Erst waren sie der Geheimtipp für Renditejäger, jetzt will sie keiner mehr anfassen: Deutschlands Small Caps – also die kleineren börsennotierten Unternehmen – geraten unter die Räder. Der norwegische Staatsfonds hat gerade ein Mandat über rund 600 Millionen Euro für deutsche Nebenwerte gekündigt. Offiziell soll das Geld nur in ein europaweites Portfolio umgeschichtet werden, doch der Zeitpunkt ist brisant. Denn der Markt für kleine Aktien steckt in der Krise – und das schon länger.
Große Fische ziehen das Kapital ab
Bei Fonds, die sich auf Nebenwerte spezialisiert haben, herrscht seit Monaten Flaute. Das große Geld fließt raus, Fonds werden dichtgemacht, Manager verlieren ihre Jobs. Auch bei der Frankfurter Investmentgesellschaft MainFirst wurden mehrere Nebenwerte-Fonds abgewickelt. Ihr Chef Luca Pesarini zieht offenbar die Reißleine – und steht damit nicht allein.
Ein erfahrener Fondsmanager brachte es neulich im Gespräch mit einem großen deutschen Börsenmedium auf den Punkt: „Die Leute kaufen nur noch ETFs, am liebsten mit KI drin.“ Klingt überspitzt, ist aber nicht falsch. Viele Anleger stürzen sich auf die großen Tech-Giganten, während kleinere Firmen kaum noch Beachtung finden. Der Trend ist eindeutig: lieber Masse statt Klasse, lieber Hype als Hausverstand.
Das Problem: Wenn das große Kapital abzieht, bleiben die Kurse der Small Caps auf der Strecke. Denn anders als bei DAX-Schwergewichten reicht bei kleinen Werten schon ein größerer Verkaufsauftrag, um den Kurs ordentlich durchzuschütteln.
Schwankungen wie auf dem Jahrmarkt
Wie fragil der Markt inzwischen ist, zeigte jüngst die Deutsche Pfandbriefbank. Ohne neue Nachrichten verlor die Aktie innerhalb weniger Tage fast 20 Prozent an Wert – einfach, weil kaum jemand handelte und ein einzelner Verkäufer den Kurs drückte. Wer da investiert ist, braucht starke Nerven.
Gleichzeitig sind viele Small Caps aktuell spottbillig. Manche notieren nur knapp über ihrem Buchwert – also dem, was das Unternehmen auf dem Papier wert ist, inklusive Kasse und Maschinen. Das operative Geschäft gibt’s quasi gratis dazu. Klingt absurd, ist aber Realität. Trotzdem greifen nur wenige zu. Denn viele Anleger trauen den Zahlen nicht und fürchten, dass die niedrigen Bewertungen einen Grund haben.
Investoren wittern Schnäppchen
Ganz tot ist der Markt aber nicht. Finanzinvestoren – also Private-Equity-Gesellschaften mit dickem Geldbeutel – schnappen sich derzeit gezielt Firmen, die an der Börse keiner mehr will. So hat Warburg Pincus, wo Ex-Telekom-Chef René Obermann mitmischt, den Energiesoftware-Spezialisten PSI übernommen. Der Kurs schoss daraufhin steil nach oben. Ähnlich lief es beim Raumfahrtunternehmen OHB, wo der Einstieg des Investors KKR den Kurs kräftig anschob.
Diese Deals zeigen: Es gibt sie noch, die Käufer, die den Wert kleiner Firmen erkennen – nur sind es eben Profis mit langem Atem. Laut Daten der traditionsreichen Metzler Bank ist der Abschlag kleinerer europäischer Aktien auf die großen Titel so hoch wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Ihr Kapitalmarktchef Michael Mayer spricht von einer Bewertungslücke von rund 22 Prozent. Das ist ein dickes Brett – und könnte entweder heißen, dass Small Caps heillos unterschätzt werden oder dass der Markt ihre Risiken ziemlich realistisch einschätzt.
Wie es weitergeht, hängt davon ab, ob wieder frisches Vertrauen in die kleinen Werte zurückkehrt. Noch fließt das Geld lieber in große Namen und Tech-Träume. Aber Märkte drehen schneller, als man denkt – und wer schon länger dabei ist, weiß: Genau dann, wenn keiner mehr hinschaut, entstehen oft die besten Geschichten.

