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9. Dezember 2025

Letzte Fed-Sitzung des Jahres: Warum 30 Minuten Powell mehr Sprengkraft haben als jeder Mega-Deal

FED Federal Reserve Washington
Das Federal Reserve Building in Washington DC. Foto: depositphotos.com / doganmesut@hotmail.com

Anleger rechnen in den USA und Europa fest mit einer Zinssenkung um 25 Basispunkte. Doch der erwartete Schritt droht zum Stresstest für die Notenbanker zu werden und sorgt schon vorab für Nervosität an Wall Street und im DAX.

Die US-Notenbank trifft sich am Dienstag und Mittwoch (9./10. Dezember) zu ihrer letzten Sitzung des Jahres. Den eigentlichen Hammer gibt es am Mittwoch um 20.00 Uhr unserer Zeit, wenn die Fed ihre Zinsentscheidung und das Statement veröffentlicht. Um 20.30 Uhr tritt Jerome Powell vor die Kameras. Genau auf diese halbe Stunde starren die Märkte, denn der Cut gilt als gesetzt, Streit und Ausblick aber nicht.

Fed zwischen Trump, Inflation und Arbeitsmarkt

An den Terminmärkten ist eine Zinssenkung um 25 Basispunkte inzwischen mit knapp 90 Prozent Wahrscheinlichkeit eingepreist. Kurz gesagt: Wer jetzt noch an unveränderte Zinsen glaubt, gehört zur Minderheit. Trotzdem könnte es eine der umstrittensten Fed-Entscheidungen seit Jahrzehnten werden.

Analysten der Deutschen Bank warnen, dass vier oder mehr Abweichler im geldpolitischen Ausschuss FOMC die größte Spaltung seit 1992 markieren würden. Laut dem Brokerhaus Pepperstone droht sogar eine dreigeteilte Abstimmung: Gouverneur Stephen Miran soll einen großen Schritt von 50 Basispunkten bevorzugen, mindestens drei Notenbanker wollen angeblich gar keine Änderung, der Rest dürfte für den Standard-Cut von 25 Basispunkten votieren.

Brisant: Miran gilt als Vertrauter von US-Präsident Donald Trump, der die Fed seit Monaten zu einer sehr großen Zinssenkung drängt. Politischer Druck und interne Gräben sind eine explosive Mischung für eine Notenbank, die eigentlich Vertrauen ausstrahlen soll.

Die Datenlage ist doppelt unbequem: Die Konsumausgaben steigen nur moderat und senden ein Warnsignal für Konjunktur und Arbeitsmarkt. Die Inflation bleibt gleichzeitig hartnäckig und ist noch weit entfernt von erledigt. Powell muss also erklären, wie er Wirtschaft und Jobs stützt, ohne wieder Öl ins Inflationsfeuer zu kippen.

Die Märkte schauen dabei weniger auf den Mittwochsentscheid selbst, sondern auf das, was danach kommt. Aus heutiger Sicht sind drei weitere Zinssenkungen à 25 Basispunkte im Jahr 2026 eingepreist. Ob die Fed das mitträgt oder die Fantasie der Anleger abwürgt, entscheidet über die Richtung für das kommende Jahr.

Wall Street nimmt Risiko raus, Renditen ziehen an

In New York haben die Anleger zum Wochenstart den Rückwärtsgang eingelegt. Der Dow Jones gab 0,5 Prozent nach auf 47.739 Punkte. S&P 500 und Nasdaq rutschten ebenfalls leicht ab und schlossen bei 6846 beziehungsweise 23.545 Zählern.

Die Marktbreite zeigt, wie ungemütlich die Stimmung ist: An der Nyse standen 958 Gewinner satten 1812 Verlierern gegenüber, 59 Werte dümpelten unverändert herum. Parallel dazu kletterte die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen um 3 Basispunkte auf 4,18 Prozent. Das ist kein Crash, aber ein klares Signal: Risiko runter, Sicherheit rauf, kurz vor der Fed.

Der Dollar zog mit den Renditen an. Der Euro wurde zuletzt um 1,1638 bis 1,1644 Dollar gehandelt. Der Goldpreis gab leicht nach. An den Ölmärkten fielen die Preise um etwa zwei Prozent, nachdem sie zum Wochenschluss noch den höchsten Stand seit mehr als zwei Wochen erreicht hatten. Zuvor hatten unter anderem ukrainische Angriffe auf russische Ölanlagen und zähe Verhandlungen über ein Ende des russischen Angriffskriegs die Preise nach oben getrieben.

