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26. Februar 2026

Nvidia druckt 43 Milliarden Gewinn – und trotzdem zittern die Märkte

Nvidia
Foto: depositphotos.com / MichaelVi

Der KI-Hype ist eine Wette – und Nvidia ist der Kassenbon, den der Markt jeden Quartalsabend sehen will.

Die Woche begann mit einem Text, der klang wie ein Blick in eine Zukunft, auf die keiner Lust hat. James van Geelen und Alap Shah von Citrini Research zeichneten ein düsteres Bild: KI verdrängt Menschen aus Jobs in einem Tempo, das ganze Volkswirtschaften ins Schleudern bringen kann. Arbeitslosigkeit schießt hoch, Produktivitätsgewinne landen bei wenigen, und die Märkte müssten sich „schmerzhaft und ungeordnet“ neu bewerten. Die Börse reagierte so, wie sie es seit Ewigkeiten tut, wenn Technik plötzlich nach Bedrohung riecht: verkaufen. Der S&P 500 gab nach, Software- und Technologiewerte rutschten ab, selbst robuste Titel wurden plötzlich nervös.

Nvidia als Thermometer für den KI-Boom

Genau an solchen Tagen zeigt sich, wie wacklig die große KI-Erzählung inzwischen ist. Einerseits gilt die Technologie als Wachstumsmaschine für die nächsten Jahre. Andererseits schwingt die Angst mit, dass das Ganze gesellschaftlich und wirtschaftlich auch hässlich enden kann. Diese Spannung hing über dem Wochenstart – und machte einen Termin im Kalender zum Zitterpunkt: Nvidias Quartalszahlen am Mittwochabend.

Nvidia ist längst nicht mehr „nur“ ein Chiphersteller. Der Konzern ist zum Thermometer der gesamten KI-Industrie geworden. Wenn irgendwo sichtbar wird, ob die Milliarden für Rechenzentren, Stromnetze und Silizium wirklich Sinn ergeben – oder ob man sich da kollektiv verrennt –, dann zuerst in Nvidias Umsatz. Entsprechend groß war die Frage: Liefert Nvidia wieder? Oder kommt zum ersten Mal ein Dämpfer, der den Markt in eine ungemütliche Neubewertung zwingt?

Die Antwort war klar: Durchatmen.

Rekordquartal: 68,1 Milliarden Umsatz, 43 Milliarden Gewinn

Nvidia meldete für das abgelaufene Quartal einen Umsatz von 68,1 Milliarden Dollar und einen Nettogewinn von 43 Milliarden Dollar – beides deutlich über den Erwartungen der Analysten. Die operative Marge lag bei rund 75 Prozent. Heißt übersetzt: Von jedem Dollar Umsatz bleibt extrem viel als operativer Gewinn hängen, ein Niveau, das selbst vielen Softwarekonzernen wie Science-Fiction vorkommt. Noch wichtiger für die Börse war der Blick nach vorn: Für das laufende Quartal stellte Nvidia bis zu 78 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht – ebenfalls mehr, als der Markt vorher auf dem Zettel hatte. Nachbörslich ging die Aktie hoch, die Anspannung fiel spürbar ab.

Damit kommt auch die nächste Superlative in Reichweite. Nvidias Marktkapitalisierung nähert sich der Marke von fünf Billionen Dollar. Das wäre historisch: Noch nie zuvor hat ein Unternehmen diesen Börsenwert erreicht. Apple, Microsoft oder Saudi Aramco galten lange als die großen Schwergewichte – Nvidia ist dabei, alle zu überholen. Fünf Billionen wären nicht nur eine Zahl, sondern ein Symbol: für die wirtschaftliche Bedeutung von KI und für die Macht eines Konzerns, der die Infrastruktur dieser neuen Epoche liefert.

