Deutschland zielt auf den Schalthebel der Euro-Geldpolitik – obwohl das Land mit Ursula von der Leyen an der EU-Kommissionsspitze und Claudia Buch in der EZB-Bankenaufsicht schon ungewöhnlich stark vertreten ist. Trotzdem bringt Berlin zwei eigene Notenbanker für die Nachfolge von Christine Lagarde ins Spiel und arbeitet im Hintergrund an einem Plan B.
Doppelspitze als Handicap
Schon heute besetzt Deutschland eines der beiden Topämter in der EU; ein weiterer Deutscher an der EZB-Spitze sprengt die gewohnte Machtbalance. Ein Regierungsmitglied bringt es knapp auf den Punkt: „Natürlich haben wir schlechte Karten.“
Bis Ende 2027 werden vier von sechs EZB-Direktoriumsposten neu besetzt, darunter der Vizepräsident, der Chefvolkswirt, Isabel Schnabel und Lagarde. In der Euro-Gruppe kandidiert der Grieche Kyriakos Pierrakakis für den Vorsitz, im Rennen um den EZB-Vize tauchen Nordeuropäer wie Olli Rehn auf. Je nachdem, welche Regionen dort zum Zug kommen, steigen oder sinken die Chancen deutscher Bewerber. Parallel kursieren Namen wie Klaas Knot und Pablo Hernández de Cos als Alternativen aus den Niederlanden und Spanien.
Zwei Deutsche, zwei Profile
Bundesbankpräsident Joachim Nagel nutzt seine Auftritte, um sich als energischer Europaverteidiger zu zeigen. In Berlin widersprach er der Warnung vor einem wirtschaftlichen „Museum Europa“ und warb für „Muskelaufbau“. Im „Spiegel“ erklärte er, grundsätzlich habe jeder Notenbanker im EZB-Rat die Kompetenz für das Spitzenamt – eine Bewerbung zwischen den Zeilen.
Isabel Schnabel formuliert es direkter. Auf die Frage, ob es Zeit für eine deutsche EZB-Präsidentin sei, sagte sie: „Wenn ich gefragt würde, stünde ich bereit.“ Ein früherer Notenbanker kommentiert das frühe Vorpreschen spöttisch mit dem Satz, wer den Job nicht bekommen wolle, verhalte sich genau so.
Fachlich gilt Schnabel als sehr gute Ökonomin, im EZB-Rat geschätzt und neben Lagarde als einzige Frau ein sichtbares Signal. Geldpolitisch ist sie allerdings eine „Falkin“, setzt also eher auf straffe Zinsen, während die Mehrheit im Rat dem weicheren „Tauben“-Lager zugerechnet wird.
Nagel wiederum wird von Kritikern als „nun wahrlich nicht der größte Geldpolitiker“ beschrieben, eher vom Finanzmarkt her kommend. Unterstützer betonen seine Fähigkeit, Kompromisse zu schmieden und für viele Regierungen „vermittelbar“ zu sein. Sein SPD-Parteibuch wäre für Kanzler Friedrich Merz kaum ein Hinderungsgrund, wenn sich die Chance auf den ersten Deutschen an der EZB-Spitze eröffnet.
Machtfrage und Plan B
Die Debatte knüpft an eine Entscheidung aus der Merkel-Zeit an: 2019 verzichtete Berlin auf den EZB-Chefposten, um stattdessen die EU-Kommission zu besetzen. Damals schien der politische Spielraum in Brüssel wichtiger als der Einfluss auf die Geldpolitik. Heute treibt vor allem die Union eine andere Sorge um: hohe Schuldenstände in vielen Euro-Staaten und das Szenario, dass die EZB erneut massiv Staatsanleihen kaufen muss – etwa, wenn in Frankreich 2027 ein Rechtspopulist die Wahl gewinnt.
Für dieses Risiko wünschen sich manche einen Deutschen an der EZB-Spitze als Notbremse. Lars-Hendrik Röller, langjähriger Wirtschaftsberater von Angela Merkel, sagt, es sei an der Zeit für den ersten Deutschen an der EZB-Spitze, ergänzt aber: „Es ist kompliziert.“ Kompliziert auch deshalb, weil offen ist, ob von der Leyen wirklich bis 2029 Kommissionspräsidentin bleibt oder 2027 als Bundespräsidentin infrage kommt – und ob Lagarde tatsächlich bis Ende 2027 durchzieht oder früher wechselt.
Weil viele dieser Variablen außerhalb deutscher Kontrolle liegen, arbeitet die Bundesregierung parallel an einem Ausweichmanöver. Geht Deutschland bei der Lagarde-Nachfolge leer aus, soll möglichst der Posten des EZB-Chefvolkswirts nach Berlin gehen. Dabei fällt immer wieder der Name Volker Wieland, früherer Wirtschaftsweiser und Organisator der Konferenz „The ECB and Its Watchers“. In der SPD gibt es Vorbehalte gegen den konservativen Ökonomen, andere Kandidaten bleiben im Spiel. Sicher ist nur eines: Deutschland will sich in dieser Runde des europäischen Postenpokers nicht noch einmal vorwerfen lassen, es bekomme keine internationale Personalpolitik hin.

