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24. November 2025

Deutschlands Wirtschaft im Stimmungstief: Was der neue ifo-Index wirklich verrät

Derivate

Die erhoffte Erholung der deutschen Wirtschaft lässt weiter auf sich warten – und zwar länger, als vielen lieb ist. Der neue ifo-Geschäftsklimaindex zeigt ziemlich schonungslos: Die Chefetagen glauben selbst nicht mehr so recht an die schnelle Wende.

Der Index, das wichtigste Stimmungsbarometer der deutschen Wirtschaft, ist im November von 88,4 auf 88,1 Punkte gefallen. Drei Zehntel klingen harmlos, aber die Richtung stimmt nicht. Die Unternehmen sehen ihre aktuelle Lage etwas weniger düster, ziehen aber beim Blick nach vorne deutlich die Stirn in Falten. Ökonomen hatten mit einem kleinen Plus gerechnet – bekommen haben sie einen Dämpfer.

Chefetagen treten auf die Bremse

„Die deutsche Wirtschaft zweifelt an einer baldigen Erholung“, bringt ifo-Präsident Clemens Fuest die Lage auf den Punkt. Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe, also in der Industrie vom Maschinenbauer bis zum Autozulieferer, trübt sich die Stimmung ein. Die Erwartungen bekommen laut Fuest „einen deutlichen Dämpfer“. Übersetzt heißt das: Viele Chefs sehen eher Gegenwind als Rückenwind.

Das ifo-Institut bestätigt damit, was im Alltag längst spürbar ist: Die deutsche Wirtschaft steckt fest. Kein Absturz, aber eben auch kein echter Aufbruch. Wer sich von den aktuellen Zahlen einen klaren Startschuss für bessere Zeiten erhofft hat, schaut in die Röhre.

Weihnachtsgeschäft als Stimmungstest

Besonders bitter wird es im Handel. Dort gibt das Geschäftsklima nach – und das ausgerechnet zum Start des Weihnachtsgeschäfts, das normalerweise als Kassenfüller gilt. Vor allem der Einzelhandel zeigt sich enttäuscht. Wenn selbst in der umsatzstärksten Zeit des Jahres die Laune kippt, ist das ein deutliches Warnsignal für die Binnenkonjunktur, also den Konsum im eigenen Land.

Auf dem Bau sieht es kaum besser aus. Die Stimmung trübt sich weiter ein, die schwache Nachfrage bleibt der zentrale Engpass. Projekte werden verschoben, manche ganz gestrichen, Finanzierungen werden schwieriger. Die Branche hängt im Dauerkrisenmodus, lange bevor irgendjemand glaubwürdig von einer Bauwende sprechen könnte.

Dienstleister mit Licht und Schatten

Etwas freundlicher wirkt die Lage bei den Dienstleistern. Hier hellt sich das Geschäftsklima erneut auf. Vor allem im Tourismus geht es spürbar bergauf, viele Hotels und Reiseanbieter melden wieder mehr Leben im Geschäft. Das zeigt: Die Lust auf Reisen und Erlebnisse ist längst nicht tot.

Ganz anders sieht es bei Transport und Logistik aus. Dort meldet das ifo-Institut einen merklichen Rückschlag. Wenn Speditionen, Frachtunternehmen und Logistiker unter Druck stehen, ist das mehr als ein Branchenproblem. Weniger Güter auf der Straße, der Schiene oder im Hafen bedeuten meist: Die Wirtschaft insgesamt tritt auf die Bremse. Der vermeintliche Lichtblick bei den Dienstleistern bekommt damit einen ordentlichen Kratzer.

Ökonomen knöpfen sich die Politik vor

Aus Sicht vieler Volkswirte ist klar: Die Politik trägt einen guten Teil der Verantwortung. „Das Geschäftsklima dürfte vor allem wegen der zögerlichen Politik durchhängen“, sagt Alexander Krüger, Chefvolkswirt beim Bankhaus Hauck Aufhäuser Lampe. Klagen über hohe Kosten, Standortnachteile und Materialmangel gebe es seit Langem. Passiert sei aber zu wenig, um den Standort wirklich fit zu machen.

Krüger fordert, die bekannten Schwächen endlich anzugehen – statt die Reformagenda weiter zu verschieben. Auf den „ausgebliebenen Herbst der Reformen“ dürfe kein „Winter mit Tiefschlaf“ folgen. Auch LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch findet klare Worte: „Leider ist die Politik Teil des Problems. Es wäre besser, wenn sie Teil der Lösung werden würde.“ Seine Bank hat die BIP-Prognose für 2026 bereits nach unten korrigiert – und die neuen ifo-Zahlen nagen schon wieder an der Hoffnung, dass es damit getan ist.

Am Ende sendet der ifo-Index damit eine ungemütliche Botschaft: Die deutsche Wirtschaft steckt in einer zähen Hängepartie. Kein Crash, aber eben auch kein Durchbruch. Industrie, Handel und Bau kämpfen mit schwacher Nachfrage und hohen Kosten, nur einzelne Dienstleistungsbranchen stemmen sich dagegen. Entscheidend wird, ob aus den wenigen Lichtblicken mehr wird als ein kurzes Strohfeuer – oder ob der Pessimismus aus den Chefetagen endgültig die Oberhand gewinnt.