5,3 Milliarden Euro sind kein „Vielleicht“, sondern ein Machtwort – und genau so tritt die Deutsche Börse bei Allfunds auf. Der Dax-Konzern hat sich mit Management und den wichtigsten Anteilseignern der Fondsplattform auf die Details einer Übernahme verständigt. Trotzdem bleibt ein dicker Haken: Der Deal kann am Ende trotzdem platzen.
Am Mittwochabend legte die Deutsche Börse eine Kaufofferte über 5,3 Milliarden Euro vor. Ziel ist die spanisch-britische Fondsverwaltungsplattform Allfunds – vereinfacht gesagt: ein großer „Marktplatz“ für Fonds, über den Banken und Vermögensverwalter Produkte abwickeln. Vorstandschef Stephan Leithner verkauft den Schritt als Ausbau zur „kritischen Finanzmarktinfrastruktur“, also zu einem System, ohne das im europäischen Finanzbetrieb vieles klemmen würde. Nur: Bis das wirklich durch ist, dürfte Zeit vergehen. Leithner rechnet mit einem Vollzug erst in der ersten Jahreshälfte 2027.
Brüssel entscheidet – und das ist der wunde Punkt
Bevor irgendwer Sekt kaltstellt, müssen die Regulatoren ran. Entscheidend ist die Prüfung der EU-Wettbewerbskommission – das ist die Kartellbehörde in Brüssel, die schaut, ob ein Deal den Wettbewerb kaputtmacht. Einige Analysten sehen die Chancen, dass die Übernahme dort durchgeht, laut Bericht gerade mal bei 50 Prozent. Übersetzt: Münzwurf.
Die Deutsche Börse und Allfunds hatten schon Ende November öffentlich gemacht, dass sie über die Übernahme verhandeln. Die Summe: 5,3 Milliarden Euro, der Preis: 8,80 Euro je Allfunds-Aktie. Klingt klar – war es aber lange nicht, weil es nicht nur ums „Wie viel“, sondern auch ums „Wie“ ging.
Mehr Cash, weniger Basteln mit Aktien
Ursprünglich wollte die Deutsche Börse je Aktie nur 4,40 Euro bar zahlen. Den Rest sollten Aktionäre über Deutsche-Börse-Aktien und eine Dividende bekommen. In den letzten Wochen wurde daran geschraubt – und zwar spürbar. Jetzt sollen es 6,00 Euro in bar sein, dazu 2,60 Euro in Deutsche-Börse-Aktien und 0,20 Euro Dividende.
Das ist nicht nur Kosmetik. Mehr Bargeld heißt: Für viele Aktionäre ist es leichter zu schlucken, weil sie nicht so stark darauf setzen müssen, dass die Deutsche-Börse-Aktie später genau so performt, wie man es sich heute schönrechnet.
Aktionärstest im März – aber die Großen sind schon an Bord
Neben den Behörden müssen auch die Allfunds-Aktionäre zustimmen. Der Übernahmeprozess läuft nach britischem Recht: Bei einem Aktionärstreffen im März 2026 müssen Anteilseigner zustimmen, die mindestens 75 Prozent des Kapitals vertreten.
Ein großer Brocken ist bereits abgesichert. Die drei größten Aktionäre mit zusammen 48,9 Prozent haben unwiderruflich zugesagt, für den Deal zu stimmen: der Finanzinvestor Hellman & Friedman, der singapurische Staatsfonds GIC und BNP Paribas. Bedeutet: Fast die Hälfte ist schon festgezurrt – aber eben noch nicht genug, um sich zurückzulehnen.
Strategisch passt es – und genau deshalb schaut Brüssel so genau hin
Die Deutsche Börse ist im Fondsservicegeschäft bereits unterwegs, mit starkem Fokus auf Deutschland und die Schweiz. Allfunds ist vor allem in Italien, Spanien und Frankreich stark. Auf dem Papier ergänzt sich das gut. Deshalb sehen Analysten die Übernahme grundsätzlich positiv: mehr Reichweite, mehr Kunden, mehr Gewicht im europäischen Markt.
Die Börse verspricht zudem 60 Millionen Euro Kostensynergien – also Einsparungen, weil man Doppelstrukturen zusammenlegt. Obendrauf sollen 30 Millionen Euro an Einsparungen möglich sein, weil Investitionen künftig gemeinsam laufen könnten. Klingt nach sauberer Rechnung – nur hängt das am Ende daran, wie hart der Integrationsalltag wird und was Brüssel erlaubt.
Zweiter Anlauf – und diesmal soll es klappen
Ganz neu ist die Geschichte nicht. Finanzkreisen zufolge hatte die Deutsche Börse schon 2020 Interesse an Allfunds, ließ es aber bleiben – unter anderem wegen des geforderten Preises. Danach brachte der Haupteigentümer Allfunds 2021 in Amsterdam an die Börse. Seitdem lief die Aktie laut Bericht eher mau.
Der jetzt gebotene Preis von 8,80 Euro entspricht einem Aufschlag von rund einem Drittel gegenüber dem letzten Kurs vor Bekanntwerden der Gespräche. Am Mittwoch stand Allfunds zum Handelsschluss bei 8,08 Euro. Dass der Kurs trotz Angebot darunter bleibt, ist ein ziemlich eindeutiger Hinweis: Der Markt traut dem Frieden noch nicht. Die entscheidende Frage lautet daher weniger, ob die Deutsche Börse zahlen will – sondern ob sie den Deal durch die regulatorische Mangel dreht, ohne dass am Ende ein Stempel „abgelehnt“ draufkommt.

