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18. Dezember 2025

Europa 2026: Diese Börsen-Chance sehen viele – aber kaum einer handelt richtig

Wirtschaftstheorie

Europa war 2025 an der Börse erst Überflieger – und wirkte ein paar Monate später plötzlich wieder wie der ewige Problemfall. Genau dieser Zickzack macht den Ausblick auf 2026 so interessant: Chancen gibt es, aber nur für Anleger, die nicht mit der Schrotflinte streuen.

Für Europas Börsen war 2025 ein zweigeteiltes Jahr. Im ersten Halbjahr liefen europäische Aktien den US-Werten davon. Das lag weniger an eigener Brillanz als am Zoll-Zirkus von US-Präsident Donald Trump, der im Frühjahr vor allem die US-Börsen drückte. In der zweiten Jahreshälfte kippte die Stimmung: Die Europa-Euphorie wich Sorgen – etwa wegen politischer Risiken im Kernland Frankreich – und der ernüchternden Einsicht, dass Europa bei Künstlicher Intelligenz (kurz: KI, also Software, die Aufgaben „mitdenkend“ erledigt) deutlich weniger zu bieten hat als die USA. Unter dem Strich liegen US- und Europaaktien seit Jahresbeginn ungefähr gleichauf.

Passend dazu: Die WirtschaftsWoche wird 100 Jahre alt. Zum digitalen Neujahrsempfang am 8. Januar 2026 um 17:00 Uhr per Zoom sollen die Themen im Mittelpunkt stehen, die Politik, Wirtschaft und Technologie 2026 prägen.

Trotz der Wackler: Auch 2026 haben Europas Aktienmärkte laut Einschätzung noch Luft nach oben. Das kommende Börsenjahr dürfte damit kein schlechtes werden – zumindest aufs große Bild gesehen.

Rückenwind: Handel, Staat, Zinsen

Ein paar Lichtblicke sind handfest. Die Handelsbeziehungen mit den USA haben sich zuletzt stabilisiert. Außerdem dürften europaweit höhere Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur die Konjunktur stützen. Im EU-Durchschnitt wird für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent erwartet, so die Schätzungen der EU-Kommission.

Während Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien eher moderat wachsen dürften, kommen die stärkeren Impulse laut Text weiter aus der europäischen Peripherie. Spanien, Portugal und Griechenland profitieren demnach von robustem Konsum und vergleichsweise überschaubaren Schuldenständen. Niedrigere Zinsen helfen Kreditvergabe und Konsum – jedenfalls erst einmal.

Ulrich Urbahn, Anlagestratege bei der Privatbank Berenberg, schaut insgesamt optimistisch auf Europas Entwicklung im kommenden Jahr. Das Handelsabkommen zwischen den USA und der EU habe das Schlimmste verhindert, doch höhere Zölle dürften die Eurozone trotzdem bremsen. „Das umfangreiche deutsche Fiskalpaket“ gleiche den negativen Effekt für Deutschland und teilweise auch für die Eurozone aus, sagt Urbahn. Dazu kämen die geldpolitische Lockerung der EZB und ein stabiler Arbeitsmarkt. Nach einer aktuell schwächeren Phase dürfte die Eurozone ab dem Jahreswechsel wieder an Dynamik gewinnen, so seine Prognose.

Gewinner gesucht: Banken, Nebenwerte, Infrastruktur

Ausgerechnet Banken könnten von den geplanten Großinvestitionen profitieren. Urbahn verweist auf Infrastrukturprojekte, flankiert von EU-Förderprogrammen: Das eröffne europäischen Banken Wachstumspotenzial. Sie könnten von günstigen Finanzierungskonditionen, steigender Kreditnachfrage im Infrastrukturgeschäft sowie von Asset Management und Versicherung profitieren. Zudem dürften sich die Zinsmargen stabilisieren. Bei moderatem Kreditwachstum könnten Banken wieder mehr am klassischen Kreditgeschäft verdienen – kurz: Das Umfeld wäre weniger Gift, mehr Dünger für die Profitabilität.

