Der Ölmarkt macht dieser Tage, was er in echten Krisenphasen oft macht: Er schlägt wild um sich. Erst schoss der Preis nach oben, dann kam der Rücksetzer mit Wucht, und nun drückt ein möglicher Eingriff der Staaten auf die Notierungen. Auslöser ist ein Bericht, wonach die Internationale Energieagentur die größte Freigabe von Ölreserven ihrer Geschichte prüft.
Genau das belastete die Preise am Mittwoch. Brent verlor 88 Cent oder 1% auf 86,92 Dollar je Barrel. Die US-Sorte WTI gab um 35 Cent oder 0,4% auf 83,10 Dollar nach. Der Markt setzt damit darauf, dass zusätzliches Öl aus den Reserven einen Teil des Schocks abfedern könnte, der durch mögliche Lieferausfälle infolge des US-israelischen Kriegs mit Iran droht.
Historischer Hebel, aber keine Wunderwaffe
Dabei kommt der Markt aus einer extrem nervösen Phase. Die US-Ölpreise waren zum Wochenstart zunächst um 5% nach oben gesprungen, nachdem beide Kontrakte am Dienstag um mehr als 11% eingebrochen waren. Das war der heftigste prozentuale Tagesverlust seit 2022. Am Montag war WTI zwischenzeitlich noch auf mehr als 119 Dollar geklettert – so hoch wie seit Juni 2022 nicht mehr.
Würde die von der IEA ins Auge gefasste Freigabe tatsächlich kommen, läge sie sogar über den 182 Millionen Barrel, die die Mitgliedstaaten 2022 nach Russlands Großangriff auf die Ukraine in zwei Schritten auf den Markt geworfen hatten. Analysten von Goldman Sachs rechnen vor, dass eine Freigabe dieser Größenordnung rund zwölf Tage einer geschätzten Exportstörung von 15,4 Millionen Barrel pro Tag aus dem Golf auffangen könnte. Das klingt nach viel. Ist es auch. Nur löst es die eigentliche Krise eben nicht.
Krieg bleibt der Preistreiber
Denn militärisch hat sich die Lage weiter zugespitzt. Die USA und Israel attackierten Iran am Dienstag mit dem laut Pentagon und Menschen vor Ort bislang heftigsten Luftangriff des Kriegs. Zugleich meldete das US-Zentralkommando, 16 iranische Minenlegeboote nahe der Straße von Hormus ausgeschaltet zu haben. Trump warnte Iran zudem, mögliche Minen in der Meerenge unverzüglich zu entfernen.
Trump hat mehrfach erklärt, die USA seien bereit, Tanker bei Bedarf durch die Straße von Hormus zu eskortieren. Nach Informationen von Reuters lehnt die US-Marine entsprechende Wünsche der Schifffahrtsbranche derzeit aber ab, weil das Risiko von Angriffen im Moment schlicht zu hoch ist. Genau da liegt der Hund begraben: Der Markt hört einerseits politische Beruhigungssignale, sieht andererseits aber eine Lage, die brandgefährlich bleibt.
Analysten von UOB sprechen deshalb von einer volatilen Normalisierung nach dem scharfen Preissprung zu Wochenbeginn. Übersetzt: Der Markt kommt etwas runter, aber ruhig ist hier gar nichts. Anleger schauen weiter fast ausschließlich auf den Nahen Osten und auf die Frage, wie lange die Energiepreise erhöht bleiben.
Zweifel an der Reserve-Fantasie
Parallel beraten G7-Vertreter bereits online über eine mögliche Freigabe strategischer Ölreserven, um den Markt zu entlasten. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will dazu am Mittwoch eine Videoschalte mit den übrigen G7-Staats- und Regierungschefs führen. Die Politik versucht also, ein Ventil zu finden, bevor der Preisdruck wieder voll durchschlägt.
Doch nicht jeder hält die Reserve-Idee für den großen Befreiungsschlag. Philip Jones-Lux von Sparta Commodities verweist darauf, dass bislang gar nichts formell beschlossen ist. Zudem gehe es nicht nur um die Größe der Bestände, sondern um die Frage, wie schnell diese Mengen tatsächlich aus den Lagern in den Markt gepumpt werden können. Genau das ist der springende Punkt: Reserven auf dem Papier beruhigen noch keinen Tanker und keine Raffinerie.
Lieferprobleme sind längst real
Wie ernst die Lage ist, zeigt auch die Infrastruktur. Der staatliche Ölkonzern ADNOC aus Abu Dhabi hat nach einem Brand infolge eines Drohnenangriffs seine Raffinerie in Ruwais stillgelegt, wie eine mit der Sache vertraute Quelle sagte. Das ist die nächste handfeste Störung der Energieversorgung in diesem Konflikt – und eben nicht bloß ein Szenario auf dem Reißbrett.
Saudi-Arabien versucht zwar, mehr Öl über das Rote Meer auszuführen. Den Daten aus der Schifffahrt zufolge reicht das bislang aber bei weitem nicht, um die Ausfälle über die Straße von Hormus auszugleichen. Das Königreich setzt dabei auf den Hafen Yanbu, um Exporte hochzuziehen und harte Produktionskürzungen zu vermeiden. Die Nachbarn Irak, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihre Förderung bereits zurückgefahren.
Wood Mackenzie schätzt, dass der Krieg derzeit rund 15 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte pro Tag aus dem Golfmarkt trifft. Im Extremfall könnten die Rohölpreise dadurch auf 150 Dollar je Barrel steigen. Morgan Stanley warnt zudem, dass selbst eine schnelle politische Lösung noch Wochen der Störung an den Energiemärkten bedeuten würde. Wer hier schon Entwarnung ruft, ist ziemlich mutig.
Passend dazu fielen in den USA in der vergangenen Woche auch noch die Bestände an Rohöl, Benzin und Destillaten, wie Marktquellen unter Verweis auf Daten des American Petroleum Institute berichteten. Mehr Nachfrage, weniger Vorräte, Kriegsrisiko auf einer der wichtigsten Öladern der Welt – und dann die Hoffnung auf Reserven als Notnagel. Die kommenden Tage dürften zeigen, ob dieser Notnagel hält oder ob der Markt schon bald wieder nach oben schießt.

