1,96 bis 2,00 Dollar an. Analysten hatten bislang 1,94 Dollar erwartet. Beim Umsatz stellt der Konzern ein Wachstum von 19 bis 21 % in Aussicht. Das liegt ziemlich genau auf Linie mit den Markterwartungen, die bei 20,2 % Plus auf 19,12 Milliarden Dollar lagen.
Ähnlich sieht es beim Cloud-Geschäft aus. Oracle rechnet hier mit einem Wachstum von 46 bis 50 % in Dollar. Analysten hatten mit 48 % plus und einem Umsatz von 9,98 Milliarden Dollar kalkuliert. Die Prognose wirkt also weder abgehoben noch vorsichtig, sondern ziemlich sauber in der Mitte dessen, was der Markt ohnehin erwartet hatte.
Entscheidend ist jetzt etwas anderes: Oracle hat geliefert, keine Frage. Aber der Konzern hat die Latte damit auch selbst höher gelegt. Der Markt glaubt plötzlich wieder daran, dass aus dem teuren KI-Ausbau ein rentables Geschäft werden kann. Nun muss Oracle beweisen, dass dieser Eindruck nicht nur ein kurzer Adrenalinschub nach guten Zahlen war.

