Nvidia reiht Rekord an Rekord – und ausgerechnet jetzt stellt Michael Burry die Frage, ob der ganze KI-Zirkus nicht kurz vor dem Kippen steht. Der Mann, der einst die US-Immobilienblase kommen sah, legt sich frontal mit dem wertvollsten Chipkonzern der Welt an. Aus seiner Sicht ist Nvidia nicht nur Profiteur des Booms, sondern Teil eines Systems, das sich selbst hochschaukelt.
Burry nutzt dafür seine Bühne auf X und hält sich nicht zurück. Er zweifelt die tatsächliche Nutzungsdauer von Nvidias Chips an, warnt vor einer schleichenden Verwässerung der Aktie und zeichnet das Bild einer KI-Branche, in der viel Umsatz auf Verflechtungen beruht – und wenig auf echter Endnachfrage. Das ist kein Troll-Kommentar, sondern eine klare Kampfansage an die aktuelle KI-Story.
Burry schießt gegen Nvidia – und gegen den KI-Rausch
Kern seiner Kritik: Nutzung ist nicht gleich gutes Geschäft. „Nur weil etwas genutzt wird, bedeutet das nicht, dass es rentabel ist“, schreibt Burry mit Blick auf Nvidias Grafikprozessoren. Um es greifbar zu machen, zieht er einen Vergleich, den jeder kapiert: Airlines lassen alte Flugzeuge für Stoßzeiten weiterfliegen, obwohl diese auf dem Papier kaum noch etwas wert sind. Genau so sieht er Nvidias A100-Chips – ausgelastet, aber wirtschaftlich fragwürdig.
Dazu kommt ein zweiter Punkt, der Anlegern weh tun könnte: Laut Burry verursachen ältere A100-GPUs im Vergleich zu neueren Modellen deutlich höhere Stromkosten für die Betreiber. Mit anderen Worten: Die Kunden pumpen Energie und Geld in Hardware, die zwar läuft, aber nicht mehr effizient ist. Die Frage, die im Raum steht: Wie lange lassen sich Rechenzentren und Cloud-Anbieter das gefallen, wenn der Stromzähler immer schneller dreht?
Verfilzte KI-Deals: Wer zahlt hier eigentlich die Rechnung?
Burry belässt es nicht bei technischen Details. Er holt weiter aus und knöpft sich das gesamte KI-Ökosystem vor. In Grafiken zeigt er, wie eng Firmen wie Nvidia, Microsoft, OpenAI und andere miteinander verknüpft sind – Beteiligungen, Sonderdeals, gegenseitige Aufträge. Für Außenstehende wirkt das wie ein kompliziertes Spinnennetz. Burry übersetzt es in Klartext: Viele Kunden würden von ihren Händlern oder Partnern finanziert, die reale Endnachfrage sei „lächerlich gering“.
Das erinnert an alte Blasen-Muster: Umsatzkreisläufe, bei denen Geld im Kreis läuft, während alle so tun, als handle es sich um organisches Wachstum. Wenn Burry dann noch ironisch fragt, ob jemand die Wirtschaftsprüfer von OpenAI kenne, zielt er mitten ins Herz der Szene. OpenAI ist für ihn der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Nummer – aber mit wenig Transparenz, was hinter den Kulissen wirklich läuft.
Auch Nvidias Aktienstruktur nimmt er auseinander. Der Vorwurf: Der Konzern lasse sich zu viel über aktienbasierte Vergütung bezahlen, pumpe gleichzeitig Milliarden in Aktienrückkäufe – und trotzdem steige die Zahl der ausstehenden Anteilsscheine. Aus Burrys Sicht wird hier schön gerechnet: Die Aktionäre sehen Rückkäufe, fühlen sich „belohnt“, merken aber nicht, wie stark die Verwässerung im Hintergrund weitergeht.
Nvidia kontert mit Rekorden und der CUDA-Story
Das alles passiert nicht im luftleeren Raum. Nvidia hat gerade erst starke Quartalszahlen gemeldet, die den Markt kurzzeitig beruhigt haben. Das Geschäft mit KI-Chips läuft auf Hochtouren, die Rechenzentren sind voll, der Konzern verdient prächtig. Die Botschaft an der Oberfläche: Der KI-Boom ist intakt, das Geld fließt, Anleger können durchatmen.
Das Management nutzt diese Bühne, um den Blasen-Vorwurf offensiv zurückzuweisen. Finanzchef Colette Kress betont, Nvidias Software-Plattform CUDA verlängere die Nutzungsdauer der Chips „weit über ihre ursprünglich geschätzte Nutzungsdauer hinaus“. A100-GPUs, die seit Jahren im Markt sind, seien dank CUDA noch immer voll ausgelastet. CEO Jensen Huang stellt klar, man sehe keine KI-Blase, sondern einen tiefgreifenden technologischen Umbruch, der gerade erst loslaufe.
Genau hier prallen die Welten aufeinander. Nvidia erzählt die Geschichte eines Systems, das über Jahre tragfähig bleibt und mit Software immer wieder aufgerüstet wird. Burry hält dagegen: Auslastung ist schön, aber wenn die Energie- und Finanzierungskosten davonlaufen, hilft auch die beste Story nichts. Für Anleger wird es ungemütlich, weil beide Seiten plausible Punkte haben – aber komplett unterschiedliche Schlüsse ziehen.
