Fernride stand im Herbst schon halb mit einem Bein im Aus – jetzt greift ausgerechnet ein Rüstungsstar zu. Quantum Systems, Deutschlands führender Drohnenbauer, übernimmt das zuletzt strauchelnde Mobility-Start-up und will damit ein neues Feld besetzen: autonome Militärlogistik.
Für Fernride klingt das wie der Befreiungsschlag, den man nach einer Bruchlandung braucht. Fernride-Chef und Gründer Hendrik Kramer nennt Quantum Systems das perfekte Zuhause. Auch bei Quantum wird nicht lange herumgedruckst: Vertriebschef Martin Karkour hält die Technik für stark und den Zukauf für stimmig.
Das Timing ist kein Zufall. Fernride hatte im September angekündigt, sein Geschäft mit ferngesteuerten Lastwagen und Zugmaschinen für Häfen einzustellen. Ende vom Lied: Rund die Hälfte der Mitarbeiter musste gehen. Übrig blieb das, was jetzt plötzlich gefragt ist – Militärlogistik, am besten so automatisiert, dass nicht mehr für jeden Lkw ein Fahrer gebraucht wird.
Fernride: raus aus dem Hafen, rein ins Militär
Fernride konzentriert sich inzwischen nur noch auf autonome Militärlogistik. Autonom klingt nach Science-Fiction, meint hier aber etwas ziemlich Handfestes: Fahrzeuge sollen Aufgaben erledigen, ohne dass ständig ein Mensch am Steuer sitzt. Das gilt als Zukunftsgeschäft – nicht nur für Fernride. Auch Rheinmetall ist in dem Bereich aktiv, und zwar weiter zweigleisig: militärisch und zivil.
Zum Kaufpreis sagen beide Firmen nichts. Leute, die mit den Gesprächen vertraut sind, gehen davon aus, dass Quantum Systems einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag zahlt. Für Fernride wäre das eine deutliche Abwertung.
Denn Fernride war bei der jüngsten Finanzierungsrunde im September noch mit 145 Millionen Dollar bewertet. Damals kamen insgesamt 18 Millionen Euro rein – vom neuen Investor Helantic, von Bestands- und Angel-Investoren und auch von Thomas Müller, dem früheren Chef des Rüstungsunternehmens Hensoldt.
Kramer weicht der Frage nach der Abwertung aus, lässt aber durchblicken: Quantum war nicht der einzige Interessent. Es habe weitere Angebote gegeben – nur passe Quantum am besten.
Quantum Systems kauft Fähigkeiten ein
Quantum Systems holt sich mit Fernride Fähigkeiten ins Haus, die das eigene Portfolio breiter machen sollen. Der Konzern wächst ohnehin wie Unkraut: Drohnen für Luft, Land und See sind das Kerngeschäft, dazu kommt Mosaic UXS – eine KI-Software, die als eine Art Gehirn dienen soll, also Daten aus verschiedenen Systemen zusammenführt und für Gefechtsfeldmanagement und Fahrzeugtechnik genutzt werden kann.
In diesem Jahr ist Quantum Systems zum Einhorn aufgestiegen – also zu einem Start-up, das mit mindestens einer Milliarde Dollar bewertet wird. Danach hat das Unternehmen die Bewertung sogar noch verdreifacht. Gleichzeitig kamen weitere Aufträge der Bundeswehr dazu, unter anderem für die Lieferung von etwa 750 Aufklärungsdrohnen.
Die Übernahme von Fernride ist außerdem schon der zweite Zukauf innerhalb kurzer Zeit. Erst kürzlich hatte Quantum Systems die Thüringer Softwarefirma Spleenlab gekauft – für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.
In der Branche gilt Quantum Systems neben dem Münchner Konkurrenten Helsing als Paradebeispiel sogenannter Neo-Primes. Das ist kein Sci-Fi-Begriff, sondern ein Machtanspruch: Firmen, die den großen Platzhirschen wie Rheinmetall irgendwann die Rolle als Hauptauftragnehmer für milliardenschwere Rüstungsprojekte streitig machen wollen. Karkour nennt Neo-Prime einen Ausdruck von Selbstbewusstsein und Qualität – und sagt auch: Wer so auftritt, muss liefern.
