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9. Januar 2026

Deutschland will den ersten Fusionsreaktor der Welt – und der Zeitplan ist extrem knapp

Fusionsreaktor
Foto: depositphotos.com

Der Fusionsstrom ist seit Jahrzehnten das große Versprechen – jetzt versucht die Bundesregierung, daraus ein Projekt mit Ansage, Terminen und Zuständigkeiten zu machen. Und der Zeitplan ist so sportlich, dass selbst Leute aus der Branche erstmal nach Luft schnappen.

Deutschland soll nach dem Willen der Bundesregierung den ersten Fusionsreaktor der Welt bekommen. Das Ministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat dafür ein Eckpunktepapier vorgelegt: weniger „irgendwann“, mehr „so machen wir’s“.

Drei Hubs statt Warteschleife

Geplant sind drei Innovationszentren, sogenannte Hubs. Zwei sollen sich um die beiden großen Technikpfade kümmern: Magnetfusion und Laserfusion. Der dritte Hub ist für das gedacht, was in solchen Projekten gern unterschätzt wird: Brennstoffkreislauf und Materialentwicklung – also alles, was später den Dauerbetrieb überhaupt erst möglich macht.

Mit diesen Hubs will das Ministerium Wertschöpfung rund um Fusion in Deutschland festnageln – inklusive Exportchancen und Weiterverwendung von Technologien, die nebenbei entstehen. Noch im ersten Halbjahr soll der erste Hub genehmigt werden. Ein Manager aus der Fusionsbranche nennt das einen straffen Fahrplan – aber eben auch einen, den es braucht.

Warum alle auf Fusion schielen

Fusion gilt als heiliger Gral der Energiewelt: sauberer Strom, dauerhaft verfügbar, und deutlich weniger radioaktiver Müll als bei der Kernspaltung. In Sternen wie der Sonne läuft das Prinzip seit Ewigkeiten – dort verschmelzen Atomkerne und setzen dabei riesige Energiemengen frei. Auf der Erde versucht man das seit Jahrzehnten nachzubauen.

Geklappt hat es bisher nicht – jedenfalls nicht so, dass am Ende wirklich nutzbarer Strom rauskommt. Vor drei Jahren gab es zwar erste Erfolge, aber nur im Labor. Seitdem sind die Investitionen in Fusionsfirmen deutlich gestiegen. In Deutschland sitzen laut Handelsblatt gleich vier Unternehmen, die sich zutrauen, beim Rennen um den ersten Reaktor ganz vorn mitzulaufen.

Zwei Wege: Magnete gegen Laser

Weg eins ist Magnetfusion. Darauf setzen Proxima und Gauss Fusion aus München. Die Idee: Riesige Magnete sollen extrem heißes Plasma (eine Art „superheißes Gas“, in dem die Atome ihre Elektronen verloren haben) so in Form halten, dass Kernfusion möglich wird.

Weg zwei ist Laserfusion. Hier arbeiten Marvel Fusion (ebenfalls München) und Focused Energy aus Darmstadt. Hochleistungslaser sollen Brennstoffe wie Wasserstoff, Deuterium oder Bor so stark aufheizen, dass Fusionsreaktionen losgehen. Alle vier Firmen kooperieren mit Industriepartnern, genannt werden unter anderem Siemens Energy, Trumpf, RWE oder Schott.

Rückenwind aus Berlin – aber nicht ohne Ansage

Aus der Branche kommt Zuspruch, weil das Papier nach Einschätzung von Beteiligten Fusion aus der reinen Forschungslogik herausziehen soll. Focused-Energy-Mitgründer Markus Roth spricht von einem überfälligen, zugleich starken Schritt: Aus Versuchsanordnungen sollen industriegeführte Programme werden – mit Meilensteinen und privatem Geld, das mit auf den Tisch muss.

Auch andere Teilnehmer bewerten vor allem die Förderlogik positiv. Dahinter steckt eine klare Ansage: Der Staat will anschieben, aber nicht allein zahlen – und nicht ohne überprüfbare Pläne.

