
Ich bin gerade über einen ausführlichen Artikel zum Thema Faktor-Investing gestolpert und frage mich ernsthaft, ob das für uns Privatanleger wirklich praktikabel ist oder ob wir uns damit nur unnötig verkomplizieren.
Die Theorie klingt ja erstmal überzeugend: Value, Momentum, Quality und Size als Faktoren, die langfristig eine Outperformance liefern sollen. Akademisch ist das alles gut belegt, keine Frage. Aber wenn ich mir anschaue, was das in der Umsetzung bedeutet, kommen mir schon Zweifel.
Erstens die Kosten: Faktor-ETFs sind in der Regel teurer als klassische Marktkapitalisierungs-ETFs. Bei meinem MSCI World zahle ich 0,2 Prozent TER, während Faktor-ETFs oft bei 0,3 bis 0,5 Prozent liegen. Zweitens die Komplexität: Soll ich jetzt mehrere Faktor-ETFs kombinieren? Wie gewichte ich die? Und dann kommt noch das Rebalancing dazu.
Was mich am meisten beschäftigt ist die Frage der Persistenz. Klar, historisch haben diese Faktoren funktioniert. Aber funktionieren sie auch weiterhin, wenn jeder davon weiß und entsprechend investiert? Gerade beim Momentum-Faktor habe ich da meine Bedenken, weil der ja stark von Marktineffizienzen abhängt.
Meine persönliche Erfahrung ist bisher: Ich fahre mit einem simplen Core-Satellite-Ansatz ganz gut. Der Kern ist mein MSCI World ETF, und für Satelliten setze ich auf Einzelaktien wie SAP oder Allianz, wo ich glaube, die Geschäftsmodelle zu verstehen. Das ist transparent und nachvollziehbar.
Trotzdem reizt mich der Gedanke, systematisch in Quality zu investieren. Gerade im aktuellen Zinsumfeld könnten Unternehmen mit starken Bilanzen und stabilen Cashflows interessant sein. Aber rechtfertigt das einen eigenen ETF oder sollte man das lieber über gezielte Einzelaktien abbilden?
Hat jemand von euch praktische Erfahrungen mit Faktor-Investing? Lohnt sich der Mehraufwand oder ist das am Ende nur akademische Spielerei, die in der Realität keine nennenswerte Mehrrendite bringt?
0 Antworten
Anmelden, um zu antworten.