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, klingt verhalten optimistisch: Er erwartet 2026 keine großen Verwerfungen, auch wenn Überraschungen möglich bleiben. Europa dürfte „ganz ordentliche Wachstumszahlen“ liefern, getragen vor allem von Deutschland und Spanien. Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung könnten zudem das Potenzialwachstum erhöhen.

Ein weiterer Punkt, der Anlegern ins Auge springt: Europas Aktien sind attraktiv bewertet. Viele Titel notieren mit deutlichem Abschlag zu US-Aktien, obwohl sich die wirtschaftlichen Perspektiven stabilisieren.

Risiken: Frankreich, Trump, Zinsen

Allzu viel Selbstzufriedenheit wäre trotzdem fehl am Platz. Frankreichs Schuldenproblem und die politischen Spannungen sind weiter ungelöst. Eine neue Eskalation zwischen der Trump-Regierung und der EU ist nicht ausgeschlossen. Außerdem bleibt das Risiko, dass die Konjunktur trotz Impulsen nicht nachhaltig anspringt. Und geldpolitisch hatten die Signale im Euroraum zuletzt eher auf Zinserhöhungen als auf weitere Senkungen gedeutet.

Für zusätzliche Skepsis sorgt Jamie Dimon, Chef der US-Großbank JP Morgan. Er kritisierte langsame Bürokratie und warnte beim „Reagan National Defense Forum“, ein schwaches Europa sei ein erhebliches Risiko für die USA. Europa leiste viel bei sozialen Sicherungssystemen, habe aber Unternehmen, Investitionen und Innovationen vertrieben, lautet seine Linie. Er weist zudem seit Jahren auf die Gefahr politischer und wirtschaftlicher Zersplitterung hin und schrieb zuletzt in seinem Aktionärsbrief, Europa habe ernsthafte Probleme zu lösen.

Solche Warnungen sind nicht neu – sie zielen auf strukturelle Schwächen wie langsame Entscheidungsprozesse, hohe Regulierung und einen fragmentierten Kapitalmarkt, der Wachstum und Innovationskraft ausbremst. Nur: Das pauschale „Europa ist schwach“ trifft eben nicht jeden gleich.

Selektiv statt „Europa kaufen“

Europa ist an der Börse weniger ein einheitlicher Block als ein Mosaik aus Chancen und Risiken. Deshalb wirkt es wenig klug, einfach breit in europäische Aktien zu gehen. Sinnvoller ist es, gezielt Branchen und Segmente zu wählen, die von den positiven Trends profitieren.

Als Beimischung nennt der Text europäische Nebenwerte: Small Caps sind günstig bewertet und hängen den großen Titeln seit Jahren hinterher. Wenn die Konjunktur anspringt, könnten sie aufholen. Der iShares MSCI EMU Small Cap ETF (IE00B3VWMM18) setzt darauf, enthält unter anderem Konecranes und die Bawag Group und hat seit Jahresbeginn mehr als 20 Prozent zugelegt. Kleinere Firmen profitieren besonders vom gesunkenen Zinsniveau, weil sie oft stärker auf Kredite angewiesen sind. Zwar könnten die Zinsen 2026 wieder steigen, doch höhere Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung wirken stabilisierend. Small Caps sind zudem häufiger stärker auf den Heimatmarkt fokussiert – das kann bei geopolitischem Stress ein Vorteil sein. Aber: In echten Stressphasen werden Nebenwerte meist zuerst verprügelt. Maß halten bleibt Pflicht.

Wer direkt auf den staatlichen Investitionsschub setzen will, kann laut Text Infrastruktur-Themen-ETFs nutzen. Der Global X European Infrastructure Development ETF (IE000PS0J481) bündelt europäische Infrastrukturwerte – darunter Ferrovial, Thales und Skanska. Seit Jahresbeginn liegt er fast 27 Prozent im Plus. Milliarden sollen in den kommenden Jahren in Projekte fließen; staatliche Aufträge könnten Umsätze und Gewinne weiter anschieben.

Entscheidend ist nur: Um an die Gewinne dieses Jahres anzuknüpfen, müssen Investitionen und Wachstum wirklich liefern. Darauf zu hoffen, dass wieder Kapital wegen Trumps Politikstil aus den USA nach Europa flüchtet, dürfte als Dauerstrategie zu dünn sein.