Faktencheck: Was die Hubs wirklich liefern müssen

Zu Beginn ist eine Förderung von 30 Millionen Euro pro Hub vorgesehen, die jährlich steigen kann. Nach der Anlaufphase soll der größte Teil des Kapitals aber aus privaten Beteiligungen kommen. Und: Eine wesentliche private Beteiligung ist Voraussetzung, um überhaupt Förderung zu bekommen.

Wer einen Hub aufbauen will, muss dem Ministerium mehrere harte Punkte liefern: einen konkreten Zeitplan für das geplante Fusionskraftwerk, einen Finanzierungsplan für die ersten fünf Jahre und klare Anforderungen an Infrastruktur. Bewertet werden soll das durch externe Experten, die laut BMFTR auch aus dem Ausland kommen können. Die konkreten Förderrichtlinien will das Ministerium bis Ende März veröffentlichen.

„Apollo“ als Blaupause – und die Angst vor der Nebenrolle

Proxima-Fusionsmann Jakob Fidler warnt davor, die Hubs als Subventionsmaschine für etablierte Akteure oder alte Technologien zu missbrauchen. Er beschreibt das Vorhaben stattdessen als eine Art deutsches Apollo-Programm für Fusion – also ein Projekt mit klarer Mission, wie die USA in den 1960er-Jahren bei der Mondlandung.

Sein Punkt: Es müsse wirklich neue Technologie samt neuen industriellen Lieferketten entstehen. Sonst drohe Deutschland am Ende nur noch Zulieferer für Bestandstechnologien zu werden – also die Rolle, bei der man zwar Teile schraubt, aber nicht das Spiel bestimmt.

Biblis als Laser-Schauplatz

Focused Energy sieht sich mit seinem Forschungs- und Innovationscampus im hessischen Biblis gut aufgestellt. Dort will das Unternehmen Mitte der 2030er-Jahre ein erstes Demonstrationskraftwerk bauen. Bis 2030 sollen dafür 500 Millionen Euro in Laserentwicklung, Prototypen und den ersten Ausbauschritt Richtung Pilotkraftwerk fließen. Hessen unterstützt das Projekt mit 20 Millionen Euro, der größere Teil soll aus privaten Mitteln kommen.

Auch RWE spielt in Biblis eine Rolle: Dem Energiekonzern gehört das Gelände, und im Herbst vergangenen Jahres kündigte RWE an, zehn Millionen Euro in das Start-up zu investieren. Perspektivisch könne man sich vorstellen, das Engagement später auszuweiten.

Wer nicht vor Ort ist, kann trotzdem mitmischen

Laut Plan des Forschungsministeriums können Partner eines Hubs auch „virtuell“ eingebunden werden – also ohne festen Sitz am Standort. Würde Biblis zum Zentrum für Laserfusion, müsste das Marvel Fusion aus München nicht außen vor lassen. Marvel betont, man stehe seit Längerem im engen Austausch zur Ausgestaltung eines Hubs rund um Biblis und wolle dabei bestehende Forschungs- und Entwicklungsstrukturen etwa in Hamburg und München einbinden.

Als möglicher Standortvorteil gelten außerdem alte Kraftwerksareale. Ehemalige Kern- und Kohlekraftwerksstandorte eignen sich laut einer Studie der Technischen Universität München (TUM) im Auftrag von Gauss Fusion besonders gut: Sie bringen Netzanbindung und Fläche mit – zwei Dinge, die beim Bau solcher Anlagen schnell teuer werden.

Der Haken: Physik lässt sich nicht überreden

So viel Euphorie aus Politik und Industrie auch mitschwingt – Fusionsforscher erinnern immer wieder daran, dass ein Durchbruch nicht garantiert ist. Themen gibt es genug: eine netto-positive Energiebilanz (also am Ende wirklich mehr Energie raus als rein), Materialien, die den extremen Bedingungen standhalten, und Produktionskapazitäten entlang der Lieferkette.

Genau hier wird sich entscheiden, ob die Hubs mehr sind als ein gut klingendes Programm: Ende März sollen die Regeln stehen, im ersten Halbjahr die erste Genehmigung folgen – und danach muss das Ganze zeigen, ob es nicht nur ambitioniert wirkt, sondern auch trägt.