Helme wirken wie Kleinkram – bis plötzlich ein Auftrag in der Größenordnung eines mittleren dreistelligen Millionenbetrags auf dem Tisch liegt. Genau so ein Brocken steht der Bundeswehr jetzt ins Haus: Der kanadische Ausrüster Galvion will einen Großauftrag an Land ziehen und Deutschland zum wichtigsten Markt der Firma machen.
Dabei geht es um mehr als 300.000 Gefechtshelme, die über mehrere Jahre verteilt geliefert werden sollen. Ein Teil der Lieferung könnte in die Schweiz gehen – bei großen Beschaffungen ist es nicht ungewöhnlich, dass Partnerländer mitbestellen.
Der Clou: Galvion kennt die Truppe schon. Seit 2020 hat das Unternehmen 313.000 Helme an die Bundeswehr geliefert – damals zusammen mit Rheinmetall. Diese Kooperation läuft jetzt aus. Und damit ist die Frage offen: Wer liefert künftig den Standard-Helm für Soldaten?
Kampf um den Zuschlag
Galvion-Gründer Jonathan Blanshay gibt sich betont selbstsicher: Wenn Soldaten die Helme ausprobierten, habe man noch nie eine Ausschreibung verloren, sagt er. Ausschreibung heißt hier: Der Staat schreibt den Bedarf aus, Firmen bieten an, am Ende fällt die Entscheidung – und die ist meist ein Mix aus Preis, Leistung, Lieferfähigkeit und politischem Bauchgefühl.
Wer außer Galvion noch mitbietet, ist unklar. Rheinmetall war zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Als einer der größeren Konkurrenten gilt der britische Rüstungskonzern NP Aerospace.
Kanada liefert fast nur an Nato-Länder
Galvion sitzt in Montreal und baut nicht nur Helme, sondern auch Kommunikationslösungen. Verkauft wird nach Darstellung des Firmengründers fast ausschließlich an Nato-Staaten. Genannt werden unter anderem Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen, die Niederlande, Großbritannien, Kanada, das US Marine Corps und Israel.
Das ist eine Ansage: Wer in so vielen Streitkräften steckt, kann bei einem neuen Auftrag nicht nur liefern, sondern auch Standards setzen. Und genau darauf scheint Galvion zu zielen.
„Modernste Fabrik“ – aber nur, wenn Deutschland ja sagt
Blanshay packt noch einen zweiten Köder obendrauf: Gewinnt Galvion in Deutschland, will die Firma eine Produktionsstätte in Deutschland errichten. Es solle nicht bei Wartung und Ersatzteilen bleiben. In Deutschland würde die modernste Galvion-Fabrik entstehen.
Gespräche mit Banken und der bundeseigenen Wirtschaftsförderung Germany Trade & Invest seien bereits angelaufen. Weltweit betreibt Galvion sechs Produktionsstätten; in der Nähe liegt ein Werk im polnischen Danzig. Und wer glaubt, so eine Rüstungsproduktion sei mal eben hochgezogen, irrt: Neue Kapazitäten aufzubauen kann in der Branche Jahre dauern.
Warum der Markt gerade auf Empfang steht
Galvion will nicht zufällig jetzt groß rein. Die Bundeswehr steckt mitten in einer Ausrüstungsinitiative, und die politische Großwetterlage drückt aufs Tempo: In der Nato gelten Ziele, die auf höhere Verteidigungsausgaben und größere Truppen hinauslaufen. Genannt wird ein Pfad, nach dem die Bundeswehr bis 2035 auf mindestens 450.000 anwachsen soll – von aktuell rund 184.000 aktiven Soldaten und knapp 100.000 Reservisten.
Auch finanziell ist der Druck weg vom Kessel: Verteidigungsausgaben für die kommenden Jahre sind von der Schuldenbremse ausgenommen. Und es geht nicht nur um Hightech-Großgerät, sondern um Masse – also um das Zeug, das jeder Soldat am Mann trägt.
Der Haushaltsausschuss des Bundestags soll noch in dieser Woche Militärausgaben von etwa 52 Milliarden Euro billigen. Der größte Posten seien Bekleidung und persönliche Ausrüstung mit mehr als 20 Milliarden Euro. Wer da als Lieferant drin ist, hat nicht nur Umsatz – er hat einen Platz am langen Tisch.
Für Galvion wäre das der große Sprung
Sollte Galvion den Zuschlag bekommen, könnte Deutschland für die 2002 gegründete Firma zum wichtigsten Markt werden. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen mit etwa 480 Mitarbeitern rund 160 Millionen Euro um. Seit der Gründung hat Galvion nach eigenen Angaben mehr als zwei Millionen Helme produziert und ausgeliefert.
Das klingt nach Mittelständler mit Spezialwissen – aber mit genug Volumen, um einen Dauerauftrag dieser Größe zu stemmen.
Der Streitpunkt: Helm von heute oder von gestern?
Bei Gefechtshelmen geht es längst nicht mehr nur darum, ob sie einen Schuss abhalten. Moderne Helme müssen auch Nachtsichttechnik und Kommunikation mitdenken – vereinfacht gesagt: Der Helm wird zur Plattform, an die alles Mögliche drangeclipst wird.
Der Firmengründer macht das am Preis fest: Früher habe die US-Armee etwa 250 Dollar pro Helm bezahlt, inzwischen seien es mehr als 1200 Dollar. Viele Nato-Staaten wollten ihre Helme entweder mit neuen Komponenten aufrüsten oder gleich die modernsten Modelle kaufen.
Und hier wird es unangenehm für die deutsche Ausschreibung. Aus dem Kreis der Eingeweihten heißt es: Die Anforderungen der Bundeswehr seien niedriger als in den meisten anderen Staaten, die leichtere und modernere Helme forderten. Eine Person formuliert es besonders spitz: Das wirke eher wie ein Helm aus der Vergangenheit, nicht aus der Zukunft.
Risiko für die Zusammenarbeit im Bündnis
Konkret geht es um die Frage, wie gut sich die ausgeschriebenen Helme weiterentwickeln lassen. Die Helme – mit und ohne Kinnschutz – seien demnach kaum aufrüstfähig und möglicherweise auch nicht integrierbar mit den Helmen anderer Nato-Länder.
Übersetzt: Wenn man heute einkauft, was morgen technisch nicht mehr andockt, zahlt man später doppelt – oder man steht im Einsatz neben Partnern, deren Ausrüstung besser zusammenspielt als die eigene. Gerade bei multinationalen Kampfeinheiten, wie es sie etwa an der Nato-Ostflanke gibt, kann so etwas schnell mehr sein als ein Komfortproblem.
Ob die Bundeswehr am Ende pragmatisch auf Masse setzt oder doch stärker auf Zukunftsfähigkeit pocht, wird man am Zuschlag ablesen. Klar ist nur: Bei diesem Auftrag geht es nicht bloß um Helme – es geht darum, welchen technischen Takt Deutschland im Bündnis mitgehen will.

