Hundert neue Jets auf einen Schlag – das ist kein Routinegeschäft, das ist eine Ansage. Airbus hat sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten einen Auftrag geangelt, der bei der Konkurrenz weh tun dürfte und in Hamburg für ziemlich viel Betrieb in den Hallen sorgen wird. Die staatliche Airline Fly Dubai bestellt 100 Maschinen vom Typ A321neo, wie Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) am Montag bei ihrem Besuch in Abu Dhabi verkündet hat.
Auffällig dabei: Reiche dreht nicht lange Pirouetten, sondern hebt klar die Bedeutung für Deutschland hervor. Ein „Riesenauftrag, insbesondere für das Werk in Hamburg“, sagt sie – und meint damit nicht nur die Endmontage, sondern die ganze Kette aus mittelständischen Zulieferern, die an jedem einzelnen Flieger mitverdienen. Für die Beschäftigten ist das mehr als warme Worte: So ein Paket signalisiert, dass moderne Mittel- und Langstreckenjets weiter gefragt sind – und dass deutsche Standorte im Airbus-System ganz vorne mitspielen.
Doppelter Großauftrag am Golf
Während Airbus den Fly-Dubai-Deal eintütet, darf auch Boeing an der Golfkasse klingeln. Emirates, der Langstrecken-Riese aus Dubai, ordert 65 Exemplare der kommenden Boeing 777-9. Für einen Konzern, der sich nach mehreren Sicherheitsproblemen und Pannen jahrelang von einem Krisenmodus in den nächsten schleppte, ist das ein dringend nötiger Vertrauensbeweis. Bei den Auslieferungszahlen robbt sich Boeing langsam wieder an Airbus heran – der Zweikampf um die großen Vögel auf der Fernstrecke ist damit alles andere als entschieden.
Der Schauplatz ist nicht zufällig der Mittlere Osten. Laut einer Studie der Strategieberatung Oliver Wyman soll der kommerzielle Flugzeugbestand in der Region bis 2035 jedes Jahr im Schnitt um 5,1 Prozent wachsen. Übersetzt heißt das: Die Airlines am Golf müssen ihre Flotten kräftig aufpumpen, um den Verkehr überhaupt stemmen zu können. Die Emirate sind längst ein globales Drehkreuz, vor allem für Verbindungen von und nach Asien und Australien. Ein erheblicher Teil der Passagiere sieht von dem Land nur den Flughafen – aber jeder dieser Umsteiger sorgt für zusätzliche Frequenz. Wer die zukünftigen Wachstumszentren der Luftfahrt sucht, landet zwangsläufig in dieser Region.
Industriepolitik im Wüstensand
Reiches Reise nach Abu Dhabi ist damit alles Mögliche, aber sicher kein Höflichkeitsbesuch zum Händeschütteln. Seit Sonntagabend ist sie mit einer Delegation deutscher Unternehmen im Land unterwegs, spricht von den Emiraten als „verlässlichem und starken Partner“, der Deutschland schätze. Auf der Gesprächsliste stehen Schwergewichte wie Sultan Al Jaber, Industrieminister und Chef des staatlichen Ölkonzerns Adnoc, sowie Außenminister Abdullah bin Zayid Al Nahyan. Auf dem Tisch: direkte Investitionen, Energiepartnerschaften – und ausdrücklich auch militärische Kooperation. Hier geht es um harte Interessen, nicht um Symbolpolitik.
Rund 1800 deutsche Unternehmen sind nach Reiches Angaben bereits in den Emiraten aktiv, Tendenz steigend. Die Rahmenbedingungen gelten als investorenfreundlich, Genehmigungen dauern dort meist nicht so lange wie in Berlin oder Brüssel. Gleichzeitig spart Reiche nicht mit einem Seitenhieb in die eigene Richtung: Deutschland müsse sich reformieren, um noch mehr Kapital aus den VAR anzuziehen. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Wenn Deutschland nicht schneller und berechenbarer wird, holen sich andere die großen Deals.
Adnoc und Covestro als Belastungstest
Wie ernst es die Emirate mit ihrem Engagement in Deutschland meinen, zeigt ein zweites Großprojekt, das parallel in die entscheidende Phase geht. Der Staatskonzern Adnoc will den deutschen Chemiespezialisten Covestro übernehmen – die bislang größte Einzelinvestition der Emirate in der Bundesrepublik. Die Europäische Kommission hat den Deal bereits am Freitag durchgewunken, die wettbewerbsrechtlichen Hürden in Brüssel sind damit aus dem Weg geräumt.
Reiche stellt klar, dass die Bundesregierung ihrerseits „alle nötigen Entscheidungen“ getroffen habe. Jetzt liegt der Ball bei den Verantwortlichen im Unternehmen, deren Unterschrift sie in den nächsten Tagen erwartet. Die eigentliche Frage dahinter ist größer als ein einzelner Auftrags- oder Übernahmedeal: Entwickelt sich hier eine dauerhafte wirtschaftliche Achse zwischen Deutschland und den Emiraten – mit Aufträgen für Airbus, Milliarden für Covestro und weiteren Projekten im Energiesektor? Oder bleibt es am Ende bei ein paar spektakulären Meldungen, während andere Länder langfristig die besseren Karten ziehen? Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der aktuelle Schwung trägt oder doch nur ein kurzer Schub war.

