Die indische Unternehmerfamilie Jindal drängt nach Duisburg – und ausgerechnet sie soll retten, woran Thyssenkrupp sich seit Jahren die Zähne ausbeißt: die Stahlsparte. Jindal Steel International hat ein unverbindliches Angebot für Thyssenkrupp Steel Europe vorgelegt, inklusive großem Versprechen: zwei Milliarden Euro Investitionen in den Standort. Doch der Preis dafür ist heftig – und das Risiko liegt am Ende eher bei Belegschaft, Steuerzahler und Politik als beim neuen Besitzer.
Letzte Chance mit Beigeschmack
Die Konstruktion ist klar: Ohne Mitgift wird das nichts. Im Raum steht ein negativer Kaufpreis – Thyssenkrupp müsste also Geld drauflegen, damit Jindal überhaupt übernimmt. Kein Wunder: Auf der Stahlsparte lasten rund 2,5 Milliarden Euro an Pensionsverpflichtungen, dazu ein hoher Investitionsbedarf im mittleren dreistelligen Millionenbereich pro Jahr. Das Geschäft ist angeschlagen, aber noch groß genug, um im Abwicklungsfall politischen und sozialen Flurschaden anzurichten.
Offiziell verkaufen die Jindals ihren Einstieg als Wette auf grünen Stahl. Europa sei der Markt, der klimafreundliche Produktion wirklich belohne, heißt es. Gemeint sind CO₂-Preis, der Klimazoll CBAM und Förderprogramme, die Stahl mit weniger Emissionen nach vorne schieben sollen. Die Logik dahinter ist simpel: Wenn CO₂ teuer wird und öffentliche Aufträge grünen Stahl bevorzugen, lässt sich dafür ein Aufschlag durchsetzen. Ob Industriekunden diesen Aufpreis aber dauerhaft zahlen, ist völlig offen.
Große Story, zickige Wirklichkeit
Die Rahmenbedingungen sind rau. Erdgas ist teuer, grüner Wasserstoff in Europa noch Zukunftsmusik. Selbst wenn er kommt, wird er hier teurer sein als in Regionen mit viel Sonne und wenig Regulierung. Dass selbst ArcelorMittal große Dekarbonisierungsprojekte trotz zugesagter Milliardenhilfen wieder einfriert, spricht Bände: Die Excel-Modelle sehen schöner aus als die reale Kostenrechnung im Werk.
An der Börse kommt diese Gemengelage bereits an. Die Aktie von Jindal Steel & Power hat in den vergangenen Jahren kräftig zugelegt, steht heute aber nicht mehr im Dauer-Rally-Modus, sondern in einer reiferen Phase mit spürbaren Schwankungen. Der Markt traut dem Konzern also einiges zu, zahlt aber keinen Blankoscheck. Nach einem starken Mehrjahreslauf ist viel Fantasie eingepreist – große Fehltritte in Europa kann sich Jindal nicht leisten, ohne an der Börse sofort die Quittung zu bekommen.
Clan mit Macht – Projekt mit Sprengkraft
Hinter dem Vorstoß steht eine der mächtigsten Industriellenfamilien Indiens. Gründer O.P. Jindal baute seit den 1950ern aus bescheidenen Anfängen ein Konglomerat aus Stahl, Energie und Bergbau auf. Nach seinem Tod führt Witwe Savitri den Clan, die vier Söhne betreiben ihre eigenen Reiche. Naveen Jindal, Chef von Jindal Steel, inszeniert sich gerne als sportlicher Macher und Pragmatiker. Sein Motto: Die Welt ist knallhart, nur der Fitteste überlebt. Dieses Denken prägt auch die Expansion nach Europa.
Für den Nachwuchs dient das Ganze als Bewährungsprobe. Sohn Venkatesh hat während seines Harvard-Studiums eine Fallstudie zur Wette auf grünen Stahl erarbeitet. Sein Ansatz: Kosten radikal senken, beim Kunden einen Aufschlag für Grünstahl durchsetzen – dann werde die Sache phänomenal. In Duisburg soll dieses Lehrbuchmodell nun in der Praxis bestehen. Genau daran wird man Jindal messen.