Zusätzliche Unruhe brachte ein schweres Erdbeben vor der Pazifikküste Japans. Der Dollar legte gegenüber dem Yen auf rund 155,84 Yen zu. Analysten halten es nun für gut möglich, dass die Bank of Japan die für kommende Woche erwartete Zinserhöhung verschiebt. Allein die Aussicht auf höhere japanische Zinsen hatte zuletzt eine Flucht aus Staatsanleihen ausgelöst. Fällt dieser Schreck weg oder wird er nur vertagt, schlägt das direkt auf die globalen Anleihemärkte durch.

DAX über 24.000 – Rallye auf der Wand des Zweifels

Die deutsche Börse zeigt sich derweil stabil, aber alles andere als entspannt. Der DAX behauptete am Montag die am Freitag zurückeroberte 24.000-Punkte-Marke und schloss bei 24.046 Punkten, einem Mini-Plus von 0,07 Prozent. Das Tageshoch lag bei 24.117 Punkten. Von unbeschwertem Jubel kann keine Rede sein, eher von einem skeptischen Weiter so.

Kapitalmarktstratege Jürgen Molnar von RoboMarkets betont, eine Zinssenkung der Fed sei zu 90 Prozent eingepreist, kaum jemand stelle das noch ernsthaft infrage. Entscheidender sei deshalb nicht der Schritt an sich, sondern der Blick auf 2026. Aus Marktlogik heraus sind mehrere weitere Zinssenkungen in den Kursen. Alles andere wäre ein Dämpfer.

Jochen Stanzl von der Consorsbank rechnet ebenfalls nicht mit Überraschungen beim reinen Zinsentscheid. Wichtig sei, dass die Fed den Märkten die Hoffnung auf weitere Lockerungen im kommenden Jahr nicht nimmt. Maximilian Wienke von eToro spricht von einem Balanceakt, also einem sehr schwierigen Spagat. Die Fed jongliert gleichzeitig mit Rezessionsrisiken, hoher Inflation und politischem Druck. Die Positionen innerhalb der Notenbank seien so weit auseinander wie selten zuvor.

Rückblickend hatte die Fed bereits Ende Oktober den Leitzins trotz hartnäckiger Teuerung um einen Viertelprozentpunkt gesenkt, um Schwächesignale vom Arbeitsmarkt abzufangen. Seitdem klettern die Aktienmärkte, aber mit angezogener Handbremse. Stanzl spricht von einer Rallye, die an einer Wand des Zweifels nach oben kriecht. Thomas Altmann von QC Partners sieht es ähnlich: Sobald die Kurse steigen, werden Anleger vorsichtiger. Große neue Wetten will derzeit kaum jemand eingehen.

Exportflaute und Stahlsorgen

Konjunkturseitig rückt in Deutschland jetzt der Außenhandel in den Vordergrund. Die Exportdaten für Oktober dürften zeigen, dass die Luft dünner wird. Ökonomen rechnen mit einem Rückgang der Warenausfuhren um 0,5 Prozent zum Vormonat, nachdem im September noch ein Plus von 1,4 Prozent zu Buche stand. Hauptproblem ist das schwächelnde Geschäft mit den USA und China, den beiden größten Absatzmärkten der deutschen Industrie.

An der Unternehmensfront steht Thyssenkrupp im Rampenlicht. Der Industriekonzern legt die Bilanz für das Geschäftsjahr 2024/25 vor. Anleger interessiert vor allem, ob die Dividende zurückkommt, wie optimistisch der Ausblick ausfällt und wie weit die Gespräche mit Jindal Steel International sind.

Der indische Stahlkonzern hat ein Angebot für Thyssenkrupp Steel Europe vorgelegt, die schwächelnde Stahlsparte der Essener. Nach Jahren voller Restrukturierungsgeschichten und Enttäuschungen könnte hier endlich Bewegung in die Sache kommen oder der nächste Frust folgen.

Richtig Stimmung machte schon am Montag Klöckner und Co. Der Stahlhändler schoss zeitweise um fast 30 Prozent nach oben. Der Grund: Der im SDAX gelistete Konzern bestätigte Übernahmegespräche mit Worthington Steel aus den USA. Die Amerikaner schauen sich derzeit die Bücher an. Nach einer längeren Phase, in der aus der Stahlbranche vor allem schlechte Nachrichten kamen, reicht schon die Aussicht auf einen Deal, um die Fantasie der Anleger anzuwerfen.

Mega-Deal-Poker in Hollywood: Warner, Paramount, Netflix

In den USA sorgt der Mediensektor für Schlagzeilen und für kräftige Kursbewegungen. Warner Bros Discovery legten um 4,4 Prozent zu, nachdem Paramount Skydance ein feindliches Übernahmeangebot über 108,4 Milliarden Dollar abgefeuert hatte. Ziel ist es, den Rivalen Netflix auszubooten, der in der Vorwoche einen 72-Milliarden-Dollar-Deal zur Übernahme großer Teile von Warner angekündigt hatte.

