Gilead greift tief in die Tasche – und das ist kein Zufall. Der US-Pharmakonzern legt bis zu 5 Milliarden Dollar für das deutsche Biotech-Unternehmen Tubulis auf den Tisch, um seine Krebs-Pipeline aufzurüsten. Wer hier nur einen weiteren Zukauf sieht, greift zu kurz: Gilead sucht ziemlich offensiv nach neuem Wachstumsstoff.
Der Hintergrund ist klar. In wichtigen Geschäftsfeldern rücken Patentabläufe näher, zugleich schwächeln die Erlöse mit dem einst so wichtigen Covid-Mittel. Genau deshalb kauft Gilead gerade nicht kleckerklein, sondern mit ordentlich Wumms. Im Februar schnappte sich der Konzern bereits den Partner Arcellx für bis zu 7,8 Milliarden Dollar, im vergangenen Monat folgte die Übernahme von Ouro Medicines für mehr als 2 Milliarden Dollar. Tubulis ist also nicht der erste Einkauf – sondern der nächste Baustein in einer ziemlich aggressiven Expansionsserie.
Warum Tubulis für Gilead spannend ist
Mit Tubulis holt sich Gilead vor allem Zugang zu sogenannten ADCs ins Haus, also Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten. Das klingt erstmal sperrig, ist aber im Kern recht simpel: Diese Medikamente funktionieren wie gelenkte Geschosse. Sie sollen die Chemotherapie möglichst gezielt in Krebszellen einschleusen, statt den ganzen Körper breit zu treffen. Genau das macht diese Technologie in der Onkologie gerade so begehrt.
Dass Gilead hier zugreift, kommt also nicht aus heiterem Himmel. Der Konzern will seine Krebsforschung stärken, und Tubulis bringt dafür genau das mit, was derzeit gefragt ist: eine Plattform mit Potenzial und Wirkstoffkandidaten, die im Erfolgsfall sehr wertvoll werden könnten. Der Deal wirkt deshalb strategisch schlüssig, weil Gilead damit seine Onkologie-Pipeline ausbauen und sich zugleich Zugang zu einer ADC-Technologie der nächsten Generation sichern kann.
Noch früh, aber mit Fantasie
Besonders im Fokus steht TUB-040. Der Wirkstoff richtet sich gegen NaPi2b, ein Protein, das auf bestimmten Krebszellen vorkommt, und wird derzeit in einer frühen Entwicklungsphase bei einer Form von Eierstockkrebs sowie bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs untersucht. Früh heißt allerdings auch: spannend, aber alles andere als durch. In dieser Phase steckt viel Fantasie drin – und noch mindestens genauso viel Risiko.
Hinzu kommt TUB-030, ein weiterer experimenteller Kandidat, der bei verschiedenen soliden Tumoren geprüft wird. Tubulis verweist darauf, dass die bisherigen frühen Studiendaten sehr wettbewerbsfähig ausgefallen seien. Entscheidend ist nun, ob diese Programme mit einem finanzstarken Partner schneller vorankommen und irgendwann tatsächlich bei den Patienten landen.
Der Preis ist hoch, aber nicht blind bezahlt
Finanziell ist der Deal klar strukturiert. Gilead zahlt zunächst 3,15 Milliarden Dollar in bar bei Abschluss der Übernahme. Hinzu kommen bis zu 1,85 Milliarden Dollar an Meilensteinzahlungen. Übersetzt: Ein dicker Brocken fließt sofort, der Rest nur dann, wenn die Entwicklung auch wirklich Fortschritte macht. Das ist bei Biotech-Deals dieser Größenordnung ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, wie groß die Chancen eingeschätzt werden – und wie real die Unsicherheit bleibt.
Ganz fremd sind sich beide Seiten ohnehin nicht. Gilead und Tubulis hatten bereits zuvor Lizenzvereinbarungen zur Entwicklung von ADCs geschlossen. Außerdem arbeitet Tubulis auch mit Bristol-Myers Squibb zusammen. Nach dem Abschluss der Übernahme, der im zweiten Quartal erwartet wird, soll Tubulis als ADC-Forschungseinheit innerhalb von Gilead weiterlaufen.
Damit kauft Gilead also nicht bloß ein Labor in Deutschland, sondern eine Technologieplattform, mit der sich im besten Fall neue Krebsmedikamente bauen lassen. Ob daraus am Ende wirklich ein großer Treffer wird, ist offen. Klar ist aber schon jetzt: Gilead setzt darauf, dass im Kampf gegen Krebs künftig genauere und gezieltere Waffen den Unterschied machen.

