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27. November 2025

Deutschlands Konzerne verbrennen Milliarden für Stellenabbau

Deutschland

Deutschlands Konzerne kippen derzeit Milliarden in Sparprogramme – nicht für Innovation, sondern um Mitarbeiter loszuwerden. Die Rechnung ist zynisch einfach: Erst wird es richtig teuer, dann sollen die Gewinne klettern.

Milliarden für den Stellenabbau

Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres haben Dax-Unternehmen rund sechs Milliarden Euro für Umbaukosten verbucht. Seit Anfang 2024 sind so über 16 Milliarden Euro zusammengekommen – größtenteils für Vorruhestand, Altersteilzeit und hohe Abfindungen. Kurz gesagt: Es wird nicht an Menschen gespart, sondern mit Menschen gespart.

Besonders die Industrie bekommt die Misere zu spüren. Ende September arbeiteten in der deutschen Industrie 120.300 Beschäftigte weniger als ein Jahr zuvor. Berater verweisen vor allem auf drei Problemzonen: Autohersteller, Maschinenbauer, Chemiekonzerne. Dort drücken schwache Konjunktur, neue Technik, China-Konkurrenz und politisches Chaos besonders heftig auf die Geschäftsmodelle.

Bayer, Mercedes, VW: Umbau im XXL-Format

Bayer zeigt, wie brutal so ein Umbau aussehen kann. Seit Ende 2023 hat der Konzern rund 13.200 Stellen gestrichen – etwa 13 Prozent der Belegschaft. Ab 2026 sollen so jedes Jahr zwei Milliarden Euro an Kosten wegfallen. Damit das klappt, wurden erst einmal grob zwei Milliarden Euro an Einmalaufwand fällig: 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2024, weitere 380 Millionen Euro in den ersten neun Monaten 2025. Ein Konzern, der ohnehin mit schwacher Rendite und Altlasten kämpft, legt sich damit selbst ein ordentliches Gewicht in die Bilanz.

Mercedes führt 2025 die Umbaukosten-Liste an: 1,4 Milliarden Euro flossen bisher in den Konzernumbau. Der bereinigte Gewinn von Januar bis September sackte um 35 Prozent ab – inklusive Umbaukosten brach der Überschuss sogar um 50 Prozent ein. Allein im dritten Quartal steckten die Stuttgarter 876 Millionen Euro in Stellenabbau in Deutschland und Einschnitte im Ausland. Die Hoffnung: ein schlankerer Konzern mit höherer Marge. Die Gefahr: viel verbranntes Geld ohne dauerhaften Effekt.

Volkswagen steht nicht besser da. 2024 verbuchte der Konzern 2,5 Milliarden Euro an Umbaukosten, in diesem Jahr bisher 900 Millionen Euro. Bis 2030 sollen an zehn deutschen Standorten 35.000 Jobs wegfallen. Parallel drehen auch Siemens, Commerzbank, FMC, SAP, Allianz und DHL an der Personalschraube – vom Dialysespezialisten bis zum Software- und Logistikriesen sind alle dabei.

Großzügige Abschiede statt Kündigungswelle

Weil viele Konzerne sich intern auf den Verzicht betriebsbedingter Kündigungen festgelegt haben, müssen sie die Leute im Guten loswerden – und legen entsprechend auf den Tisch.

Bei VW können Führungskräfte je nach Gehalt und Dauer der Betriebszugehörigkeit Abfindungen im sechsstelligen Bereich kassieren. Ein 50-jähriger Unterabteilungsleiter mit rund 9000 Euro Monatsgehalt und über 20 Jahren im Unternehmen kommt auf mehr als 400.000 Euro. Auf den unteren Entgeltstufen liegen die Beträge nach zehn Jahren bei etwa 47.000 Euro, nach 20 Jahren bei gut 100.000 Euro. Der Großteil des Abbaus läuft über Altersteilzeit: 78 bis 95 Prozent des bisherigen Nettogehalts, plus teilweiser Ausgleich der späteren Rentenlücke.

Mercedes bot seit dem Frühjahr Abfindungen für rund 40.000 Beschäftigte außerhalb der Produktion an, etwa 4000 sind bereits gegangen. Im sogenannten Turbo-Zeitraum bis Ende Juli gab es die dicksten Prämien: Ein 55-jähriger Teamleiter mit 9000 Euro brutto und 30 Jahren im Unternehmen konnte mit etwa einer halben Million Euro nach Hause gehen, ein Mittdreißiger mit 6000 Euro brutto mit gut 100.000 Euro. Danach wurden die Angebote merklich abgespeckt.

Bei Bayer fährt Konzernchef Bill Anderson die Organisation von oben nach unten gegen die Wand und baut sie neu auf. Managementposten werden reihenweise gestrichen. Beschäftigte bis 56 Jahre erhalten das 1,2-fache Monatsgehalt multipliziert mit den Dienstjahren, plus eine Zusatzprämie für schnelles Gehen. Wer 35 Jahre dabei ist und 8000 Euro verdient, landet bei 52,5 Monatsgehältern – rund 420.000 Euro. Ältere Mitarbeiter ab 57 Jahren mit mindestens 35 Beitragsjahren in die Rentenkasse können in Frühverrentung gehen und sich die Abfindung über sechs Jahre gestreckt auszahlen lassen.

Teurer Schnitt, fraglicher Nutzen

Berater argumentieren, dass sich solche Programme aus Sicht der Unternehmen schnell lohnen. Oft seien die Einmalzahlungen nach einem Jahr durch niedrigere Personalkosten wieder drin, Mercedes rechnet spätestens nach zwei Jahren mit einem Plus. Auf dem Papier sieht das sauber aus. Die Praxis erzählt allerdings eine andere Geschichte.

VW und Bayer haben genau diese Erfahrung schon hinter sich. Der „Zukunftspakt“ von 2016 sollte bei Volkswagen 30.000 Jobs abbauen, 23.000 davon in Deutschland. Trotzdem stiegen die Personalkosten ab 2020 wieder, weil der Konzern massenhaft Software- und Digitalexperten einstellen musste. Bayer schob ab 2018 ein großes Sparprogramm mit 12.000 Stellen weniger und Milliarden an Kostensenkungen an – die Rendite, gemessen am bereinigten Gewinn, fiel trotzdem von 26 Prozent im Jahr 2019 auf aktuell 21 Prozent. Und das, obwohl Bayer in Summe 6,5 Milliarden Euro in Umbauten gesteckt hat.

Am Ende steht eine unbequeme Frage im Raum: Erleben wir gerade den dringend nötigen Strukturbruch, der deutsche Konzerne wirklich zukunftsfest macht – oder nur die nächste teure Runde im bekannten Spiel aus Stellenabbau, Einmalaufwendungen und verschobenen Problemen? Die nächsten Jahre werden zeigen, ob diese Sparwelle mehr hinterlässt als ein dünneres Organigramm und dicke Abfindungsrechnungen.