Netflix will nicht nur Serien liefern, sondern Hollywood umbauen – und greift sich dafür gleich einen ganzen Traditionskonzern. Der Streamingriese verhandelt exklusiv über die Übernahme von Warner Bros Discovery, legt rund 75 Milliarden Dollar auf den Tisch und bietet 30 Dollar je Aktie – deutlich mehr als die aktuell gut 24,50 Dollar, zu denen Warner Bros an der Börse gehandelt wird.
Nach Informationen von Bloomberg laufen vertrauliche Gespräche, ein Ergebnis könnte in den nächsten Tagen verkündet werden. Netflix packt sogar noch eine Art Versicherung obendrauf: Rund fünf Milliarden Dollar Entschädigung sollen fällig werden, falls Aufseher den Deal kassieren. Das ist keine nette Absichtserklärung, sondern eine klare Botschaft: Der Konzern meint es ernst – und klotzt.
75 Milliarden für ein neues Machtzentrum
Mit Warner Bros Discovery würde Netflix nicht nur ein paar schöne Marken einsammeln, sondern das volle Paket: Film- und TV-Studios plus den Streamingdienst HBO Max. Im Katalog stecken einige der bekanntesten Inhalte der letzten Jahrzehnte – von „Harry Potter“ über „Friends“ bis „White Lotus“. Vor dem Verkauf sollen allerdings die klassischen Fernsehsender wie CNN, TBS und TNT abgespalten werden. Der alte Kabelkasten bleibt draußen, die Streaming-Juwelen wandern potenziell zu Netflix.
Gelingt der Deal, entstünde ein Koloss mit rund 450 Millionen Abonnenten weltweit. Das traditionelle TV-Geschäft rutscht dagegen weiter in die Mottenkiste: Die Kabelfernsparte von Warner Bros musste im letzten Quartal einen Umsatzrückgang von 23 Prozent hinnehmen – Abo-Kündigungen und wegbrechende Werbung geben den alten Geschäftsmodellen spürbar den Rest.
Kartellwächter auf Alarmstufe rot
Für Netflix wäre eine Übernahme in dieser Größenordnung Neuland. Der Konzern hat sich vom Lizenznehmer zum Serienfabrikanten hochgearbeitet, im vergangenen Jahr knapp 39 Milliarden Dollar Umsatz erzielt und bringt es an der Börse auf rund 437 Milliarden Dollar. Trotzdem ist die Integration eines hochverschuldeten Medienhauses mit komplexer Struktur eine andere Nummer als der nächste Serienhit.
Politiker und Kartellbehörden schauen entsprechend scharf hin. Der republikanische Abgeordnete Darrell Issa hat die Aufseher bereits schriftlich aufgefordert, einem solchen Deal die rote Karte zu zeigen. Senator Mike Lee äußert ähnliche Bedenken und warnt vor Nachteilen für Verbraucher. Netflix hält dagegen und verweist auf harte Konkurrenz – allen voran YouTube als Videoplattform des Alphabet-Konzerns. Die Frage im Raum: Überwiegt am Ende die Angst vor zu viel Marktmacht oder das Argument, dass der Streamingmarkt längst kein gemütlicher Oligopol-Club mehr ist?
Börse zwischen Fantasie und Bauchweh
An der Wall Street spiegelt sich diese Gemengelage deutlich. Die Netflix-Aktie kostet aktuell rund 103 Dollar und liegt damit gut 20 Prozent unter ihrem Rekordhoch von knapp 134 Dollar, das sie Ende Juni markiert hatte. Seit Jahresbeginn steht trotz dieser Korrektur ein Plus von rund einem Viertel zu Buche, auf Jahressicht sind es gut 20 Prozent Rendite. Nach dem 10-für-1-Aktiensplit im November wirkt der Kurs zwar optisch niedriger, die Bewertung bleibt aber stattlich – und genau hier setzt die Skepsis der Anleger an. Ein teurer Zukauf mit unklaren Synergien passt nicht jedem in das Bild einer schlanken Streamingmaschine.
Ganz anders das Bild bei Warner Bros Discovery: Die Aktie notiert um die 24,50 Dollar und damit nahe ihrem Jahreshoch. Seit Jahresanfang hat sich der Wert mehr als verdoppelt, zeitweise lag das Plus sogar bei über 120 Prozent, auf Zwölfmonatsbasis sind es gut 130 Prozent. Der Titel ist vom Sorgenkind zur Turnaround-Wette geworden – getrieben von Kostenschnitten, Hoffnungen auf profitableres Streaming und jetzt vom Übernahmefieber. Das macht die Fallhöhe groß: Platzt der Deal oder bleibt der Aufpreis hinter den Erwartungen zurück, kann es genauso schnell wieder abwärts gehen.
Bieterkampf mit Paramount und Comcast
Die jetzige Exklusivphase ist das vorläufige Finale eines Bieterrennens, das im Oktober begonnen hat. Warner Bros hatte sich nach mehreren Interessensbekundungen selbst zum Verkauf gestellt – ein deutliches Zeichen dafür, wie groß der Druck zur Konsolidierung im Mediengeschäft inzwischen ist. Neben Netflix legten auch Paramount Skydance und Comcast Angebote auf den Tisch. Paramount soll den Konzern inklusive Kabelfernsehen komplett übernehmen wollen, Comcast zielt vor allem auf Studios und HBO Max.
Dass Warner Bros nun allein mit Netflix weiterverhandelt, sorgt für Ärger. Paramount wirft dem Unternehmen vor, das Netflix-Angebot zu bevorzugen, obwohl die eigenen Pläne aus Sicht des Konkurrenten bessere Chancen bei den Aufsehern hätten. Hier prallen zwei Welten aufeinander: der Maximalpreis mit dicker Absicherung auf der einen Seite, die vermeintlich kartellfreundlichere Lösung auf der anderen. In den kommenden Wochen entscheidet sich, wer am längeren Hebel sitzt – Investoren, die den höchsten Scheck wollen, oder Regulierer, die dem Streamingboom Grenzen setzen.