Duqm als Billigquelle, Duisburg als Testlabor
Strategisch basteln die Jindals seit Jahren an einer weltweiten Wertschöpfungskette. In Afrika sichern sie sich Minen für Erz und Kohle, im omanischen Duqm entsteht eine neue Direktreduktionsanlage. Dort soll ab 2027 Eisenschwamm produziert werden, zunächst mit Erdgas, später mit günstigem Wasserstoff auf Basis von Solarstrom. Dieses Vorprodukt lässt sich preiswert nach Europa verschiffen und in Hochöfen oder Elektrostahlwerken zu fertigem Stahl verarbeiten.
In Duisburg entsteht parallel – finanziell massiv gestützt von Bund und Land NRW – eine eigene Direktreduktionsanlage, die 2027 starten soll. Die Jindals wollen dieses Projekt übernehmen und mit einem Elektrolichtbogenofen kombinieren. Papierlogik: Oman liefert den Eisenschwamm, Duisburg veredelt zu hochwertigem Grünstahl für den europäischen Markt. Die unangenehme Frage liegt auf der Hand: Warum sollte ein knallhart rechnender Konzern dauerhaft teure Kapazitäten am Rhein betreiben, wenn er den Großteil der Wertschöpfung auch billiger im Oman abwickeln kann und der EU-Markt trotzdem offen bleibt?
IG Metall zwischen Hoffnung und Alarmknopf
Für Thyssenkrupp Steel Europe wirkt der indische Einstieg trotzdem wie die letzte große Chance. Ohne Investor droht ein langsames Auslaufen der Sparte. Vorstand und IG Metall haben deshalb einen harten Sanierungsweg akzeptiert: Rund 11.000 der gut 26.000 Stellen sollen wegfallen, ein Sanierungstarifvertrag steht, über die konkrete Finanzierung wird nach außen geschwiegen.
Parallel versucht die IG Metall, Sicherungsnetze einzuziehen. Über eine Best-Fair-Owner-Vereinbarung will sie Montanmitbestimmung, Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen, keine Standortschließungen und klare Investitionszusagen in einem Paket festschreiben. Hintergrund sind Erfahrungen mit Jindal: Indische Gewerkschafter werten den Konzern als ausgesprochen gewerkschaftsfeindlich. In den Werken gibt es keine klassische gewerkschaftliche Organisation, stattdessen verweist das Management auf betriebsratsähnliche Gremien – ein dehnbarer Begriff.
Blick nach Tschechien, Blick nach Mauritius
Ein Testfall ist der Auftritt der Jindals beim tschechischen Stahlhersteller Vítkovice Steel. Nach der Übernahme wurden 150 Millionen Euro Investitionen in neue Anlagen in Aussicht gestellt, ein Teil davon ist nach Angaben des Unternehmens bereits geflossen. Das Werk schreibt wieder Gewinne, die Kapazität wird ausgeweitet, neue Mitarbeiter werden eingestellt. Gewerkschafter vor Ort bestätigen Fortschritte, betonen aber: Rechtsverbindliche Zusagen über die gesamte Investitionssumme existieren nicht. Man verlässt sich auf Worte, nicht auf einklagbare Verträge.
Zusätzlich wirft die Struktur der Auslandsgeschäfte Fragen auf. Die Expansion wird über Jindal Steel International auf Mauritius abgewickelt. Dort müssen Unternehmen kaum Informationen veröffentlichen, nicht einmal zur Höhe ihres Eigenkapitals. Für Duisburg heißt das: Von außen ist schwer zu erkennen, wie solide das finanzielle Fundament des künftigen Eigentümers wirklich ist. Wenn die Wette auf Grünstahl schiefgeht, droht der unangenehme Klassiker: Gewinne werden privatisiert, Verluste hängen am Ende an Staat und Belegschaft. Genau das macht die Entscheidung für oder gegen Jindal so heikel.

