Ein US-Militärschlag in Venezuela – und schon gehen an der Wall Street die Wetten auf die nächsten Öl-Gewinner auf. Der Kurszettel reagiert schneller als jede Pipeline repariert ist.
Hinweis: Der Text basiert auf dem WirtschaftsWoche-Newsletter „BörsenTag“ (Abo-Hinweis im Original).
Zum Wochenstart schob das Eingreifen der USA die Kurse möglicher Profiteure an. Vorneweg: Chevron. Der US-Ölkonzern macht derzeit noch Geschäfte in Venezuela – und legte am Montag um gut sechs Prozent zu, am Dienstag kamen weitere Gewinne obendrauf. Deutlich weniger im Scheinwerferlicht stehen dagegen die Ölausrüster Halliburton und Baker Hughes. Dabei liefern genau diese Firmen den Ölmultis die Technik, ohne die in so einem Land gar nichts läuft. Und: Bei der Bewertung handeln viele Ausrüster mit spürbarem Abschlag zum breiten US-Index S&P 500.
Der Treibstoff hinter der Rally ist simpel: Venezuelas verstaatlichte Ölindustrie hängt an veralteter Infrastruktur. Experten schätzen, dass mindestens 100 Milliarden Dollar nötig wären, um den maroden Maschinenpark wieder auf Stand zu bringen. Sollten die USA nach dem Sturz des Diktators Nicolás Maduro die Kontrolle über Venezuelas Ölbranche bekommen, dürften vor allem US-Ausrüster das große Stück vom Kuchen abkriegen.
Venezuela besitzt zwar die weltweit größten Ölreserven – klingt nach Jackpot. Nur: Reserven sind noch kein Cashflow. Damit das Zeug aus dem Boden und zum Kunden kommt, braucht es moderne Fördertechnik, Logistik und eine Menge Ersatzteile. Gleichzeitig gilt: Bei Ölausrüstern hängt der Kurs nicht nur an Venezuela, sondern am Gesamtzustand der Ölbranche. Wenn der Ölmarkt schwächelt, kann die Venezuela-Euphorie schnell als Strohfeuer enden. Mehr Öl auf dem Weltmarkt würde tendenziell den Preis drücken – allerdings lässt sich die Förderung nicht über Nacht hochfahren. In dieser Zwischenzeit könnten Ausrüster trotzdem ordentlich verdienen.
Warum Ausrüster anders ticken als Ölkonzerne
Wer das Potenzial einschätzen will, muss das Geschäftsmodell verstehen. Ölausrüster leben davon, dass Förderer neue Quellen erschließen oder alte Anlagen modernisieren müssen. Sie verdienen am Bohren und Bauen, nicht am Ölpreis direkt.
Wie viel Geld die Ölmultis dafür locker machen, hängt stark von ihren Ölpreis-Erwartungen ab. Rechnen sie mit steigenden Preisen, greifen sie eher zu – bei fallenden Preisen wird gern auf die Bremse getreten. Genau deshalb sollte man neben dem Venezuela-Boom immer den Ölmarkt mitdenken. In den vergangenen zwölf Monaten ist der Ölpreis von rund 80 Dollar auf zuletzt knapp über 60 Dollar je Barrel gefallen. Eine nachhaltige Wende ist derzeit nicht in Sicht.
Das spricht nicht automatisch gegen ein Investment in Ausrüster. Nach drei Jahren mit rückläufigem Geschäft soll der weltweite Markt für Ölausrüstung in diesem Jahr zumindest stabil bleiben. Entscheidend ist also, wer womit Geld verdient – und wie robust das Geschäft aufgestellt ist. Das lässt sich gut an drei großen US-Ausrüstern zeigen: Halliburton, Baker Hughes und Schlumberger. Ihnen wird bei einer US-Kontrolle der venezolanischen Ölindustrie viel Potenzial zugetraut – aber die Perspektiven unterscheiden sich.
Schlumberger: Rückenwind durch Digitalisierung
Schlumberger stützt sich auf drei zentrale Felder: Bohrtechnik, Produktionssysteme und Technologie, die Öl- und Gasvorkommen effizienter fördert. Größter Umsatzbringer ist die Produktionssparte mit 40 Prozent Anteil.
Gerade dieses Geschäft wird aktuell vor allem von zwei Trends getrieben: Elektrifizierung und Digitalisierung in der Öl- und Gasförderung. Heißt übersetzt: mehr Technik, mehr Software, mehr Automatisierung – statt nur mehr Stahl. Schlumberger dürfte sich damit ungefähr so entwickeln wie die Branche insgesamt. Wem das Risiko eines Einzelinvestments zu hoch ist, kann statt einer Einzelaktie auch über einen breiten Indexfonds (ETF) gehen. Wer gezielt auf US-Ölservices setzen will, findet im ETF VanEck Oil Services eine Option.
Baker Hughes: Innovation bringt Marge
Baker Hughes hat von den drei Kandidaten das innovativste und attraktivste Produktportfolio. Ein Beispiel: Pipelines aus Kompositmaterial – widerstandsfähiger als klassische Stahlrohre. Für solche Produkte kann Baker Hughes höhere Margen verlangen als Halliburton und Schlumberger. Marge heißt hier schlicht: mehr Gewinn pro Auftrag, weil der Kunde für das bessere Zeug extra zahlt.
Dazu kommt ein zweiter Punkt, der an der Börse selten langweilig ist: Diversifikation. Baker Hughes macht einen signifikanten Teil des Geschäfts mit Industriekunden außerhalb der Öl- und Gasbranche. Zuletzt entfiel rund ein Fünftel der eingehenden Aufträge auf diese Sparte. Das macht den Konzern weniger abhängig von den Launen der Energiepreise.
Unterm Strich ist Baker Hughes aufgrund dieser Vorzüge derzeit ein Kauf. Wer darauf setzt, dass sich der Bewertungsabschlag zum US-Markt weiter verringert, sollte nicht ewig zögern, falls er investieren will.
Halliburton: Sparkurs statt Angriff nach vorn
Halliburton zählt zu den Firmen, die von US-Militäraktionen in Ölförderländern immer wieder profitiert haben. Der Konzern verdient etwa weiterhin am Ölgeschäft im Irak. Die Amerikaner und ihre Verbündeten hatten 2003 den irakischen Diktator Saddam Hussein gestürzt – und danach profitierten vor allem US-Unternehmen vom Wiederaufbau der Ölförderinfrastruktur.
Nur: Von den drei großen US-Ölausrüstern steht Halliburton finanziell am wackligsten da. Kapitalrenditen und Cashflows waren zuletzt rückläufig. Analysten erwarten, dass der Cashflow für das abgelaufene Geschäftsjahr 2025 um 40 Prozent gegenüber 2024 schrumpfen wird. Ein Grund ist der hohe Umsatzanteil in den USA: 42 Prozent. Experten erwarten, dass das US-Geschäft mit Ölausrüstung in diesem Jahr nicht wachsen wird.
Halliburton versucht gegenzusteuern und will weitgehend auf teure Übernahmen verzichten. Kosten runter, Risiko runter – klingt vernünftig, ist aber noch kein Beweis, dass der Turnaround sitzt. Für Anleger heißt das: Aktie beobachten, aber vorerst nicht einsteigen.
Hinweis: Im Original folgt der Verweis, dass der Text aus dem WirtschaftsWoche-Newsletter „BörsenTag“ stammt (Montag bis Freitag, nachmittags) sowie der Hinweis „Lesen Sie auch: Was die Venezuela-Krise für Anleger bedeutet“.

