Es kommt nicht oft vor, dass ein Konzern mit Tradition wie Diageo einen Mann holt, der einst Supermärkte saniert hat, um edlen Whiskey und dunkles Bier wieder auf Kurs zu bringen. Doch genau das passiert jetzt: Dave Lewis, bekannt als der Sanierer von Tesco, übernimmt Anfang 2026 die Führung des Spirituosenriesen – und damit eine Aufgabe, die kaum größer sein könnte.
Ein erfahrener Krisenmanager tritt an
Lewis soll bei Diageo den Turnaround schaffen, den Anleger seit Monaten fordern. Nach Jahren stabilen Wachstums steckt der Hersteller von Marken wie Guinness und Johnnie Walker in einer Schwächephase. Die Umsätze sind rückläufig, vor allem in den USA und China. Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres schrumpfte der Umsatz um gut zwei Prozent. Das Unternehmen reagierte mit einer gesenkten Jahresprognose – ein Signal, das an den Märkten nicht unbemerkt blieb.
Wer die Diageo Aktie länger verfolgt, kennt die Achterbahnfahrt der vergangenen Monate. Nach dem Rekordhoch während der Pandemie folgte der Abstieg: Seit Jahresbeginn 2025 hat das Papier an der Londoner Börse rund 21 Prozent verloren, auf Sicht von zwölf Monaten liegt das Minus bei etwa 24 Prozent. Erst in den vergangenen Wochen zeichnete sich eine leichte Gegenbewegung ab – der Kurs legte um rund 3 bis 6 Prozent zu und notiert aktuell bei etwa 1.726 Pence. Ein kleiner Hoffnungsschimmer nach einem schwierigen Jahr, das von Gewinnwarnungen und Nachfragerückgängen geprägt war.
Als der Name Dave Lewis fiel, drehte die Stimmung kurzfristig. Die Aktie legte nach der Ankündigung zeitweise um knapp sieben Prozent zu. Die Märkte scheinen dem neuen Mann an der Spitze einen Vertrauensvorschuss zu geben – noch.
Zwischen Hoffnung und Druck
Lewis bringt das mit, was Diageo derzeit fehlt: Erfahrung mit Restrukturierungen. Bei Tesco führte er einst eine angeschlagene Handelskette zurück in die Gewinnzone. Ob das Rezept auch im Spirituosenmarkt funktioniert, ist offen. Diageo kämpft mit schwächerer Nachfrage, ungünstigen Wechselkursen und Preisdruck. Hinzu kommen die Folgen höherer Importzölle in den USA – einem der wichtigsten Absatzmärkte.
Der Verwaltungsrat lobt Lewis’ „bewährte Führungsqualitäten“ und sieht in ihm den richtigen Mann zur richtigen Zeit. Er selbst spricht von „Herausforderungen, aber auch Chancen“. Das klingt nach einem Balanceakt zwischen Kostensenkungen und Markenpflege – und nach einem Versuch, wieder Vertrauen aufzubauen.
Das Unternehmen hat bereits ein Sparprogramm im Umfang von über 600 Millionen Dollar angekündigt, verteilt auf drei Jahre. Auch der Verkauf weniger profitabler Geschäftsbereiche steht im Raum. Doch solche Schritte allein werden kaum reichen, um den Trend zu drehen. Entscheidend wird sein, ob Diageo es schafft, seine Premium-Marken in einem veränderten Konsumumfeld neu zu positionieren.
Der Markt bleibt skeptisch
Trotz des jüngsten Kursanstiegs bleibt die Diageo Aktie weit von alten Höchstständen entfernt. Die Marktkapitalisierung liegt bei rund 38 Milliarden Pfund, das Vertrauen der Investoren ist noch nicht vollständig zurück. Die Branche insgesamt steht unter Druck – vom höheren Zinsniveau bis zu veränderten Konsumgewohnheiten.
Einerseits bietet der Führungswechsel die Chance auf einen Neuanfang. Andererseits muss Lewis schnell zeigen, dass er mehr liefern kann als Sparprogramme und Symbolik. Die kommenden Quartale dürften zeigen, ob Diageo wieder in die Spur findet – oder ob der neue Chef nur ein Zwischenschritt auf einem längeren Weg ist.