Die Dimensionen sind ohnehin absurd groß. In den vergangenen zwölf Monaten hat Nvidia 120 Milliarden Dollar Gewinn erzielt – bei 215 Milliarden Dollar Umsatz. Noch krasser wirkt das im Vergleich zu früher: Vor drei Jahren stand da ein Profit von 4,37 Milliarden Dollar bei 27 Milliarden Dollar Umsatz. Das ist kein normales Wachstum mehr, das ist ein Sprung in eine andere Liga.

Mehr als Chips: Das Rechenzentrum als Gelddrucker

Der Motor dahinter heißt Rechenzentrum. Mehr als 90 Prozent des Quartalsumsatzes stammen aus dem Datacenter-Geschäft. Nvidia verkauft dort längst nicht nur einzelne Prozessoren, sondern komplette Systeme: Chips, Netzwerke, Software – alles aus einer Hand. Das ist die Logik großer Infrastruktur-Phasen: Wer die Schienen, Leitungen oder Netze liefert, sitzt an der Quelle des Wachstums.

Nvidia-Chef Jensen Huang macht daraus gern einen einfachen Satz: Rechenleistung ist Umsatz. In der Diskussion der Quartalszahlen kam dann auch die Frage, die vielen Investoren im Hinterkopf brennt: Haben Nvidias Kunden überhaupt genug Geld, um diesen Investitionsrausch weiter durchzuziehen? Denn die großen Abnehmer – Hyperscaler und KI-Firmen wie OpenAI oder Meta – pumpen Hunderte Milliarden Dollar in KI. Gleichzeitig steigen die Kosten, Cashflows geraten unter Druck, und die wichtigste Frage ist weiterhin offen: Wie profitabel werden KI-Dienstleistungen am Ende wirklich?

Huang geht diese Sorge offensiv an. Man habe einen Wendepunkt erreicht, sagt er. Agentische KI-Systeme – also KI, die nicht nur antwortet, sondern Aufgaben eigenständig abarbeitet – seien nicht mehr bloße Experimente, sondern produktiv im Einsatz. KI sei damit kein reiner Kostenblock mehr, sondern werde zur Einnahmequelle. Und als nächster Schub steht die neue Chip-Generation „Rubin“ im Raum, die in diesem Jahr erwartet wird. Sie soll effizienter werden und die Kosten pro Token senken. Tokens sind vereinfacht gesagt die winzigen Sprachhäppchen, in die KI Text zerlegt – je mehr davon verarbeitet werden, desto mehr Rechenarbeit, desto teurer wird es. Wer Tokens billiger bekommt, kann KI günstiger anbieten oder mehr Leistung ins gleiche Budget quetschen.

Goldman warnt, Kunden weichen aus

Trotzdem: Die Zweifel sind nicht weg, sie sitzen nur tiefer. Goldman Sachs warnte in einem viel beachteten Forschungsbericht, dass offen sei, ob sich die gigantischen Investitionen in KI-Infrastruktur – Chips, Rechenzentren, Stromhunger inklusive – am Ende in entsprechend hohe und vor allem dauerhaft tragfähige Erträge übersetzen. Oder ob ein Teil dieses Kapitals schlicht ökonomisch verpufft. Das ist der Punkt, an dem aus Euphorie schnell Ernüchterung werden kann.

Dazu kommt ein Trend, der Nvidia wehtun kann: Die größten Kunden prüfen Alternativen. Meta hat gerade einen umfangreichen Liefervertrag mit AMD abgeschlossen, um die eigene KI-Infrastruktur breiter aufzustellen. Gleichzeitig arbeiten praktisch alle großen Hyperscaler – von Google über Amazon bis Microsoft – an eigenen, maßgeschneiderten KI-Chips. Ziel: Kosten senken, Abhängigkeit von Nvidia reduzieren.

