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2. März 2026

Ölpreis-Schock: Warum 100 Dollar plötzlich wieder realistisch sind

Foto: depositphotos.com

Der Ölmarkt ist gerade so dünnhäutig, dass ein einziges Nadelöhr reicht – und schon zuckt der Preis wie vom Stromschlag getroffen. Nach den US- und Israel-Angriffen auf den Iran zog Brent am Sonntag im außerbörslichen Handel laut Ölhändlern um rund zehn Prozent auf etwa 80 Dollar je Barrel an.

Und damit steht die nächste Marke wieder auf dem Tisch, die zuletzt eher nach Vergangenheit klang: 100 Dollar. Analysten halten 100 Dollar oder mehr für möglich. Das wäre ein Plus von rund 37 Prozent seit Freitag, als Brent auf ein Jahreshoch von 73 Dollar gestiegen war.

Hormus ist das Problem – nicht die Schlagzeile

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der eigentliche Preistreiber ist nicht der Militärschlag an sich, sondern die Angst vor einer blockierten Straße von Hormus. Ajay Parmar vom Analysehaus ICIS bringt es auf den Punkt: Die Schläge stützen zwar die Preise, aber der entscheidende Faktor ist die Schließung der Meerenge.

Seit Samstag ist der Öl- und Gastransport dort praktisch zum Erliegen gekommen. Der Iran untersagte Schiffen die Durchfahrt, und viele Tanker-Eigner, Ölkonzerne und Handelshäuser drückten erst mal auf Pause. Kein Wunder: Über Hormus laufen mehr als 20 Prozent des weltweiten Öls. Wenn so eine Lebensader zugeht, reicht schon das Gerücht, um den Markt nervös zu machen – und diesmal ist es mehr als nur Gerede.

Opec+ dreht nur minimal am Hahn

In dieser Lage wirkt der Opec+-Beschluss fast wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Allianz will die Förderung ab April lediglich um 206.000 Barrel pro Tag erhöhen – weniger als 0,2 Prozent der weltweiten Nachfrage. Das klingt nach „wir tun was“, ist aber keine Entwarnung.

Rystad-Energy-Analyst Jorge Leon bezweifelt, dass das irgendwen beruhigt. Seine Ansage ist klar: Die Preise reagieren auf das, was am Golf passiert, und darauf, ob die Schifffahrtswege offen sind – nicht auf eine kleine Produktionssteigerung. Selbst wenn ein Teil über Pipelines umgeleitet wird, könnte eine Sperrung der Meerenge laut Leon acht bis zehn Millionen Barrel Rohöl pro Tag kosten. Das ist keine Kleinigkeit, das ist eine echte Lücke.

Parmar erwartet, dass die Preise nach dem Wochenende deutlich näher an 100 Dollar eröffnen und dieses Niveau bei anhaltender Sperre auch überschreiten könnten. Auch Analysten von RBC und Barclays halten 100 Dollar für möglich.

Mehr Öl auf dem Papier, weniger Öl auf dem Wasser

Dazu kommt ein praktisches Problem: Selbst wenn einzelne Länder noch Reserven hätten, muss das Öl erst mal raus. Nennenswerte freie Kapazitäten haben vor allem Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – doch bei blockierten Routen wird selbst das zum Logistikrätsel. Insidern zufolge hat Riad Produktion und Exporte in den vergangenen Wochen in Erwartung von US-Angriffen auf den Iran bereits hochgefahren.

UBS-Analyst Giovanni Staunovo weist außerdem darauf hin, dass die tatsächlich zusätzlich am Markt ankommende Menge nur ein Bruchteil der Quote sein dürfte. Heißt: Auf dem Papier klingt die Erhöhung größer, in der Realität kommt weniger an.

Am Opec+-Treffen nahmen nur acht Mitglieder teil: Saudi-Arabien, Russland, Irak, Kuwait, Kasachstan, Algerien, Oman und die VAE. Die beschlossene Erhöhung beendet eine dreimonatige Pause bei den Förderanhebungen. Diskutiert wurden laut Insidern Optionen zwischen 137.000 und 548.000 Barrel pro Tag – am Ende wurde es die kleine Variante.

Reedereien weichen aus – und das wird schnell teuer

Die Schifffahrt reagiert bereits, als wäre die Lage längerfristig kaputt. Maersk leitet wegen der Situation Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung um – betroffen sind Routen vom Nahen Osten und Indien ins Mittelmeer sowie zur US-Ostküste. Fahrten auf der Trans-Suez-Route durch die Meerenge Bab al-Mandab werden vorerst ausgesetzt. Die Annahme von Fracht für die Nahost-Region läuft zwar weiter, aber Umwege kosten Zeit und Geld – und beides landet am Ende in den Preisen.

Die entscheidende Frage lautet jetzt: Bleibt Hormus nur kurz gestört – oder wird aus der Risiko-Prämie ein echter Versorgungsengpass? Denn je länger Tanker draußen bleiben, desto eher wird aus „möglich“ beim Ölpreis eine ziemlich greifbare 100-Dollar-Realität.