Fünf Cent für die Kilowattstunde – für Privathaushalte klingt das nach Wunschkonzert, für große Industrieklötze könnte es zur Frage werden, ob der Standort Deutschland noch Zukunft hat oder langsam abbaut. Und genau an diesem Punkt setzt der geplante Industriestrompreis an – mit klaren Gewinnern, vielen Fragezeichen und direkter Wirkung auf etliche Börsenwerte.
Das Wirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) zieht die Schrauben jetzt fester. Ein internes Konzept zeigt, wer sich Hoffnung auf den Rabattstrom machen darf: mindestens 91 Sektoren und Teilsektoren der energieintensiven Industrie, orientiert an der EU-Liste „Kuebll“. Dort stehen die klassischen Stromfresser im globalen Wettbewerb: Chemie, Metall, Gummi- und Kunststoffverarbeiter, Glas- und Keramikhersteller, Zement, Batteriezellen, Halbleiter – plus Teile von Papierindustrie, Maschinenbau und Rohstoffgewinnung. Ab 2027 sollen Unternehmen den Industriestrompreis beantragen können, rückwirkend ab 2026. Der Staat legt rund 3,1 Milliarden Euro über drei Jahre auf den Tisch. Billig wird da nichts, außer eben der Strom.
Wer beim Billigstrom vorne steht
An der Börse ist klar, in welche Ecke zuerst geschaut wird: Chemieriesen, Stahlkonzerne, Kupferhütten, Chipfertiger, Batterieproduzenten. Wer in Deutschland produziert und auf Stromkosten gnadenlos sensibel reagiert, sitzt bei diesem Projekt automatisch in der ersten Reihe. Namen wie BASF, Thyssenkrupp, Aurubis, Infineon oder spezialisierte Batteriewerte drängen sich auf – je nach Geschäftsmodell und Standort mit ganz unterschiedlichem Hebel.
Komplett festgezurrt ist die Liste aber nicht. Verbände sollen weitere Branchen nachmelden können, wenn sie nachweisen, dass auch dort der Mix aus Stromhunger und internationalem Druck passt. Übersetzt: Es wird noch gefeilscht, wer offiziell „stromintensiv genug“ ist, um am Subventionstopf zu nippen. Für Anleger heißt das: Der Kreis der Profiteure kann sich noch verschieben – und mit ihm die Fantasie in manchen Kursen.
So funktioniert der Trick mit den fünf Cent
Der Mechanismus ist simpel – und gleichzeitig ziemlich verkabelt: Der Staat garantiert den ausgewählten Unternehmen einen Industriestrompreis von fünf Cent pro Kilowattstunde, aber nur für einen Teil ihres Verbrauchs. Die EU zieht die Notbremse bei 50 Prozent: Mehr vom Strommix darf gar nicht vergünstigt werden. Ganz geschenkt ist also nichts.
Das Ministerium versucht, aus dieser Bremse einen Turbo zu machen. Die Firmen sollen die anrechenbare Strommenge über die drei Jahre verschieben dürfen: im ersten Jahr deutlich mehr als 50 Prozent, im zweiten etwa 50, im dritten entsprechend weniger. Wer früh investiert und loslegt, bekommt am Anfang den fettesten Rabatt. An der Börse zählt so etwas, weil es harte Umbaujahre abfedern kann.
Abgerechnet wird über einen Vergleichswert, nicht über jede einzelne Stromrechnung. Als Maßstab dienen die Großhandelsstrompreise in der deutsch-luxemburgischen Gebotszone, und zwar Terminmarktkontrakte. Heißt: Wer sich langfristig Strompreise sichert, steht nicht dumm da, wenn der Spotmarkt verrückt spielt. Der Staat federt Preissprünge ab, nimmt aber nicht das komplette Marktrisiko weg. Anleger sollten sich klarmachen: Das ist ein Puffer, kein Schutzschild.
Zwei Fördertöpfe, ein Haken
Der nächste Stolperstein heißt Strompreiskompensation. Diese bestehende Beihilfe gleicht CO₂-Kosten im Strompreis für besonders energieintensive Betriebe aus – und soll auf deutlich mehr Branchen ausgeweitet und über 2030 hinaus verlängert werden. Klingt nach schönem Doppelpack aus alter und neuer Hilfe, hat aber einen Haken: Doppelförderung ist tabu. Wer den Industriestrompreis zieht, kann im gleichen Jahr keine Strompreiskompensation kassieren und umgekehrt.
Immerhin: Einmal pro Jahr soll gewechselt werden dürfen. Unternehmen müssen also rechnen, welches Instrument im jeweiligen Marktumfeld mehr bringt – Rabatt auf den Strompreis oder Rückerstattung bei CO₂-Kosten. Für Investoren wird genau dieser Mix zur spannenden Kennziffer: Wer sich klug positioniert, bekommt Luft. Wer das verbockt, zahlt drauf.
Subvention nur gegen Umbaupflicht
Ganz ohne Gegenleistung gibt es den Stromrabatt nicht. Mindestens 50 Prozent der erhaltenen Mittel müssen in neue oder modernisierte Anlagen gesteckt werden, die das Stromsystem entlasten oder effizienter machen: eigene erneuerbare Erzeugung, Speicher, flexible Anlagensteuerung, Effizienzprojekte, Elektrolyseure, Elektrifizierung von Prozessen. Und das Ganze mit harter Frist: Spätestens 48 Monate nach Förderzusage muss der Kram stehen. Verzögerungs-Spielchen werden teuer.
Obendrauf plant das Ministerium einen „Flexibilitäts-Bonus“: Wenn ein Unternehmen nachweist, dass mindestens 80 Prozent der Investitionen in mehr Flexibilität beim Stromverbrauch fließen – also Lasten verschieben, Spitzen glätten, Überschussstrom nutzen –, gibt es zehn Prozent extra Förderung. Wer seine Werke stromseitig fit für Wind- und Solarwellen macht, kassiert also doppelt.
Unterm Strich läuft es auf einen Deal hinaus: Die Industrie bekommt billigeren Strom, aber nur, wenn sie ernsthaft umbaut. Für die Börse ist das keine Kuschelhilfe, sondern eine Standortwette mit Verfallsdatum. Entscheidend wird, welche Konzerne den Deal offensiv nutzen – und welche bloß darauf hoffen, dass es irgendwie reicht, um den Status quo zu retten. Anleger sollten genau hinschauen, wer aus dem Industriestrompreis eine Story macht – und wer nur auf Durchzug stellt.