Noch ersetzen diese Eigenentwicklungen Nvidias Systeme nicht. Sie ergänzen sie. Aber sie markieren eine strategische Verschiebung: Wer heute Milliarden an Nvidia überweist, will morgen mehr Kontrolle über die eigene Rechenleistung. Und genau darin steckt ein strukturelles Risiko. Ein großer Teil des Nvidia-Geschäfts hängt an wenigen, extrem kapitalintensiven Abnehmern. Wenn diese ihre Investitionen verlangsamen, stärker diversifizieren oder anderswo technologische Durchbrüche schaffen, trifft das Nvidia sofort und direkt.

China bleibt ein Blindflug

Dann ist da noch China – ein Kapitel voller Nebel. Nvidia rechnet in seiner Prognose bewusst keine Umsätze aus China ein. Exportbeschränkungen und nur in ihrer Leistung gedrosselte Angebote können das Wachstum bremsen. Gleichzeitig bauen chinesische Wettbewerber, gestützt durch staatliche Förderung, an eigenen Alternativen. Langfristig kann das die Marktstruktur verändern, auch wenn Nvidia derzeit technologisch weit enteilt wirkt.

Finanzchefin Colette Kress legte am Mittwoch offen, dass die US-Regierung zwar Lizenzen für eine begrenzte Menge von Nvidia-Chips für den Export nach China erteilt habe. Ob die chinesische Regierung Unternehmen auch eine Erlaubnis für den Kauf gibt, sei aber offen. Und selbst potenzielle Abnehmer wie Alibaba oder Tencent treibt laut Darstellung die Sorge um, dass die US-Regierung jederzeit neue Einschränkungen durchdrücken könnte. Wer so einkauft, plant nicht langfristig – der tastet sich von Bestellung zu Bestellung. „Wir werden es an den Bestellungen sehen“, räumte Huang im Januar am Rande der CES in Las Vegas ein.

Der Markt dreht Richtung Inferenz

Auch technologisch ist nicht alles freie Autobahn. Der Markt verschiebt sich zunehmend vom Training großer KI-Modelle hin zur Inferenz – also dem, was im Alltag passiert, wenn ein Modell Antworten generiert, Bilder erzeugt oder Aufgaben erledigt. Dieser Bereich ist weniger exklusiv. Hier konkurrieren auch klassische Prozessoren und spezialisierte Chips, nicht nur die ganz großen KI-Beschleuniger. Nvidia versucht, diesen Übergang zu steuern: mit neuen Architekturen, stärkerer Integration von CPUs und einem immer dichteren Software-Ökosystem. Klar ist aber auch: Dominanz von gestern ist keine Garantie für morgen.

Viel Cash, viel Druck

Auf der anderen Seite stehen gewaltige Chancen. KI frisst sich in immer mehr Branchen: Industrie, Medizin, Verkehr, Energie. Staaten investieren in „souveräne“ KI-Infrastruktur, um unabhängiger zu werden. Nvidia profitiert davon gleich doppelt – als Lieferant und als Standardsetzer. Wer heute auf Nvidia setzt, bindet sich oft langfristig, technisch und wirtschaftlich.

Und Nvidia hat Geld – richtig viel Geld. Im vergangenen Geschäftsjahr generierte der Konzern fast 100 Milliarden Dollar freien Cashflow und gab mehr als 40 Milliarden Dollar an Aktionäre zurück. Das verschafft Spielraum für Investitionen, Übernahmen und strategische Beteiligungen. Vor allem aber kauft es Zeit, falls der Markt zwischendurch wieder kalt wird.

Die Lage bleibt damit elektrisch: Nie war Nvidia so mächtig, nie waren die Erwartungen so hoch. Jeder Quartalsbericht ist ein Stresstest für die KI-Story. Der düstere Montag hat gezeigt, wie schnell die Stimmung kippen kann – und der Mittwoch, wie schnell sie sich wieder einfängt. Entscheidend wird sein, ob die Bestellungen den Optimismus weiter füttern, wenn die großen Kunden gleichzeitig an Ausweichrouten bauen und China als Absatzmarkt praktisch nicht planbar bleibt.