Erst soll KI angeblich kein echtes Geschäftsmodell haben – dann soll sie im nächsten Atemzug ganze Geschäftsmodelle plattmachen. An der Börse wird die KI-Story gerade so widersprüchlich erzählt, dass selbst Profis nur noch hinterherlaufen.
Diese Unsicherheit trifft inzwischen fast alle, die irgendwo im KI-Ökosystem stecken: Anbieter von KI-Modellen, Chiphersteller, Softwarefirmen und Rechenzentrumsbetreiber. Mal heißt es, der Rechenzentrumsausbau auf Kredit sei eine Blase und KI werde überschätzt. Einen Tag später kippt die Erzählung komplett: Dann werden Software-, Biotech- oder Datenanalyse-Firmen heruntergestuft, weil KI ihre Geschäftsmodelle bald obsolet machen soll – also überflüssig. Was am Ende stimmt, lässt sich derzeit schlicht nicht sauber vorhersagen.
„SaaSpocalypse“: Der Schock im Software-Regal
Besonders heftig war zuletzt der Rutsch bei Software-Aktien – ausgelöst nach der Veröffentlichung eines Jura-Plug-ins für das KI-Modell Claude von Anthropic. Der Abverkauf lief auf breiter Front: Thomson Reuters mit seiner Legal Solutions, der Jura-Datenbankanbieter LexisNexis und der Dienstleister Wolters Kluwer verloren zeitweise zweistellig. Weil es nicht bei ein, zwei Namen blieb, machte die Investmentbank Jefferies gleich ein Schlagwort daraus: „SaaSpocalypse“ – eine Art Apokalypse für Software-as-a-Service, also Software, die als Abo-Dienst aus der Cloud kommt.
Wie tief der Schock sitzt, zeigt der iShares Expanded Tech-Software-ETF. Die Software-Branche bewegt sich wieder auf dem Niveau von November 2023. Und der Absturz wirkt dort noch immer nach: Der ETF notiert 30 Prozent unter dem letzten Allzeithoch aus dem vergangenen Oktober. Damit hat die Branche sogar härter kassiert als beim von Donald Trump ausgelösten Zollschock im April.
SaaS ist nicht gleich SaaS – und genau das zählt jetzt
Der breite Ausverkauf hat eine Debatte angeschoben, die für Privatanleger mehr bringt als das übliche Kursrauschen. SaaS wird gern als ein großer Block betrachtet, tatsächlich lassen sich aber zwei grundverschiedene Bereiche auseinanderhalten.
Erstens gibt es Software, die Informationen für Menschen aufbereitet: Dashboards, Content-Management-Systeme oder Projektmanagement-Tools – also Oberflächen, mit denen ein Nutzer arbeitet. Diese Produkte existieren, weil ein Mensch eine visuelle Bedienung braucht, um Aufgaben zu erledigen. Beispiele: Salesforce oder ServiceNow. Zweitens gibt es Dienste, die eher unter der Haube laufen und von Computern genutzt werden: API-Schnittstellen, Datenbanken, Authentifizierungsdienste oder IT-Infrastruktur. Hier sind Unternehmen wie Cloudflare oder MongoDB aktiv.
Wer annimmt, dass der KI-Hype zwar Blasencharakter haben kann, die Technologie aber grundsätzlich funktioniert, bekommt mit dieser Trennung einen entscheidenden Hebel für die Bewertung. Wenn KI-Agenten Menschen bei Tätigkeiten ersetzen, sinkt die Notwendigkeit, Informationen für menschliche Nutzer aufwendig hübsch aufzubereiten – SaaS, das stark auf Menschen als Nutzer zugeschnitten ist, steht dann unter Druck. Umgekehrt könnte es bei technischen Diensten sogar besser laufen: KI-Agenten könnten wegen deutlich mehr Anfragen als ein Mensch die Nutzung hochziehen – und damit die Profitabilität entsprechender Anbieter spürbar steigern.
Wo KI besonders ungemütlich werden könnte
Neben diesen SaaS-Welten gibt es noch eine weitere Gruppe im weiteren Softwaresektor: IT-Dienstleister wie Infosys oder Capgemini, deren Geschäftsmodell stark davon lebt, dass Menschen IT-Leistungen erbringen. Das komplett abzuschreiben, wäre zu grob. Aber je einfacher die Tätigkeit, desto wahrscheinlicher wird, dass KI sie ersetzt.
Auch breit aufgestellte Konzerne wie SAP müssen sich in dieser Logik neu sortieren, weil sie beide beschriebenen SaaS-Arten abdecken. Entscheidend ist dann nicht die Tageslaune des Markts, sondern die Frage, ob wegfallende Umsätze an einer Stelle durch neue Abschlüsse an anderer Stelle ersetzt werden können – davon hängt die Erfolgsprognose ab.
Anleger, die bereit sind, mehr zu tun als einfach nur einen breiten ETF zu kaufen, können im aktuellen Umfeld eine Reihe von Aktien finden, die mit Blick auf das künftige Geschäft unterbewertet wirken.

