Die Wall Street sieht in diesem Krieg nicht gut aus – sie sieht nur etwas weniger ramponiert aus als andere Börsen. Genau darin steckt die eigentliche Pointe: Seit Beginn der US-israelischen Angriffe auf Iran Ende Februar hat der S&P 500 rund 4 Prozent verloren. Europas Stoxx 600 sackte im selben Zeitraum um etwa 9 Prozent ab, Japans Nikkei sogar um mehr als 12 Prozent. Das klingt nach Stärke der USA, ist in Wahrheit aber vor allem ein Zeichen dafür, dass es andere gerade noch härter erwischt.
Auffällig ist, wie schnell der Markt daraus wieder die alte Erzählung bastelt: Amerika als sicherer Hafen, der den Rest der Welt locker abhängt. So einfach ist es nicht. Die USA wirken aktuell robuster, weil sie bei einem Energieschock aus dem Nahen Osten schlicht besser gepolstert sind. Die Wirtschaft hängt heute weit weniger am Öl als noch vor Jahrzehnten, das Land ist der größte Ölproduzent der Welt und zudem Nettoexporteur. Anders gesagt: Wenn im Persischen Golf die Nerven blank liegen, trifft das andere Volkswirtschaften oft direkter.
Warum der US-Markt bislang weniger Prügel bekommt
Ein zweiter Punkt ist die Struktur des Marktes selbst. Im S&P 500 haben Technologiewerte ein enormes Gewicht, und genau diese Branche reagiert auf steigende Ölpreise meist weniger empfindlich als klassische Industrie- oder Transporttitel. Der Technologiesektor hat seit Kriegsbeginn weniger als 2 Prozent verloren. Das ist kein Detail, sondern ein echter Stabilisator. Wenn ein Drittel des Index aus Tech besteht, dämpft das die Schläge.
Dazu kommt der Dollar. In unsicheren Zeiten flüchten viele Anleger in die US-Währung, weil sie sie für vergleichsweise sicher halten. Das stützt die amerikanischen Märkte zusätzlich. Seit Beginn der Krise legte der Greenback gegen einen Währungskorb um rund 1,5 Prozent zu. Das ist kein Nebengeräusch, sondern Teil des Mechanismus: Geld zieht in die USA, und das federt die Kursverluste zumindest teilweise ab.
Wer sich das genauer anschaut, merkt aber schnell: Das ist kein Freifahrtschein für US-Aktien. Es ist eher ein Notbehelf in einer unsauberen Lage. Einerseits helfen Energieunabhängigkeit, Tech-Gewicht und Dollarstärke. Andererseits bleibt die Wall Street teuer, und genau das kann noch zum Problem werden. Wenn sich der Krieg hinzieht und der Ölpreis hoch bleibt, droht ein Umfeld, das Anleger gar nicht mögen: hohe Inflation bei gleichzeitig schwächerem Wachstum. Dieses Giftgemisch nennt sich Stagflation – kompliziertes Wort, ziemlich simple Bedeutung: Alles wird teurer, während die Wirtschaft schlappmacht.
Der vermeintliche Vorteil kann schnell kippen
Und genau an diesem Punkt wird es heikel. Teure Märkte verzeihen Unsicherheit schlechter als günstig bewertete. Der S&P 500 wird mit rund dem 21-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt, Europas Stoxx 600 nur mit etwa dem 15-Fachen. Oder anders gesagt: In den USA ist schon viel Hoffnung eingepreist. Wenn die Lage im Nahen Osten eskaliert oder länger festhängt, wird diese Hoffnung schnell zur Sollbruchstelle.
Das ist auch deshalb brisant, weil internationale Aktien vor dem Konflikt eigentlich wieder Rückenwind hatten. Europa galt vielen Investoren wegen niedrigerer Bewertungen und besserer Gewinnperspektiven als attraktiv. Dieser Trend wurde durch den Krieg abrupt gestört. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die aktuelle Outperformance der USA ist keine große Liebeserklärung des Marktes, sondern eher eine Fluchtbewegung weg von den noch verwundbareren Regionen.
Dass die Wall Street am Montag kräftig anzog, nachdem Donald Trump auf produktive Gespräche mit Iran verwiesen hatte, zeigt zudem, wie nervös die Lage wirklich ist. Mehr als ein Prozent Plus bei Dow, S&P 500 und Nasdaq klingt auf den ersten Blick nach Entspannung. Tatsächlich reicht inzwischen schon ein Hauch von Hoffnung, um eine Gegenbewegung auszulösen. Das ist kein Zeichen von Stabilität, sondern von maximaler Schlagzeilen-Empfindlichkeit.
Entscheidend wird nun, ob der Konflikt rasch eingedämmt wird oder sich festfrisst. Im ersten Fall könnten internationale Märkte wieder aufholen, weil ihre Bewertungen günstiger sind und der jüngste Abverkauf dann übertrieben wirken würde. Im zweiten Fall dürften auch US-Aktien ihren relativen Schutzschild schneller verlieren, als vielen Anlegern lieb ist. Für den Moment gilt deshalb: Die USA stehen an der Börse noch etwas fester als andere – aber von wirklicher Sicherheit kann keine Rede sein.