Erste gemeinsame Produkte: 2026 soll es knallen
Viel Zeit wollen sich Quantum und Fernride nicht lassen. Karkour kündigt an, dass im ersten Halbjahr die ersten gemeinsamen Produkte auf den Markt kommen sollen – gemeint ist das erste Halbjahr 2026. Erste Projekte seien bereits in der Anbahnung, zudem liefen Gespräche mit zwei Streitkräften.
Kramer wirkt erleichtert, als wäre der schwerste Brocken erst mal vom Tisch. Vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs soll die logistische Leistungsfähigkeit der Bundeswehr deutlich ausgebaut werden. Kramer sagt, sie solle von derzeit 6000 auf 60.000 Lkw aufgestockt werden. Nur: Wer soll die fahren? Die einzige Möglichkeit, das umzusetzen, liege in der Autonomie.
Hier kommt Fernrides Technik ins Spiel. Die Fahrzeuge lassen sich aus großer Entfernung starten, lenken und stoppen. Ein Fahrer kann so mehrere Maschinen gleichzeitig steuern. Teleoperiert nennt man das – im Klartext: Einer sitzt irgendwo sicher und kontrolliert die Kisten per Technik, statt selbst im Fahrerhaus zu hocken.
Kramer blickt dabei auch selbstkritisch zurück: Vielleicht sei es nicht immer möglich, alles allein zu stemmen. Man müsse realistisch sein, in welcher Struktur man Dinge beschleunigen kann.
Konkurrenz: Rheinmetall sitzt schon am Hebel
Fernride will vor allem vom Vertriebsnetzwerk von Quantum profitieren. Aber der Markt ist kein Ponyhof. Nicht nur das KI-Robotik-Start-up Arx Robotics arbeitet in dem Bereich, auch Rheinmetall ist längst dabei.
Seit 2020 arbeitet das Rheinmetall Technology Center an teleoperierten Systemen. Und Rheinmetall spielt einen Vorteil aus, den Start-ups nicht haben: Der Konzern liefert der Bundeswehr ohnehin große Stückzahlen an Militär-Lkw.
Im vergangenen Jahr unterschrieb die Bundesregierung einen Rahmenvertrag für die Lieferung von rund 6500 HX-Lkw.
Rheinmetall arbeitet außerdem an sogenannten Retro-Kits. Das sind Nachrüstpakete – Technik zum Einbauen, damit vorhandene Lkw teleoperiert fahren können. Technologiechef Klaus Kappen sagt, man plane, diese Kits bis 2028 serienreif für Kunden im militärischen Bereich anbieten zu können.
Dass sich Kunden oft eher für teleoperiertes Fahren als für vollautomatisierte Systeme interessieren, erklärt Mira-Chef Win Neidlinger so: Teleoperiert sei bei der Sensorik günstiger, weil keine Radare, Lidare oder superintelligente Kameras nötig seien. Häufig reichten hochauflösende Kameras und Ultraschallsensoren.
Die Bundeswehr beobachtet die Entwicklung sehr genau. Das Interesse sei da, weil ferngelenkte Fahrzeuge den Bedarf an Fahrern senken könnten.
Am Ende läuft alles auf eine einfache Frage hinaus: Wer kriegt diese Technik zuerst robust in den Alltag – nicht im Labor, nicht auf PowerPoint, sondern unter echten Bedingungen? Für Quantum Systems ist die Fernride-Übernahme ein schneller Griff nach zusätzlichem Know-how. Für Fernride ist es die Chance, aus der Krise rauszukommen. Und für die Konkurrenz ist es ein weiterer Hinweis: Der Kampf um die Militärlogistik wird gerade nicht vorbereitet – er läuft schon.