Börsen zwischen Rausch und Katerstimmung
Wie dünn die Luft geworden ist, zeigt der Blick auf die Märkte. Direkt nach den Zahlen sprang die Nvidia-Aktie im nachbörslichen Handel zuerst deutlich an. Klassische Reaktion: starke Zahlen, starke Kursreaktion, Erleichterung. Doch die Party dauerte nicht lange. Schon am nächsten Tag kippte die Stimmung, Tech-Werte gerieten unter Druck, und die Dynamik drehte ins Negative.
Die Nervosität schwappte schnell nach Asien und Europa. Im Dax machte sich die KI-Katerstimmung ebenfalls bemerkbar. Der Leitindex rutschte am Freitag zeitweise unter die Marke von 23.000 Punkten – der tiefste Stand seit Mai. Für einen Markt, der sich lange an Tech und KI hochgezogen hat, ist das ein klares Warnsignal. Wenn selbst ein Vorzeige-Liebling wie Nvidia nach Rekordzahlen abrutscht, ist das kein technischer Ausrutscher, sondern ein Hinweis auf wachsende Zweifel.
Man hat es hier mit einem typischen Spätzyklus-Muster zu tun: Einerseits noch glänzende Zahlen, andererseits Anleger, die plötzlich anfangen, jede Schwachstelle in den Geschäftsmodellen zu suchen. Die Frage, die im Hintergrund mitschwingt: Läuft hier noch ein kontrollierter Boom – oder schon der letzte Akt vor einer schmerzhaften Bereinigung?
LeCun, Meta und die andere Art von Zweifel
Spannend wird es, wenn man Burrys Attacke mit dem vergleicht, was sich auf der Forschungsseite tut. Aktie.com hat das bereits in der Analyse zum Abschied von Yann LeCun bei Meta aufgegriffen. Dort verabschiedet sich ausgerechnet der langjährige Chef-KI-Wissenschaftler von der Bühne – und stellt vorher das Grundmodell in Frage, auf dem Nvidias derzeitiger Höhenflug basiert.
LeCun kritisiert das blinde Vertrauen in immer größere Sprachmodelle. Statt bloß mehr Daten und mehr Rechenleistung in dieselbe Architektur zu kippen, fordert er Systeme, die die Welt wahrnehmen, sich erinnern, logisch schlussfolgern und eigenständig handeln können. Kurz gesagt: Er hält das aktuelle LLM-Modell für einen Irrweg auf dem Weg zur echten allgemeinen KI – und bremst damit genau jene Story aus, die NVIDIA-Anleger derzeit bezahlen.
Stellt man das neben Burrys Attacke, ergibt sich ein unbequemer Doppelpack: Ein Pionier aus der Forschung zweifelt am technischen Weg, ein prominenter Shortseller am wirtschaftlichen Unterbau. Beide kommen von völlig unterschiedlichen Seiten, landen aber beim gleichen Befund: So, wie die Branche sich gerade hochjubelt, kann es kaum ewig weitergehen.
Was das für Anleger heißt
Für Nvidia-Aktionäre ist die Lage damit alles andere als einfach. Kurzfristig spricht viel dafür, dass der Konzern weiter starke Zahlen liefern kann. Die großen Cloud-Anbieter haben Milliarden für KI-Infrastruktur eingeplant, Rechenleistung ist gefragt, die Nachfrage ist da. Wer nur das nächste Quartal im Blick hat, findet genug Gründe, um drinzubleiben oder nachzulegen.
Anleger sollten aber sehr genau hinsehen, wovon dieser Boom tatsächlich lebt. Ein Großteil des Geldes fließt in Infrastruktur, die auf dem Erfolg der heutigen KI-Modelle basiert. Wenn sich in ein paar Jahren herausstellt, dass diese Modelle zwar beeindruckende Demos liefern, aber im Alltag zu teuer, zu ineffizient oder schlicht zu wenig nützlich sind, kommt die Stunde der Ernüchterung – zuerst bei den Nutzern, dann bei den Cloud-Anbietern, am Ende bei den Chiplieferanten.
Einerseits bleibt Nvidia der Platzhirsch in einem Markt, der aktuell die Fantasie dominiert wie kaum ein anderer. Andererseits häufen sich die Signale, dass die Story brüchig werden könnte – von LeCuns Zweifel am LLM-Ansatz bis zu Burrys Generalabrechnung mit der KI-Bilanzierung und den verfilzten Deals. Entscheidend wird sein, ob Nvidia und die Branche in den nächsten Jahren beweisen, dass hinter dem Rausch mehr steckt als heiße Luft und geschicktes Bilanz-Design.
Die kommenden Quartale werden zeigen, welche Seite sich durchsetzt: die Erzählung vom dauerhaften KI-Umbruch – oder die Sicht, dass hier gerade eine Blase aufgeblasen wird, bei der ausgerechnet der Marktführer am weitesten am Abgrund steht.