Die Börse liebt solche Pokerrunden: Paramount schossen um mehr als neun Prozent nach oben, Netflix gaben 3,4 Prozent ab. Analyst Adam Sarhan von 50 Park Investments hält einen Bieterwettstreit für realistisch. Bei finanzstarken Konzernen wie Paramount und Netflix könne der Gewinner seinen Wert deutlich steigern, solange er nicht zu viel bezahlt.

Politik spielt auch hier mit. US-Präsident Trump hatte am Wochenende angekündigt, sich in die geplante Netflix-Warner-Fusion einzumischen und sich kritisch geäußert. Ihm werden enge Kontakte zu Paramount-Chef Ellison und dessen Vater nachgesagt, ein Detail, das den Deal noch brisanter macht.

Deals, Chips, Pharma – wo die Kurse explodieren

Neben dem Hollywood-Poker gab es weitere Aufreger in den USA.

Die Aktie des Dateninfrastruktur-Spezialisten Confluent sprang um 29 Prozent nach oben. Kurstreiber war die Nachricht, dass IBM das Unternehmen für rund elf Milliarden Dollar übernehmen will. Die Botschaft an den Markt ist klar: IBM will im Daten- und Cloud-Geschäft nicht nur mitspielen, sondern aufrüsten.

Nvidia legten im regulären Handel um 1,7 Prozent zu. Zunächst stützten Berichte, wonach der Konzern bald wieder KI-Chips nach China liefern darf. Im Nachrichtenfluss wurde es später konkret: Trump erlaubt Nvidia den Export der leistungsstärkeren H200-Chipsysteme der älteren Hopper-Generation nach China. 25 Prozent des Umsatzes aus diesen Geschäften sollen direkt an den US-Staat fließen. Für die aktuelle Chipgeneration Blackwell und das kommende System Rubin gilt die Freigabe ausdrücklich nicht.

Zuvor hatte Nvidia nach mehreren Runden US-Exportbeschränkungen nur noch stark abgespeckte H20-Chips nach China liefern dürfen, bis die Regierung den Verkauf ganz stoppte. Als Washington das Verbot unter der Bedingung lockerte, dass ein Teil der Erlöse beim Staat landet, winkte Peking ab. Die chinesische Regierung soll Unternehmen aufgefordert haben, die deutlich leistungsschwächeren H20-Chips nicht mehr zu kaufen. Mit der H200-Lösung versucht die US-Regierung nun, Sicherheitsbedenken und Geschäftsinteressen unter einen Hut zu bekommen.

Im Sog von Nvidia drehten auch andere Chipwerte ins Plus. AMD stiegen um 1,4 Prozent, Broadcom um 2,8 Prozent.

Tesla rutschten nach einer Herabstufung durch Morgan Stanley um 3,4 Prozent ab. Die Analysten sehen die Einführung von Elektroautos langsamer als erhofft und die Aussichten für die nächsten zwölf Monate als zu sprunghaft. Lucid wurde von dem Haus auf Untergewichten gesetzt, die Aktie verlor 4,9 Prozent.

Marvell Technology sackten nach dem Entzug der Kaufempfehlung durch Benchmark Research um sieben Prozent ab.

Bei Structure Therapeutics explodierte der Kurs um 102 Prozent, nachdem Studiendaten eines Medikamentenkandidaten zur Gewichtsreduktion vorgelegt wurden. Die Ergebnisse sollen mit denen einer experimentellen Pille von Eli Lilly vergleichbar sein, die im kommenden Jahr auf den Markt kommen könnte. Lilly-Aktien gaben im Gegenzug 1,3 Prozent nach.

Kymera Therapeutics sprangen nach positiven Daten eines entzündungshemmenden Wirkstoffkandidaten um 41,5 Prozent hoch.

Indexänderungen sorgten für zusätzliche Bewegung. In den S&P 500 aufsteigen sollen Carvana, CRH und Comfort Systems USA. Carvana gewann 12,1 Prozent, CRH 5,9 Prozent, Comfort Systems USA gaben trotz künftiger Aufnahme leicht 1,2 Prozent ab. Herausfallen werden LKQ, Solstice Advanced Materials und Mohawk Industries, deren Aktien jeweils nachgaben.

Unterm Strich steht damit fest: Die Zinssenkung selbst ist fast ein Ritual, der Streit dahinter nicht. Ob der Dow seinen Rücksetzer ausbaut oder der DAX seine 24.000 Punkte halten kann, hängt in den nächsten Tagen weniger an Deals und Quartalszahlen, sondern an einem Mann am Rednerpult in Washington und an der Frage, ob die Fed für 2026 eine sanfte Landung verspricht oder den Märkten klarmacht, dass der Traum vom billigen Geld schnell wieder vorbei sein kann.