Der Ölmarkt benimmt sich gerade wie ein völlig überdrehter Krisenindikator: Am Montag schoss der Preis noch über die Marke von 100 Dollar je Barrel, keine 24 Stunden später ging es wieder steil nach unten. Genau diese wilde Kehrtwende zeigt, wie angespannt die Lage rund um den Nahostkrieg weiter ist.
Am Dienstag fielen die Ölpreise deutlich, nachdem sie tags zuvor auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren geklettert waren. Auslöser für den Rücksetzer waren Aussagen von US-Präsident Donald Trump, der ein baldiges Ende des Kriegs im Nahen Osten in Aussicht stellte. Das nahm einem Markt, der am Vortag noch im Panikmodus war, zumindest vorübergehend etwas von der Hektik.
Preissprung, Rücksetzer, Nervosität
Brent-Öl verbilligte sich um 4,17 Dollar oder 4,2 Prozent auf 94,79 Dollar je Barrel. Die US-Sorte WTI gab um 3,81 Dollar oder 4 Prozent auf 90,96 Dollar nach. Zeitweise sackten beide Kontrakte sogar um bis zu 11 Prozent ab, bevor sie einen Teil der Verluste wieder wettmachten.
Dabei war die Bewegung nach oben am Montag heftig genug. Der Ölpreis war über 100 Dollar je Barrel gestiegen und hatte damit den höchsten Stand seit Mitte 2022 erreicht. Hintergrund waren Förderkürzungen Saudi-Arabiens und anderer Produzenten inmitten des sich ausweitenden Kriegs zwischen den USA, Israel und Iran. Am Markt wuchs damit die Sorge, dass es zu massiven Störungen bei der weltweiten Versorgung kommen könnte.
Trump beruhigt, Putin funkt dazwischen
Später drehte die Stimmung dann wieder. Laut einem Kreml-Berater hatte Russlands Präsident Wladimir Putin in einem Telefonat mit Trump Vorschläge für eine schnelle Beilegung des Kriegs gegen Iran übermittelt. Das reichte offenbar schon, um die Angst vor einem längeren Ausfall wichtiger Lieferungen etwas zurückzudrängen.
Trump legte am Montag in einem Interview nach und sagte, er halte den Krieg gegen Iran für „sehr weit fortgeschritten“. Washington liege damit deutlich vor seinem ursprünglich genannten Zeitrahmen von vier bis fünf Wochen. Der Markt hörte vor allem eines heraus: Vielleicht dauert das Ganze nicht so lange wie befürchtet.
Zu viel Angst, zu viel Erleichterung?
Ein Analyst der DBS Bank brachte es ziemlich nüchtern auf den Punkt. Trumps Aussagen über einen kurzen Krieg hätten die Märkte klar beruhigt. Nach der Überreaktion nach oben am Montag sehe man nun allerdings eine Überreaktion nach unten. Oder anders gesagt: Erst wurde zu viel Angst eingepreist, jetzt womöglich schon wieder zu viel Erleichterung.
Ganz vom Tisch ist das Risiko nämlich keineswegs. Der Analyst verwies darauf, dass Sorten wie Murban und Dubai weiter klar über 100 Dollar je Barrel notieren. In der Praxis hat sich an der Lage am physischen Markt also längst nicht so viel entspannt, wie es die jüngste Preisbewegung bei Brent und WTI vermuten lässt.
Iran droht, Washington sucht Auswege
Passend dazu schlug der Ton aus Teheran am Dienstag wieder deutlich schärfer an. Die iranischen Revolutionsgarden erklärten laut Staatsmedien, sie würden das Ende des Kriegs selbst bestimmen. Zugleich hieß es, Teheran werde nicht zulassen, dass auch nur ein Liter Öl aus der Region exportiert werde, falls die Angriffe der USA und Israels anhalten. Das ist keine Randnotiz, sondern eine offene Drohung gegen eine der wichtigsten Energieregionen der Welt.
Trotzdem blieben die Preise unter Druck. Der Grund: Trump prüft offenbar mehrere Optionen, um den jüngsten Ölpreisschub einzudämmen. Dazu gehören laut mehreren Quellen sowohl eine Lockerung der Sanktionen gegen russisches Öl als auch die Freigabe strategischer Rohölreserven.
Der Markt klammert sich an jedes Signal
Auch aus Sicht von Marktbeobachtern ist die Richtung klar. Diskussionen über mögliche Erleichterungen für russisches Öl, Trumps Andeutungen zu einer möglichen Entspannung des Konflikts und die Aussicht, dass G7-Staaten im Zweifel ihre strategischen Reserven anzapfen könnten, senden alle dieselbe Botschaft: Irgendwie soll weiter genug Öl auf den Markt kommen.
Sobald Händler den Eindruck bekamen, dass die Lieferwege am Ende doch offenbleiben könnten, begann die zuvor aufgebaute Panikprämie zu bröckeln. Genau dieser Angstaufschlag hatte die Preise am Montag noch über die Marke von 100 Dollar gehievt. Am Dienstag wurde davon ein gutes Stück wieder abgeblasen.
Die G7-Staaten erklärten am Montag zwar, man sei bereit, auf die stark gestiegenen Ölpreise mit notwendigen Maßnahmen zu reagieren. Einen konkreten Beschluss zur Freigabe von Notreserven fassten sie aber nicht. Damit bleibt der Markt in einem Zustand, den man durchaus widersprüchlich nennen kann: etwas weniger Panik als am Montag, aber noch lange keine echte Entwarnung.

